„Dieselbe Entwicklung wird mehrfach öffentlich finanziert“
Steuergelder tragen einen Großteil der Arzneimittelforschung. Im Interview spricht die Gesundheitswissenschaftlerin Claudia Wild über die doppelte öffentliche Finanzierung.

Claudia Wild
Priv.-Doz. Dr. Claudia Wild ist Gesundheitswissenschaftlerin und langjährige Leiterin des Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA).
Frau Dr. Wild, Sie sagen, dass öffentliche Gelder bei der Entwicklung neuer Arzneimittel eine viel größere Rolle spielen als gemeinhin angenommen. Warum war es Ihnen wichtig, diesen Befund gerade jetzt so deutlich zu machen?
Üblicherweise heißt es ja, dass die öffentliche Hand die Infrastruktur bereitstellt und die Wirtschaft dann innoviert. Dieses Geben und Nehmen ist aus dem Gleichgewicht geraten. Heute verdient überwiegend die Industrie, während die öffentliche Hand zahlt.
Hohe Preise für Arzneimittel werden oft damit begründet, dass Forschung so teuer sei.
Die Behauptung, diese Preise seien zwingend notwendig, ist schlicht falsch. Tatsächlich stammen 80 bis 90 Prozent der Grundlagen- und frühen medizinischen Forschung – insbesondere bei Gentherapien und bei Advanced Therapy Medicinal Products (ATMP) – aus öffentlicher Hand. Was dabei oft übersehen wird, ist, dass diese öffentliche Finanzierung nicht nur punktuell stattfindet, sondern systematisch entlang der gesamten Entwicklungskette wirkt. Die öffentliche Hand trägt nicht nur das wissenschaftliche Risiko, sondern auch einen erheblichen Teil des finanziellen Risikos – und das über viele Jahre hinweg, ohne Aussicht auf direkte Erträge. Diese Vorleistungen sind die Grundlage dafür, dass überhaupt marktfähige Innovationen entstehen können.
Eine Ursache der doppelten öffentlichen Finanzierung sei die mangelnde Transparenz, lautet Ihre Kritik. Was meinen Sie damit konkret?
Auf supranationaler Ebene gibt es noch transparente Datenbanken, etwa in Europa oder bei den National Institutes of Health der staatlichen US-Gesundheitsforschungsbehörde. Intransparent wird es auf nationaler Ebene. Dort gibt es zahlreiche Förderinstrumente – von Grundlagenforschung über translationale Forschung bis hin zur Wirtschaftsförderung. Gerade diese Wirtschaftsförderungen, etwa für Start-ups aus dem universitären Umfeld, werden bei der Betrachtung von Forschungsfinanzierung meist völlig ausgeblendet. Dabei werden diese Unternehmen oft über Jahre mit öffentlichen Geldern finanziert. Das ist faktisch Teil der Arzneimittelentwicklung, wird aber nicht mitgerechnet.
So entsteht der Eindruck, als ob die Industrie einen viel größeren Eigenanteil an der Forschung hätte, als es tatsächlich der Fall ist. In Wahrheit wird dieselbe Entwicklung mehrfach öffentlich finanziert – zuerst über Forschungsförderung, dann über Wirtschaftsförderung und später über hohe Erstattungspreise im Versorgungssystem.
Wo entlang der Entwicklungskette trägt die öffentliche Hand besonders große Risiken?
Nicht nur in der Grundlagenforschung, sondern weit darüber hinaus. Die großen Pharmaunternehmen steigen oft erst nach erfolgreich abgeschlossenen Phase-I- oder Phase-II-Studien ein. Dann kaufen sie kleinere Firmen auf. Diese Käufe sind aber keine Forschungsausgaben, sondern Akquisitionen am Finanzmarkt.
Die kleinen Firmen, die das Risiko getragen haben, wurden zuvor umfassend öffentlich finanziert. Das finanzielle Risiko liegt also größtenteils bei der Allgemeinheit.
Man muss hier sehr klar unterscheiden zwischen echter Forschung und finanzmarktgetriebenen Transaktionen. Wenn ein Unternehmen für mehrere Milliarden ein Start-up kauft, das zuvor jahrelang öffentlich gefördert wurde, dann ist das kein Beleg für hohe eigene Forschungsausgaben, sondern für eine strategische Bewertung am Kapitalmarkt. Diese Kosten werden später dennoch als Rechtfertigung für hohe Arzneimittelpreise herangezogen – und das ist aus meiner Sicht nicht legitim.
Das heißt, Sie kritisieren nicht die öffentliche Finanzierung von Grundlagenforschung an sich?
Nein, ganz im Gegenteil. Grundlagenforschung durch die öffentliche Hand ist sinnvoll und notwendig. Problematisch ist, dass dieses System aus dem Gleichgewicht geraten ist. Früher hat die öffentliche Forschung zu bezahlbaren Medikamenten geführt. Heute erleben wir exorbitante Preise. Es stimmt etwas nicht mehr im Verhältnis von Geben und Nehmen.
Was müsste man regulatorisch korrigieren, um mehr Transparenz in Sachen Industriefinanzierung zu erreichen?
Es braucht eine standardisierte Methode zur Berechnung von Forschungs- und Entwicklungskosten. Die öffentliche Hand und auch philanthropische Organisationen zeigen, dass das möglich ist. Sinnvoll wäre ein EU-Projekt, das unterschiedliche Berechnungsmethoden entwickelt und vergleicht.
Da der Arzneimittelmarkt in Europa fast vollständig öffentlich finanziert ist, hat die öffentliche Hand auch das Recht, Regeln für Transparenz vorzugeben.
Wie realistisch ist dies?
Auf politischer Ebene sehe ich wenig Hoffnung. Aber die Kostenträger, also gesetzliche Krankenversicherungen und öffentliche Einkäufer, sind nicht machtlos. Sie können Transparenz einfordern, bevor Preisverhandlungen beginnen.
Ein Schwerpunkt Ihrer Kritik ist die sogenannte Orphanisierung. Wo sehen Sie die Grenze zwischen notwendiger Förderung und strategischer Nutzung?
Es gibt dazu eine EU-Studie, die zeigt, dass von mehreren hundert Orphan-Drugs nur sehr wenige originär von der Industrie entwickelt wurden. Der Großteil stammt aus öffentlicher Forschung und wurde später aufgekauft. Orphanisierung bezeichnet dabei die strategische Ausrichtung auf Arzneimittel für seltene Erkrankungen, die regulatorische Erleichterungen erhalten, etwa beim Nutzennachweis oder in der frühen Preisbildung. Problematisch wird es dort, wo diese Seltenheit künstlich hergestellt wird.
Wie kann denn Seltenheit künstlich erzeugt werden?
Erkrankungen werden in immer kleinere genetische Subgruppen aufgeteilt, sodass sie formal als selten gelten, obwohl die Gesamtzahl der Patientinnen und Patienten durchaus relevante Größenordnungen erreicht. Europaweit betrachtet wären für viele dieser Erkrankungen robuste klinische Studien möglich. Stattdessen wird der Orphan-Status gezielt genutzt, um hohe Preise durchzusetzen. Das ist keine medizinische Notwendigkeit, sondern eine Marktstrategie.
Was fehlt der öffentlichen Hand im Umgang mit diesen Strategien?
Sie vermarktet ihre eigene Rolle viel zu schlecht. Die öffentliche Hand produziert enormes Wissen und trägt hohe Kosten, auch Kapitalisierungskosten. Dieses Engagement wird aber kaum sichtbar gemacht. Dadurch kann sich die Industrie als alleinige Innovatorin darstellen.
Welche Debatte bräuchten wir über Arzneimittelpreise?
Wir müssten viel stärker darüber sprechen, wie viel öffentliche Innovation tatsächlich in Arzneimitteln steckt und wie wenig transparent Preisbildung heute ist. Solange diese Informationen fehlen, bleibt die Debatte unsachlich und verzerrt zugunsten der Industrie.
Weiterführende Informationen
- PRO DIALOG vom 5. Februar 2026Arzneipreise auf dem Prüfstand
- Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO)Arzneimittel-Kompass
- AOK Presse- und PolitikportalPositionen zur Arzneimittelversorgung – Eckpunkte für mehr Wirtschaftlichkeit, Qualität und Sicherheit
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Der Arzneimittel-Kompass 2025 zeigt: Die Arzneimittelausgaben der GKV wachsen seit Jahren deutlich schneller als die Ausgaben in anderen Leistungsbereichen. Diese Entwicklung hat vor allem strukturelle Ursachen. Im Interview dieser Pro-Dialog-Ausgabe spricht die Gesundheitswissenschaftlerin Claudia Wild über die doppelte öffentliche Finanzierung von Arzneimitteln.
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