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“Viele Menschen in den USA können sich schlicht keine Krankenversicherung leisten”

Jonathan Will ist Professor an der School of Law des Mississippi College in Jackson, USA. Am Freitag war er mit einer Gruppe Studierender zu Besuch bei der AOK Nordost in Berlin, um etwas über das deutsche Krankenversicherungssystem zu erfahren. Wir haben mit ihm über die Unterschiede zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Gesundheitssystem gesprochen.

Herr Will, was ist der Grund für Ihren Besuch in Europa?
Die School of Law des Mississippi College bietet ihren Studierenden unterschiedliche Auslandsprogramme, zwischen denen sie wählen können. Diese Kurse adressieren unterschiedliche Aspekte der vergleichenden Rechtswissenschaften – z. B. Menschenrechte, Verfassungsrecht, Militärrecht oder Gesundheitsrecht. In diesem Jahr lehre ich in einem neuen Programm, bei dem wir für einen Kurs in vergleichendem Gesundheitsrecht zwei Wochen in Frankreich und eine Woche in Deutschland sind. Im Zuge dessen diskutieren wir viele verschiedene Themen – von Gesundheitssystemen bis zur Behandlung komplizierter bioethischer Fragen – sowohl am Lebensanfang als auch an dessen Ende. In vielen Fällen ist die Herangehensweise der USA bei der Gesundheitsversorgung anders als in vielen anderen Ländern und aus diesem Grund sind wir sehr neugierig, neue Perspektiven kennenzulernen.

Sie sind jetzt schon ein paar Tage hier: Was ist Ihr erster Eindruck von den europäischen Gesundheitssystemen? Können Sie schon sagen, was Sie positiv und was negativ bewerten würden? Sehen Sie Verbesserungsbedarf?
Zum Glück musste ich noch nicht die Leistungen der Gesundheitssysteme in Anspruch nehmen, seit ich Europa bin. Meine Perspektive ist also noch immer die eines Außenstehenden. Mein Eindruck allerdings ist bisher ein positiver: Europäische Länder sind – im Vergleich zu den USA – in der Lage, nahezu jedem ihrer Bürger eine Gesundheitsversorgung anzubieten, und das zu einem Bruchteil des Preises. Abgesehen davon schneiden europäische Länder meist besser in den grundlegenden Gesundheitsstatistiken wie der Säuglingssterblichkeit, der Lebenserwartung etc. ab. Das ist sicherlich auch darin begründet, dass die Einzelperson in Europa augenscheinlich gesünder leben, aber grundsätzlich lässt sich festhalten, dass der bessere Zugang hier – vor allem zu Präventionsleistungen – nicht unterschätzt werden darf.

Ein Bereich, der vielen Ländern Schwierigkeiten zu bereiten scheint - auch den USA -, ist die Frage, wie viel für die Gesundheitsversorgung ausgegeben wird. Während wir in den USA systemweit zu viel bezahlen, habe ich den Eindruck, dass in einigen Ländern genau gegenteilig diskutiert wird – dass nicht genügend Geld ausgegeben wird, dass Ärzte und Krankenhäuser nicht genug Geld erhalten. Die Kostenübernahme seitens der staatlichen Krankenversicherung in den USA wird als sehr gering angesehen, im Gegenzug können die Sätze in der privaten Krankenversicherung sehr hoch sein. Es gibt keine Festpreise für Leistungen, also zahlen die unterschiedlichen Kostenträger verschiedene Beträge für die Leistungen - im Gegensatz zu den meisten, wenn nicht allen europäischen Ländern. Eine weitere Folge davon ist es, dass unsere Verwaltungskosten wesentlich höher sind als in Europa.

Wie kam es dazu, dass Sie sich bei der AOK Nordost gemeldet haben?
Eine Freundin von mir arbeitet in München und ist in der Gesundheitswirtschaft tätig. Als sie hörte, dass ich einen Kurs im Rahmen eines Auslandsaufenthalts lehre, schlug sie vor, dass ich mich mit der dortigen AOK in Verbindung setze. Die AOK Bayern hat dann Kontakt mit der AOK Nordost in Berlin aufgenommen und darum gebeten, unsere Gruppe zu betreuen.

Was ist der größte Schmerzpunkt im amerikanischen Gesundheitssystem? Und was funktioniert besser im Vergleich zu Deutschland und Europa?
Meiner Meinung nach sind die Kosten der Gesundheitsversorgung das größte Problem der USA. Das führt dazu, dass die Krankenversicherungsbeiträge sehr hoch sind und viele Menschen - und auch Arbeitgeber - sich diese schlicht und einfach nicht mehr leisten können. Anders als in vielen anderen Gesundheitssystemen gibt es in den USA keine offene Diskussion darüber, was Gesundheitsversorgung kostet und was Kostenträger bezahlen. In Systemen mit nur einem Kostenträger oder solchen, in denen private Kostenträger gemeinschaftlich verhandeln, gibt es mehr Möglichkeiten, die Preise, die gezahlt werden, festzulegen - vorbehaltlich zumindest einiger Diskussionen mit den Leistungserbringern, die ebenfalls dazu neigen, gemeinsam zu verhandeln. Diese Art des kollektiven Verhandelns ist dem US-Gesundheitssystem sehr fremd.

  Offensichtlich gibt es hierfür keine einfache Lösung. Amerika ist geografisch wie auch in Hinblick auf die Bevölkerung ein sehr großes Land. Dies führt dazu, dass die Kosten für die Gesundheitsversorgung sich von Region zu Region unterscheiden. Des Weiteren ist die Ausbildung der Ärzte extrem kostenintensiv. Hinzu kommen sehr hohe Versicherungssummen, um sich gegen Behandlungsfehler abzusichern. Diese Faktoren würden es sehr schwierig machen, die Preise drastisch zu senken, ohne auch andere finanzielle Belange zu berücksichtigen. Diese Probleme sind systemisch und müssen ganzheitlich angegangen werden.

Außerdem ist zu berücksichtigen, dass die Steuern in den meisten europäischen Ländern deutlich höher sind als in den USA. Viele Amerikaner sind sehr zurückhaltend, wenn es um Steuererhöhungen geht. Auch wenn ich mir sicher bin, dass die USA hier kein Einzelfall sind, ist mein Eindruck, dass das Misstrauen der Bevölkerung in den Staat im Hinblick auf die Verwendung von Steuergeldern größer ist als in anderen Ländern.

Vor dem Hintergrund der Informationen, die Sie schon über das deutsche Gesundheitssystem haben: Wie würden Sie es bewerten?
Da ich noch nicht praktisch mit dem deutschen Gesundheitssystem in Berührung kam, kann ich keine spezifischen Punkte nennen. In den USA ist das Gesundheitssystem sehr vom privaten Sektor dominiert. Jene Amerikaner, die über ihren Arbeitgeber versichert sind, erleben ein sehr ähnliches System, wie es hier in Deutschland üblich ist. Daher kennen viele Amerikaner das Konzept des Bismarckschen Systems. Ich denke, dass das britische – staatlich finanzierte - System deutlich weniger akzeptiert wäre. Unsere Veteranenkrankenhäuser funktionieren in gewisser Weise wie der National Health Service und diese sind alles andere als perfekt. Es ist so, dass Privatversicherungen in den USA Gewinn machen können, aber sie verhandeln nicht gemeinsam, um Preise festzulegen. Der Ausschluss von Gewinnen und die Festsetzung von Preisen würde einige - vielleicht viele - US-Bürger beunruhigen. Aber insgesamt scheint es in Deutschland zu funktionieren, was Deutschland zu einem sehr interessanten Modell macht, von dem die USA lernen können.

Im Bereich der Digitalisierung werden die USA oft als ein Vorbild für Deutschland gesehen– besonders im Gesundheitssystem. Auch wenn die AOK Nordost führend im Bereich der Digitalisierung im Gesundheitswesen ist, ist es für Deutschland noch ein weiter Weg. Haben Sie Tipps für uns? Wie kann Deutschland hier besser werden?
Der Ausbau der Digitalisierung kann zu großen Effizienzsteigerungen und Qualitätsverbesserungen führen. Aber dies ist auch sehr teuer. In den USA zahlen die Akteure im Gesundheitswesen Millionen für die Implementierung der elektronischen Patientenakten und andere Software-Lösungen. Ich bin mir sicher, dass diese Investitionen sich langfristig mehr als auszahlen werden, aber Krankenhäuser in den USA - und vielleicht auch in Deutschland - haben Schwierigkeiten, diese Vorauszahlungen zu leisten. Zuschüsse der Regierungen könnten notwendig sein, wenn dieser Prozess beschleunigt werden soll.

Herr Will, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Manuel Waldmann.

Jonathan Will, Professor an der School of Law des Mississippi College in Jackson, USA

Foto: AOK Nordost