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AOK-Forum live in Schwerin zur „Zukunft der Pflegeversicherung“

„Wir müssen uns fragen, was gute Pflege wert ist“

Schwerin, 13. November 2018. Die Regierungskoalition hat sich das Thema Pflege auf die Agenda geschrieben. In der vergangenen Woche hat der Bundestag mit dem Pflegepersonalstärkungsgesetz ein weiteres Reformpaket beschlossen. Die Herausforderungen bleiben – allein in Mecklenburg-Vorpommern wird die Zahl Pflegebedürftiger bis 2030 auf rund 100.000 steigen.

Wie die Pflegeversicherung in Deutschland auch in den kommenden Jahrzehnten funktionieren kann, darüber diskutierten am gestrigen Montagabend Experten aus Politik, Wissenschaft und Pflege beim „AOK-Forum live“. Rund 100 Gäste waren der Einladung der AOK Nordost zu der gesundheitspolitischen Diskussion unter dem Titel „Die Zukunft der Pflegeversicherung“ ins Schweriner Hotel Speicher gefolgt. Moderiert wurde die Debatte vom freien Journalisten und ehemaligen ARD-Korrespondenten Norbert Carius.

Wissenschaftler skizziert Systemwechsel in der Finanzierung

In seinem Impulsvortrag beschrieb Prof. Dr. Heinz Rothgang von der Universität Bremen die Situation in der stationären Pflege. „Die Eigenanteile für die Pflegebedürftigen sind höher als jemals zuvor – weitere Steigerungen sind nicht mehr vertretbar.“ Nach der ursprünglichen Konzeption der gesetzlichen Pflegeversicherung sollten deren Leistungen ausreichen, um die pflegebedingten Kosten in Heimen abzudecken und den Lebensstandard zu sichern. Inzwischen beliefen sich die durchschnittlichen Eigenanteile deutschlandweit aber auf über 600 Euro pro Monat.

„Lebensstandardsicherung bei Pflegebedürftigkeit kann die Pflegeversicherung in ihrer derzeitigen Fassung nicht gewährleisten. Hierzu ist eine Systemreform der Finanzierung notwendig“, sagte Rothgang und skizzierte sein Modell des „Sockel-Spitze-Tauschs“: Da die Pflegesätze heute gedeckelt seien, gehen alle Kostensteigerungen komplett zulasten der Bewohner. Rothgang schlägt vor, das Prinzip umzukehren und den Eigenanteil zu begrenzen. Im Gegenzug würde die Versicherung die steigenden Kosten für die Pflege komplett ausgleichen. „Solch ein Systemmodell kann den Erhalt des Lebensstandards der Pflegebedürftigen in der Zukunft sicher gewährleisten“, gab sich Rothgang überzeugt.

Sozialministerin plädiert für ehrliche Diskussion über Finanzierung

In der anschließenden Diskussion sprach sich auch Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) für eine ehrliche Diskussion über die Finanzierung und Bezahlbarkeit der Pflege aus. „Die Art der Finanzierung wird zunehmend virulent“, sagte sie. Das Modell des vorgestellten Sockel-Spitze-Tauschs stelle die Finanzierung der Pflegeversicherung vom Kopf auf die Füße. „Das ist ein lohnenswerter Vorschlag, den wir in Politik und Gesellschaft offen diskutieren müssen.“

Gewerkschaft setzt auf solidarische Vollversicherung

„Als Gewerkschaft setzen wir auf eine solidarische Vollversicherung“, sagte Steffen Kühhirt, Landesfachgruppenleiter Gesundheit und Soziales von ver.di Nord. Die Gewerkschaft habe bereits 2012 ein vergleichbar funktionierendes Finanzierungsmodell vorgestellt, das allerdings auf einen Eigenanteil für die Versicherten verzichtet. „Unsere Vorstellungen sind mit dem Sockel-Spitze-Tausch-Modell nicht so weit auseinander. Im Kern müssen wir uns fragen, was uns gute Pflege wert ist.“

CDU-Gesundheitsexperte warnt vor unüberschaubaren Kostenfolgen

Dietrich Monstadt, CDU-Parlamentarier und Mitglied des Gesundheitsausschusses im Deutschen Bundestag, forderte mehr Wertschätzung für die Pflege: „Sprechen wir positiv über Pflege – und zwar immer!“ Auch er zeigte sich offen für Veränderungen. „Klar ist, dass etwas passieren muss. Neue Herausforderungen müssen mit neuen Konzepten hinterlegt werden.“ Zugleich sprach er von der Gefahr einer überbordenden Inanspruchnahme von Pflegeleistungen mit unüberschaubaren Kostenfolgen.

Heimleiterin sieht Pflegekräfte im schwierigen Spagat

Einen Blick in den Pflegealltag richtete Ines Janzon, Heimleiterin im „Seniorenhaus Brunnenaue“ in Stralsund. Sie berichtete von einem schwierigen Spagat in der Arbeit: „Meine Mitarbeiter müssen jeden Tag die Bedürfnisse und Wünsche der Heimbewohner mit der begrenzten zur Verfügung stehenden Zeit in Einklang bringen. Um allen gerecht zu werden, bräuchte ich in unserer Einrichtung zwei Mitarbeiter pro Wohnbereich mehr.“

Zum Abschluss der Diskussionsrunde bestand Einigkeit über die anstehenden Aufgaben in der Pflege. Neben der Finanzierungssystematik stehen auch die Themen faire Entlohnung der Beschäftigten in den Pflegeheimen, Gewinnung von Fachpersonal und Berufsnachwuchs verbunden mit einem Imagewandel des Berufsbildes auf der Agenda. „Ich bin froh, dass die Dimension des Themas in der Politik angekommen ist und die Debatte gesamtgesellschaftlich geführt wird“, betonte Drese.

Ministerin dankt Gesundheitskasse für „wichtige Diskussionsplattform“

Wichtige Schritte wie die Abschaffung des Schulgeldes für junge Menschen, die sich für den Pflegeberuf entscheiden, seien erreicht, so die Landessozialministerin. Allerdings seien der größte Pflegedienst in Deutschland die Familien. Auch für sie gelte es, die Rahmenbedingungen attraktiver zu machen, ihnen mehr Wertschätzung zu geben und Entlastung zu ermöglichen. Das allein böte Stoff für eine weitere Abendveranstaltung. „Danke an die AOK Nordost, die diesem Thema eine wichtige Diskussionsplattform bietet.“

Pressekontakt

AOK Nordost – Die Gesundheitskasse
Matthias Gabriel
Pressesprecher
Tel.: 0800 265 080 – 22202
E-Mail: presse@nordost.aok.de