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Ärztliche Versorgung auf dem Land: Neue Modelle schaffen

Klaus Reinhardt ist Hausarzt aus Bielefeld und im Mai zum Präsidenten der Bundesärztekammer gewählt worden. Im Interview äußert er sich über Modelle, wie der ländliche Raum besser medizinisch versorgt werden kann.

„Vieles ist denkbar, wie temporäre ambulante Einrichtungen oder Bring- und Hol-Dienste“

Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer
Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer

Herr Dr. Reinhardt, mit Ihnen steht seit vielen Jahren wieder ein Allgemeinmediziner an der Spitze der Bundesärztekammer. Bedeutet dies eine neue Ausrichtung?
Nein, ganz sicher nicht. Natürlich hat die Tatsache, dass ich seit 27 Jahren hausärztlich tätig bin, meine ärztliche Lebenserfahrung geprägt. Aber als Präsident der Bundesärztekammer vertrete ich die Interessen aller Ärztinnen und Ärzte, genauso, wie meine Vorgänger auch.

Sie haben angekündigt, Sie wollten die Ärzteschaft einen und nicht nur auf Gesetzentwürfe reagieren. Wird es für die Politik durch eine gestärkte Ärzteschaft ungemütlicher?
Mir geht es nicht um eine harte Auseinandersetzung, nur um des Streits wegen. Gute Politik setzt voraus, dass man sich austauscht und einander zuhört. Wenn wir gehört werden wollen, ist es wichtig, dass wir auch ärztliche Verbände und Organisationen mit in unsere politische Arbeit einbeziehen, die sich jenseits der Kammer befinden. Wir wollen stärker mit einer Stimme sprechen. Dafür setze ich mich ein.

Die Zukunft des ländlichen Raums beschäftigt die Deutschen sehr. 94 Prozent haben in einer Umfrage der AOK gesagt, dass für sie die Nähe und Erreichbarkeit des Hausarztes besonders wichtig sind. Gleichzeitig sind aber 40 Prozent der Allgemeinmediziner über 60 Jahre alt. Wie bewerten Sie die Situation?
Der ländliche Raum erlebt einen Umbruch. In den Regionen weitab von Ballungszentren werden wir mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht die prototypische Form von Versorgung haben, die den Menschen wohl vorschwebte, als sie von der AOK befragt wurden. Es wird Regionen geben, in denen die hausärztliche Versorgung anders sichergestellt werden muss, als durch die klassische Landarzt-Praxis. Dass es Landstriche geben wird, in denen die ärztliche Versorgung komplett wegbricht, kann ich mir aber nicht vorstellen.

Wie kann die Versorgung sichergestellt werden?
Da ist vieles denkbar, zum Beispiel vorübergehende ambulante Einrichtungen, um Engpässe zu überbrücken. Oder ein Angebot, bei dem der Arzt an bestimmten Tagen, zu bestimmten Uhrzeiten aufs Land kommt, etwa in Form einer rollenden Arztpraxis. Ein solches Arztmobil könnte von Kommunen und Kassenärztlichen Vereinigungen gemeinsam betrieben werden. Eine andere Variante wären Bring- und Hol-Dienste, die Patienten in die nächste Praxis fahren.

Junge Mediziner arbeiten offenbar sehr gerne angestellt. Ist das ein Argument für mehr Medizinische Zentren?
In der Tat nimmt die Zahl der angestellten Ärztinnen und Ärzte zu. Kooperationsformen unterschiedlicher Art werden immer beliebter. Unter ökonomischen und organisatorischen Gesichtspunkten ist das durchaus vernünftig – etwa für junge Ärztinnen und Ärzte, die sich in der Familiengründungsphase befinden. Das ist für mich aber kein Indiz dafür, dass der Wunsch nach wirtschaftlicher Selbstständigkeit grundsätzlich massiv zurückgeht. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Ich halte es für viel wichtiger, dass solche Versorgungszentren unter ärztlicher Führung stehen. Wenn dagegen Kapitalgeber die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen anstellen, sehe ich die Gefahr, dass die Investoren versuchen, ärztliche Entscheidungen zu beeinflussen, um höhere Renditen zu erzielen.

Können Praxis-Assistentinnen zur Entlastung von Hausärzten eine Lösung sein? Es gibt da ja diverse Konzepte wie AGnES, EVA oder VERAH.
Ja, auf jeden Fall können sie den Arzt entlasten. Das ist eine sehr vernünftige Entwicklung – solange der Arzt die therapeutische Gesamtverantwortung behält. Aktuell besteht aber nur im hausärztlichen Sektor die Möglichkeit, den Einsatz dieser besonders qualifizierten Medizinischen Fachangestellten zu honorieren. Dies sollte auch im fachärztlichen Sektor möglich sein.