Pflegebudget schafft Fehlanreize und verschärft Wettbewerb um Personal
Die 2020 eingeführte Selbstkostendeckung in der Pflege verschärft den Wettbewerb um Personal, treibt die Ausgaben für Kliniken und erschwert die Budgetverhandlungen. Das ist die Bilanz einer aktuellen Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zu Effekten des sogenannten Pflegebudgets.

Mehr Beschäftigte, aber kaum mehr Fachkräfte
Die 2020 eingeführte Selbstkostendeckung in der Pflege verschärft den Wettbewerb um Personal, treibt die Ausgaben für Kliniken und erschwert die Budgetverhandlungen. Das ist die Bilanz einer aktuellen Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zu Effekten des sogenannten Pflegebudgets. Demnach ist die Zahl der Beschäftigten zwischen 2019 und 2024 um mehr als 50.000 auf rund 350.600 gestiegen und damit um 3,4 Prozent pro Jahr. Das Plus betreffe jedoch zu 75 Prozent Pflegehilfskräfte – die Zahl der Pflegefachkräfte nahm lediglich um zehn Prozent zu. Die fachspezifischen Personalvorgaben für Pflegekräfte auf den Stationen wurde laut der empirischen Analyse trotz des Personalaufbaus häufig verfehlt – 2022 und 2023 war dies in rund 15 Prozent, 2024 noch in 14,3 Prozent der Schichten der Fall. Die sogenannten Pflegepersonal-Untergrenzen (PpUG) legen die maximale Patientenzahl fest, die pro Schicht von einer Pflegekraft betreut werden sollten.
Fachkräfte aus der Altenpflege zieht es an die Kliniken
Die Analyse zeigt zudem, dass Krankenhäuser im Zuge der Einführung des Pflegebudgets in erheblichem Umfang Fachkräfte aus der Altenpflege eingestellt haben. Die Zahl der ausgebildeten Altenpflegekräfte in den Kliniken hat sich seit 2019 um das 2,5-fache erhöht. Gleichzeitig ist die Zahl der Vollkräfte in den Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten seit der Einführung des Pflegebudgets deutlich langsamer gewachsen als in den Jahren davor. Während sie zwischen 2009 und 2019 im Jahresdurchschnitt um 2,6 Prozent in Pflegeheimen und 5,4 Prozent in der ambulanten Pflege stieg, hat sich das Wachstum der Vollkräfte in den Jahren 2019 bis 2023 auf durchschnittlich 0,8 Prozent beziehungsweise 2,0 Prozent pro Jahr reduziert. Auch bei den Fachkräften zeigt sich diese Divergenz.
Höhere Kosten vor allen in freigemeinnützigen Häusern
Gleichzeitig stiegen den Kosten für Pflege. Das Volumen des Pflegebudgets erhöhte sich seit 2019 von 19,4 Milliarden auf zuletzt knapp 28,2 Milliarden (2025). Der kostensteigende Effekt ist insbesondere in freigemeinnützigen und privaten Kliniken zum Tragen gekommen. Hier sind die Pflegebudgets mit einem Plus von 50 Prozent zwischen 2019 und 2024 deutlich stärker gestiegen als in den öffentlich-rechtlichen Krankenhäusern (plus 42 Prozent). Auch zwischen den einzelnen Krankenhäusern sind starke Unterschiede erkennbar. Hintergrund ist das Prinzip der Selbstkostendeckung: Innerhalb des Pflegebudgets können die Krankenhäuser sämtliche Kosten für den Personalzuwachs direkt an die Krankenkassen weitergeben. Damit haben sich auch die Budgetverhandlungen zwischen Kassen und Kliniken deutlich verlangsamt. Ende Oktober 2025 lagen erst für 41 Prozent der deutschen Kliniken Budgetvereinbarungen für das Jahr 2025 vor. Selbst für das Jahr 2023 war bei 14 Prozent der Kliniken noch keine Einigung gelungen.
- Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO)Analyse zum Pflegebudget im Krankenhaus (PM)
- Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO)„Das Pflegebudget: eine empirische Zwischenbilanz“ (ePaper)
- Vergütung von Leistungen (Somatik)Finanzierung der Pflege im Krankenhaus