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"Ich fühle mich zum ersten Mal ernst genommen"

Laut einer Studie der Schmerzklinik Kiel sind in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen von chronischen Kopfschmerzen betroffen.

Kopfschmerztag: AOK-Programm hilft chronischen Kopfschmerzpatienten

Berlin, 8. September 2017. Zehn Jahre lang litt die Berliner Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin Jekaterina Kugel unter heftigen Kopfschmerzattacken. Jeder Arzt hatte eine andere Diagnose parat: erst Cluster-, dann Spannungskopfschmerz und schließlich Migräne. Eine wirksame Therapie fand nicht statt. Heute ist die 33jährige AOK-Versicherte weitgehend von ihrem Leid befreit – dank KopfschmerzSPEZIAL. In dem speziellen Versorgungsprogramm kooperiert die AOK Nordost mit der Charité und ermöglicht ihren Versicherten einen kostenfreien Zugang zu dem besonderen interdisziplinären Versorgungsansatz der Charité-Kopfschmerzambulanz.

Dort arbeiten Neurologen, Psychologen und Physiotherapeuten eng zusammen und erstellen gemeinsam ein ganz individuelles Therapiekonzept für jeden Patienten. Dar-über hinaus kooperiert die Kopfschmerzambulanz in KopfschmerzSPEZIAL mit Fachärzten in Berlin und Brandenburg, an die die Patienten zur ambulanten Nachbetreuung überwiesen werden. „Zu uns kommen Menschen, die haben schon zwanzig Jahre lang Schmerzen und waren in dieser Zeit bei Dutzenden von Ärzten und Therapeuten – niemand konnte ihnen bisher helfen“, so Professor Uwe Reuter, Facharzt für Neurologie und Leiter der Kopfschmerzambulanz.

Menschen wie Jekaterina Kugel. „In dem Versorgungsprogramm fühlte ich mich zum ersten Mal richtig ernst genommen. Die Ärzte nahmen sich viel Zeit, sie haben mir zu-gehört und mir ausführlich erklärt, wie so ein Schmerz zustande kommt. Außerdem fand ich die Arbeit mit einer Psychologin für mich auch sehr wertvoll. In meinem Fall kamen schließlich Entspannungstechniken zum Einsatz. Entspannung war genau das Richtige für mich“, sagt Jekaterina Kugel.

Laut einer Studie der Schmerzklinik Kiel sind in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen von chronischen Kopfschmerzen betroffen. „Wir haben es mit mehr als 200 Arten von Kopfschmerzen zu tun. Doch es gibt Ähnlichkeiten darin, wie sie entstehen, was sie aufrechterhält – und wie wir sie wieder loswerden können. Soziale und psycho-logische Faktoren spielen neben den medizinisch-biologischen Ursachen eine große Rolle. Deshalb wollen wir bei der Untersuchung herausfinden, welche Stressoren im Alltag, welche Belastungen und ungünstigen Verhaltensweisen die Kopfschmerzen fördern. Sehr häufig können wir die Diagnose bereits nach einer körperlichen und psychologischen Untersuchung und einem ausführlichen ärztlichen Gespräch stellen. Bei Jekaterina Kugel hat sich die Teilnahme an einem intensivierten einwöchigen Tagesprogramm als sinnvoll erwiesen“, erläutert Professor Reuter.

Drei Fragen an Dr. Heike Israel-Willner von der Charité-Kopfschmerzambulanz

Frage: KopfschmerzSPEZIAL orientiert sich am Ansatz der multimodalen Schmerztherapie. Was versteht man darunter und was sind die Vorteile für den Patienten?

Dr. Israel-Willner: Bei der multimodalen Schmerztherapie arbeiten Ärzte, Psychologen beziehungsweise Psychotherapeuten und Physiotherapeuten Hand in Hand. Nach der Diagnosesicherung erstellen sie einen gemeinsamen Therapieplan und tauschen sich auch immer wieder zum Behandlungsverlauf aus. Dabei werden neben der eigentlichen Erkrankung auch Begleiterkrankungen berücksichtigt und mit behandelt.

Der Patient selbst ist in den gesamten Prozess stark eingebunden. So wird er beispielsweise im richtigen Umgang mit der Erkrankung geschult. Dazu gehört auch, dass er für Auslöse- und Verstärkungsfaktoren sensibilisiert wird, die er dann bewusst vermeiden kann. Insgesamt bekommt er so mehr Sicherheit im Umgang mit der Erkrankung und fühlt sich vor allem bei seinem Behandlerteam gut aufgehoben. Denn Schmerzpatienten haben häufig eine lange und leider oft auch vergebliche Odyssee durchs Gesundheitssystem hinter sich. Nicht selten resignieren sie irgendwann und entwickeln zusätzlich zu ihrer Schmerzerkrankung starke psychische Leiden. Ganz zu schweigen davon, dass die Erkrankung selbst irgendwann chronisch wird. Das kann mit einer gut abgestimmten multimodalen Schmerztherapie vermieden werden.

Frage: Im Zusammenhang mit chronischen Schmerzen taucht immer häufiger der Begriff „biopsychosozial“ auf. Was genau kann sich der Laie darunter vorstellen?

Dr. Israel-Willner: Es gibt verschiedene Modelle zur Beschreibung und Erklärung von Krankheit und Gesundheit. Bei dem sogenannten biopsychosozialen Modell könnte man allgemeinverständlicher auch von einem ‚ganzheitlichen Ansatz‘ sprechen, in dem nicht nur der körperliche Zustand, sondern auch das seelische Empfinden sowie die soziale Einbindung des Patienten als wichtige Faktoren bei der Entstehung, Aufrechterhaltung und Bewältigung einer Krankheit betrachtet werden.

Frage: Wie ist es generell um die Versorgung von Kopfschmerzpatienten in Deutschland bestellt? Was kann aus Ihrer Sicht gegen bestehende Mängel getan werden?

Dr. Israel-Willner: Die Versorgung ist leider noch unzulänglich. Patienten mit chronifizierten Kopfschmerzen sind nicht oder nur unzureichend in fachärztlicher Behandlung. Sie entwickeln häufig psychische Folgeerkrankungen wie Depressionen oder arzneimittel-induzierte somatische Folgeerkrankungen wie Leberschädigungen und Niereninsuffizienz.

Es ist eine positive Entwicklung, dass es in Deutschland bereits spezialisierte Kopfschmerzzentren gibt und Zentren, die im Rahmen der integrierten Versorgung multimodale Behandlungsprogramme anbieten. Deren Anzahl ist jedoch nicht ausreichend, um den eigentlichen Betreuungsbedarf adäquat abzudecken. Darüber hinaus sollten noch mehr Hausärzte stärker sensibilisiert werden, Patienten mit chronischen Kopfschmerzen frühzeitig an einen Facharztkollegen, sprich Neurologen oder Nervenarzt beziehungsweise Schmerztherapeuten zu überweisen.

AOK-Versicherte, die an chronischen Kopfschmerzen leiden, können sich direkt an die Kopfschmerzambulanz der Charité wenden unter kopfschmerz@charite.de oder 030 – 450 660168 (Mo bis Fr von 9 – 14 Uhr). Weitere Informationen zum Programm unter www.aok.de/nordost/kopfschmerz.

Pressekontakt

AOK Nordost - Die Gesundheitskasse

Pressesprecherin Gabriele Rähse

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