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Ein Stück Gerechtigkeit

Geht es Patienten nach einer Behandlung schlechter als vorher, kann ein Behandlungsfehler der Grund sein. Doch viele Betroffene scheuen den Konflikt mit Ärzten. Experten der AOK NordWest helfen bei der Aufklärung.

Manchmal ist ein Gang vors Gericht nötig

Justitia

Das Unglück geschah beim Frühstück. Die neunmonatige Marie (Name geändert) saß im Hochstuhl und brabbelte fröhlich. Die Mutter stand nur kurz vom Tisch auf. Da streckte das Kind die Ärmchen aus, um mit dem Kabel des heißen Wasserkochers zu spielen. Das Gerät kippte um. Die Flüssigkeit verbrühte Maries Körper. Das Kind kam in eine Spezialklinik. Als das Mädchen Wochen später nach Hause kam, war es schwer behindert. Die Eltern schalteten die AOK NORDWEST ein.

Das ist kein Einzelfall: Mehr als 15.000 Versicherte suchten in den vergangenen 20 Jahren allein in Westfalen-Lippe und Schleswig-Holstein Hilfe bei der AOK NORDWEST, weil sie das Gefühl hatten, falsch behandelt worden zu sein. Jeder fünfte Verdacht bestätigte sich. „Wir wollen die Rechte unserer Kunden stärken“, sagt Iris Kröner, Unternehmensbereichsleiterin Recht & Compliance bei der AOK NORDWEST. Nach bisheriger Rechtslage muss der Arzt über Behandlungsfehler nämlich nur Auskunft geben, wenn der Patient aktiv danach fragt. In einem Positionspapier fordert der AOK-Bundesverband nun, dass Ärzte von sich aus über vermutete Behandlungsfehler informieren müssen. Zudem solle es eine Verkürzung der Verfahren sowie Beweiserleichterungen für Patienten geben. Kröner: „Viele Menschen wissen nicht, wie sie Informationen bekommen.“ Die stehen in der Regel in der Krankenakte, in der Ärzte und Pflegepersonal alles dokumentieren. Laut Gesetz dürfen Patienten und Erziehungsberechtigte diese Unterlagen einsehen.

Von Fehlern erfuhren Maries Eltern aber erst, nachdem Mitarbeiter der AOK NORDWEST die Behandlungsunterlagen angefordert hatten. Daraus ging hervor, dass zu viel Kalium im Blut war. Die Folge: Maries Herz blieb stehen. Das Gehirn wurde minutenlang nicht mit Sauerstoff versorgt. Eine schnelle Wiederbelebung hätte Schlimmeres verhindern können. Doch laut Akten gab es Verzögerungen. Das ist die Kurzfassung der Krankengeschichte, wie sie sich den Gutachtern des Medizinischen Dienstes darstellte, die im Auftrag der AOK NORDWEST prüften, was passiert war.

Mehr als zwei Jahre nach dem Herzstillstand lagen ihre Ergebnisse vor: Es besteht der Verdacht, dass in der Klinik grobe Behandlungsfehler passiert sind. „Tatsächlich bestätigt sich aber in 80 Prozent aller Fälle ein Verdacht nicht“, so Kröner. Doch in 20 Prozent der Fälle sind die Beweise so konkret, dass die AOK NORDWEST Nachforschungen anstellen lässt. Die Gutachten werden danach kostenlos an die Versicherten weitergegeben, damit sie ihr Recht einfordern können. „Die Menschen erwarten bei der Aufklärung von Behandlungsfehlern kompetente Hilfe von ihrer Krankenkasse“, sagt Iris Kröner. „Die Experten-Gutachten sind ein wesentlicher Baustein, um die Prozesschancen und -risiken realistisch einzuschätzen.“

Zurück zum Fall Marie. Ein Richter urteilte schließlich, dass der Haftpflichtversicherer der Klinik lebenslang alle Kosten für die medizinische Behandlung und Pflege übernehmen muss. Zudem erhielten die Eltern ein Schmerzensgeld von 200.000 Euro.

Standpunkt: Patientenrechte stärken

Georg Keppeler, alternierender Verwaltungsratsvorsitzender der AOK NordWest
Georg Keppeler, alternierender Vorsitzender des Verwaltungsrats der AOK NORDWEST

Selbst bei bewiesenem Behandlungsfehler wird es geschädigten Patienten schwer gemacht, Schadenersatz durchzusetzen. Oft müssen sie mit aufwendigen Gutachten und in langwierigen Gerichtsverfahren nachweisen, dass der Behandlungsfehler die Ursache für die Schädigung ist. Davor scheuen viele zurück. Deshalb muss sich die Beweislast endlich umkehren, wenn der Schaden mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf dem Behandlungsfehler beruht. Völlig inakzeptabel ist, dass es für Behandler und Medizinproduktehersteller keine gesetzlichen Vorgaben für obligatorische Haftpflichtversicherungen mit ausreichenden Deckungssummen gibt. Nach fast sieben Jahren Patientenrechtegesetz ist es an der Zeit, das zu ändern.