„Schmerzen sollten früh ganzheitlich betrachtet werden“
Mit dem neuen QISA-Band zu chronischen, nicht tumorbedingten Schmerzen steht erstmals ein strukturiertes Indikatorenset für die ambulante Versorgung zur Verfügung. Wie es Praxen bei einem ganzheitlichen Schmerzmanagement unterstützen kann, erläutert Mitautorin Cornelia Straßner.


Dr. Cornelia Straßner
Cornelia Straßner ist Privatdozentin an der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Uniklinikums Heidelberg und Mitautorin des QISA-Bandes.
Frau Dr. Straßner, wo fehlen in der Versorgung chronischer Schmerzen am häufigsten strukturierte Behandlungsansätze?
Außerhalb spezialisierter Schmerztherapie fehlen strukturierte Konzepte oft in der ambulanten Versorgung. Schmerzen werden häufig lange vor allem somatisch betrachtet – mit Fokus auf eine körperliche Ursache. Dabei ist längst bekannt, dass auch psychische, soziale und spirituelle Faktoren eine Rolle spielen. Ganzheitliche Ansätze sind selten, ebenso eine gute Vernetzung: Hausärzte, Fachärzte, Physio- und Psychotherapeuten arbeiten oft nebeneinander statt abgestimmt.
Was meinen Sie mit spirituellen Faktoren?
Das geht auf das Total-Pain-Modell von Cicely Saunders zurück. Spiritualität beeinflusst das Schmerzempfinden – nicht nur in der Palliativmedizin. Gemeint ist, wie ein Mensch zu seinem Leben steht: Wer weiß, was ihm Kraft und Halt gibt, kann oft besser mit Schmerzen umgehen als Menschen, die wenig Zugang zu ihren persönlichen Ressourcen haben.
Warum bleibt der Fokus oft körperlich?
Körperliche Faktoren lassen sich im Praxisalltag leichter beeinflussen – etwa durch Medikamente, Physiotherapie oder auch operative Maßnahmen. Psychische, soziale oder spirituelle Aspekte zu berücksichtigen, erfordert mehr Zeit und Ressourcen.
Viele Betroffene „wandern“ von Arzt zu Arzt. Welche Folgen hat das?
Oft steht dahinter das Gefühl, nicht wirklich gehört worden zu sein. Viele erleben, dass weder Ursache noch passende Therapien gefunden wurden, sodass immer wieder neue Behandlungsansätze ausprobiert werden – gerade auch im Bereich individueller Gesundheitsleistungen oder alternativer Angebote, die oft selbst bezahlt werden müssen.
Wichtig wäre daher mehr Zeit für eine gründliche Schmerzanamnese zu Beginn. Entscheidend ist, dass Betroffene ihre bisherigen Erfahrungen, eigenen Erklärungsansätze und Erwartungen einbringen können. Ergänzend braucht es eine bessere Vernetzung und Abstimmung zwischen allen, die an der Behandlung beteiligt sind.
Kann die elektronische Patientenakte (ePA) helfen?
Die ePA hat Potenzial, ist aber noch nicht ausreichend in der Routine angekommen. Entscheidend ist, was dokumentiert wird. Denn gerade psychosoziale Aspekte sind bislang oft nicht systematisch erfasst.
Wo sehen Sie Unter- und Fehlversorgung?
Unterversorgung besteht vor allem bei nicht-medikamentösen Ansätzen. Schmerzedukation, Bewegung, Entspannung oder Psychotherapie spielen eine wichtige Rolle, werden aber noch zu wenig genutzt. Gleichzeitig gibt es Engpässe, etwa lange Wartezeiten auf Psychotherapie oder beim Zugang zur interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie. Fehlversorgung zeigt sich beim Einsatz von Schmerzmitteln: Freiverkäufliche Medikamente werden oft zu häufig eingenommen. Auch bei Opioiden besteht Verbesserungsbedarf: Die Verordnungen erfolgen nicht immer leitliniengerecht. Die LONTS-Leitlinie empfiehlt zum Beispiel einen zeitlich begrenzten Einsatz und eine Überprüfung nach etwa sechs Monaten, weil dann nur noch ein Teil der Betroffenen profitiert. In der Praxis werden solche Therapien jedoch häufig fortgeführt, ohne den Nutzen ausreichend zu hinterfragen.
Welche Lücke soll der QISA-Band schließen?
In vielen Praxen fehlen strukturierte Abläufe für die Schmerzbehandlung. Anders als bei Disease-Management-Programmen gibt es oft keine Aufgabenteilung, keine systematischen Schulungen oder regelmäßigen Termine unabhängig von Schmerzspitzen.
Die QISA-Indikatoren setzen hier an und geben konkrete Orientierung, um das Schmerzmanagement strukturierter und nachhaltiger zu gestalten.
Wie wurden die Indikatoren entwickelt?
Das Vorgehen folgt bei QISA einer standardisierten Methodik, die wir auch für den Band zu chronischen, nicht tumorbedingten Schmerzen angewendet haben. Zunächst wurden in Literatur und Leitlinien über 100 mögliche Indikatoren identifiziert und auf etwa 50 reduziert. Diese wurden von einem interdisziplinären Expertenpanel bewertet – darunter Hausärzte, ein Orthopäde, ein Schmerztherapeut, eine Versorgungsforscherin und eine Patientenvertreterin. Am Ende einigte sich das Panel auf 13 Indikatoren, die für die Versorgungspraxis als besonders relevant eingeschätzt wurden.
Wie kommen die Indikatoren zur Anwendung?
Ein zentraler Ansatz ist die Nutzung in Teamsitzungen oder Qualitätszirkeln, um die eigenen Abläufe im Schmerzmanagement systematisch zu reflektieren. Die Indikatoren können dabei helfen, die Versorgung kritisch zu betrachten, gemeinsam zu diskutieren und gezielt zu überlegen, in welchen Bereichen Anpassungen oder Verbesserungen sinnvoll sind. In diesem Sinne sind sie vor allem ein praktisches Instrument für das interne Qualitätsmanagement und den fachlichen Austausch im Team. Darüber hinaus werden die Indikatoren auch in Forschungsprojekten eingesetzt, etwa um Versorgungsqualität systematisch zu erfassen und weiterzuentwickeln.
Welche Rolle spielt das RELIEF-Projekt?
Die Entwicklung der QISA-Indikatoren für chronische, nicht tumorbedingte Schmerzen war Teil des RELIEF-Projekts, im Rahmen dessen ein hausärztliches Case-Management-Programm für Menschen mit chronischen Schmerzen entwickelt wird. Aktuell startet dazu eine größere randomisiert kontrollierte Studie, in der das Programm in mindestens 20 Praxen erprobt und evaluiert wird.
Die QISA-Indikatoren haben dabei eine doppelte Rolle gespielt: Sie waren zum einen wichtig für die inhaltliche Ausgestaltung des Programms, zum anderen dienten sie als Grundlage für die Auswahl relevanter Endpunkte in der Evaluation.
Wie könnte eine ideal strukturierte Versorgung aussehen?
Schmerzen sollten früh ganzheitlich betrachtet und Betroffene von Anfang an über die biopsychosoziale Entstehung von Schmerzen aufgeklärt werden – ebenso wie über die Bedeutung nicht-medikamentöser Therapieansätze.
Eine zentrale Rolle kommt dabei aus meiner Sicht der Hausarztpraxis zu. Hausärztinnen und Hausärzte sind oft die ersten Ansprechpartner, begleiten ihre Patientinnen und Patienten über lange Zeit, kennen deren Vorgeschichte, das familiäre Umfeld und die soziale Situation.
Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass solche Strukturen nicht allein von einzelnen Praxen geschaffen werden können. Dafür braucht es entsprechende Versorgungsmodelle, die Zeit, Vergütung und auch eine stärkere Einbindung und Qualifizierung des Praxisteams ermöglichen.
Weiterführende Informationen
- QISA – Qualitätsindikatorensystem für die ambulante VersorgungZum QISA-Band „Chronische nicht tumorbedingte Schmerzen“
- PRO DIALOGNeue Arbeitshilfe zur Behandlung chronischer Schmerzen
Die aktuelle Ausgabe als PDF

Das Qualitätsindikatorensystem für die ambulante Versorgung (QISA) wurde um einen Band erweitert, der sich mit der adäquaten Behandlung nicht tumorbedingter Schmerzen befasst.
Format: PDF | 4 MB

