Hohes Potenzial für Ambulantisierung in Deutschland
Mehr als die Hälfte der stationär behandelten Fälle könnte ambulant versorgt oder vermieden werden. Das zeigt eine Analyse für den aktuellen Krankenhaus-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Analyse der Krankenhausfälle des Jahres 2024
Für die Modellrechnung hat das WIdO wissenschaftliche Ansätze zur Vermeidung oder Verlagerung von Krankenhausfällen gemeinsam betrachtet und auf die Krankenhausfälle des Jahres 2024 angewendet. Das Ergebnis: In allen 16 Bundesländern liegt das Ambulantisierungspotenzial bei mehr als der Hälfte der stationären Fälle. Auf Bundesebene wären von 15,2 Millionen Krankenhausfällen im Jahr 2024 damit etwa 8,6 Millionen Fälle „ambulantisierbar“ oder vermeidbar. Das entspricht 42 Prozent der Belegungstage und 39 Prozent der Klinik-Ausgaben.
„Die ambulante Erbringung medizinischer Leistungen führt zu deutlich geringeren Kosten als die stationäre Versorgung, da vor allem der teure Bedarf einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung entfällt“, sagt Dr. David Scheller-Kreinsen, WIdO-Geschäftsführer und Mitherausgeber des Krankenhaus-Reports. Diese geringeren Kosten müssten sich aber auch in geringeren Erlösen niederschlagen, um die GKV-Finanzen zu stabilisieren. Bei entsprechender Aufstellung der prä- und poststationären Versorgungsstrukturen sei nach allen internationalen Erfahrungen keine Qualitätsverschlechterung zu erwarten, so Scheller-Kreinsen. Besonders groß ist das Potenzial in fallzahlstarken Leistungsgruppen der Grundversorgung, etwa in der „Allgemeinen Inneren Medizin“ und der „Allgemeinen Chirurgie“. Dort wurden jeweils über 60 Prozent der Fälle als ambulantes Potenzial identifiziert.
Konsequente Umsetzung nötig
Erste Analysen aus Nordrhein-Westfalen (NRW) zeigen jedoch, dass sich bislang kaum etwas an der Zahl der beteiligten Krankenhausstandorte verändert hat. „Das Thema wird mit der aktuellen Krankenhausreform nicht konsequent angegangen“, betont Scheller-Kreinsen. Kapazitäten und Vorhaltefinanzierung müssten um „ambulantisierbare“ Leistungen bereinigt werden. Sonst würden Kliniken weiterhin für stationäre Strukturen finanziert, obwohl ein Teil der Leistungen künftig ambulant erbracht werden könnte. Auch die Regelungen für „sektorenübergreifende Versorger“ seien zu starr und verhinderten regionale Lösungen.
Positive Effekte kann die Krankenhausreform laut Report bei der Bündelung spezieller Eingriffe wie Hüftimplantationen oder Krebsoperationen haben. Das zeigen erste Daten aus NRW, wo die Einführung und Zuweisung der Leistungsgruppen bereits vorweggenommen wurde. Voraussetzung ist, dass Kliniken spezifische Qualitätskriterien erfüllen. Bei Leistungen der Spezialversorgung wurde eine Reduzierung der operierenden Krankenhausstandorte um bis zu 70 Prozent verzeichnet. So führten vor der Reform 247 Klinikstandorte Hüftimplantationen durch, nach der Zuweisung nur noch 137. Im zweiten Quartal 2025 wurden nur noch drei Prozent der Fälle an Standorten ohne Zuweisung operiert, 2023 waren es noch 17 Prozent.
„Das zeigt, dass das Reformziel der qualitätsorientierten Konzentration gelingen kann, wenn – wie in Nordrhein-Westfalen – der nötige politische Wille zur konsequenten Krankenhausplanung vorhanden ist“, sagt AOK-Vorstandsvorsitzende Dr. Carola Reimann. Die „Gelegenheitsversorgung“ bei Eingriffen der Spezialversorgung sei deutlich reduziert worden – eine gute Nachricht für die Patientensicherheit. In anderen Bundesländern stehe dieser Prozess noch bevor. Ausnahmeregelungen könnten ihn aber abschwächen.
Erfahrungen aus der Schweiz
Der aktuelle Krankenhaus-Report bietet eine detaillierte Analyse der Krankenhausplanung in der Schweiz, die ebenfalls auf Leistungsgruppen basiert. Dort wurden Qualitätsvorgaben seit 2012 nicht national, sondern je nach Kanton unterschiedlich umgesetzt. Die Analyse zeigt: Wo Ausnahmen möglich sind, werden sie auch genutzt. „Daraus kann man für die deutsche Krankenhausreform wichtige Schlüsse ziehen“, erklärt Alexander Geissler, Professor für Gesundheitsökonomie, -Politik und -Management an der Universität St. Gallen. Bei zu vielen Ausnahmeregelungen drohe ein „Flickenteppich“, der den Reformprozess konterkariere.
Fehlanreize beim Pflegebudget
Der Report beleuchtet zudem das dynamische Wachstum des Pflegebudgets. Seit 2020 können Kliniken Kosten für zusätzliches Pflegepersonal direkt an die Krankenkassen weitergeben. Dieses Prinzip der Selbstkostendeckung hat laut WIdO zu mehr Pflegekräften in Krankenhäusern geführt, aber auch zu steigenden Kosten: von 19,4 Milliarden Euro im Jahr 2020 auf 26,1 Milliarden Euro im Jahr 2024. Für 2025 liegen die Forderungen der Krankenhäuser aktuell zwölf Prozent über dem vereinbarten Wert. Die Koalition will die Zuwächse deshalb begrenzen.
Eine Begrenzung könne die Kosten kurzfristig dämpfen, behebe aber nicht die systemischen Fehlanreize, sagt Scheller-Kreinsen. Seit Einführung des Pflegebudgets sei ein verlangsamtes Wachstum des Pflegepersonals in der Langzeitpflege zu verzeichnen. Außerdem bremse das Pflegebudget die Ambulantisierung und verlagere Tätigkeiten in die Pflege, die keiner pflegerischen Qualifikation bedürften. „Das Pflegebudget muss auch vor diesem Hintergrund weiterentwickelt werden“, fordert der WIdO-Experte. Pflegediagnosen und Pflegeleistungen sollten verbindlich dokumentiert und als Grundlage für ein neues Vergütungssystem genutzt werden, das Pflegebedarf und später auch Pflegequalität besser abbildet.
Verschiedene Reformperspektiven
Der Krankenhaus-Report 2026 widmet sich in 20 Kapiteln dem Schwerpunktthema „Reformperspektiven“ – mit Blick auf Krankenhausstrukturen, Krankenhausfinanzierung, Ambulantisierung und sektorenübergreifende Versorgung. Die Beiträge des 420-seitigen Sammelbandes fragen aus verschiedenen Perspektiven, ob die aktuelle Krankenhausreform auf dem richtigen Weg ist, um mangelnder Qualitätsorientierung, einer alternden Gesellschaft und knapper werdenden Ressourcen zu begegnen.
Weiterführende Informationen
- Open Access-PublikationKrankenhaus-Report 2026
- PRO DIALOGInterview mit Dr. David Scheller-Kreinsen: „Die Aufteilung nach Sektoren ist die Denke von gestern“
Die aktuelle Ausgabe als PDF

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