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Helden im Alltag

Die Corona-Krise trifft uns alle. Wir haben mit vier Menschen gesprochen, die über ihren neuen Alltag berichten.

Der Heimarbeiter

Milko Haase. Foto: privat
Seinen Weg zur Arbeit vermisst Milko Haase am meisten. Jeden Morgen fährt er normalerweise 12,5 Kilometer mit dem Rad von Walle nach Lesum zur Stiftung Friedehorst, wo er als Fördermittel-und Spendenmanager arbeitet. "Die Fahrt genieße ich sehr", sagt der 50-jährige Familienvater. Wegen der Corona-Krise hat er sein Büro nach Hause verlegt. Technisch war das kein Problem, schon früher hat er ab und zu vom heimischen Schreibtisch aus gearbeitet. Nun wurde die Ausnahme zur Regel – und mit der mussten alle aus der Familie erst einmal lernen klarzukommen.

"Konzentriertes Arbeiten am Stück ist jetzt schwierig", sagt Milko Haase. "Gefühlt alle 25 Sekunden wollen die Mädchen irgendwas." Das galt vor allem für die Zeit, als noch keine Osterferien und Schulaufgaben zu erledigen waren. Seine Töchter sind sieben und elf Jahre alt, gehen in die 1.  und 6. Klasse, sein Sohn ist 19 und absolviert ein freiwilliges soziales Jahr in einer Pflegeeinrichtung. Dort ist er jetzt mehr denn je gefragt. Haases Frau ist selbstständige Architektin und fährt weiterhin täglich ins Büro. Somit war klar: Der Vater wird in der Corona-Krise hauptsächlich für die Kinderbetreuung zuständig sein. 

Neben den gemeinsamen Hauptmahlzeiten dienen die Hausaufgaben dazu, den Tag zu strukturieren. "Die Mädchen sind sehr beflissen mit den schulischen Aufgaben", erzählt der Vater. "Sie sind es ja gewohnt, vormittags etwas für die Schule zu tun." Doch natürlich bräuchten sie auch Hilfestellungen, zumal am Anfang die digitale Umstellung der Schulen eher stockend anlief. "Alle sammeln jetzt ihre Erfahrungen." Für Milko Haase bedeutet das: Viele Unterbrechungen von der Arbeit. Deshalb habe er eine Zeitlang mit seinem Laptop am Esstisch gearbeitet, während seine Töchter neben ihm ihre Schulaufgaben erledigten. "Das war fast einfacher, als dass immer wieder die Tür vom Arbeitszimmer aufgerissen wurde und wieder eine neue Frage kam." Die perfekte Lösung für den Balanceakt Home-Office und Kinderbetreuung existiere aber nicht: "Man muss flexibel sein. Es geht alles ein bisschen langsamer."

Dass Kinder in Corona-Zeiten die sozialen Medien mehr nutzen als sonst, sieht er gelassen: "Meine kleine Tochter hat auf YouTube für sich Kindersport-Anleitungen gefunden." Außerdem telefonieren die Mädchen regelmäßig per Videochat mit ihrem Opa. Als Ausgleich für die fehlenden Verabredungen mit Freundinnen unternimmt Milko Haase kleine Ausflüge mit den Mädchen. Als leidenschaftlicher Fliegenfischer ist er mit ihnen mit dem Rad schon in ein Parzellengebiet gefahren und hat der großen Tochter an einem Teich beigebracht, wie man die Angelrute wirft. "Wir machen mehr zusammen als sonst."

Seine Kollegen trifft Milko Haase virtuell einmal in der Woche per Videokonferenz. "Das ist nicht nur für das Besprechen von inhaltlichen Fragen wichtig, sondern auch für den sozialen Austausch", sagt Milko Haase. Um körperlich fit zu bleiben, versucht er, jeden Nachmittag entweder spazieren zu gehen oder Rad zu fahren. So will er den weggefallenen Arbeitsweg wenigstens halbwegs kompensieren.

Der Helfer

Morteza Eshghparast. Foto: Jens Lehmkühler
Morteza Eshghparast kennt sich mit Krisen aus. Der Bremer war ungezählte Male als Helfer unterwegs – nach Erdbeben oder Überschwemmungen, in Kriegsgebieten, in Flüchtlingscamps in Griechenland und in Ländern wie Bangladesch oder Somalia, um Brunnen und Waisenhäuser zu bauen. Der 44-jährige Werbefachmann ist Gründer der Bremer Hilfsorganisation "Help Dunya". Helfen ist Eshghparasts Lebensthema:
"Ich war in den schlimmsten Krisengebieten." Seit Wochen erlebt er die Krise nun vor der eigenen Haustür. Deshalb engagiert er sich verstärkt in seiner Heimatstadt.

Morteza Eshghparast ist von morgens früh bis  abends spät für seinen Verein im Einsatz. Erreichbar ist er meist nur unterwegs am Smartphone. Ständig muss irgendetwas organisiert werden. Gerade konnte er durch gute Kontakte im Großhandel 14 000 Mundschutzmasken zu erschwinglichen Preisen ergattern. Er spendete sie an Pflegeeinrichtungen, Senioren-Wohngemeinschaften und Krankenhäuser. "Die waren sehr dankbar", sagt Eshghparast.

Dankbar seien auch die Senioren, für die seine freiwilligen Helfer zurzeit Einkäufe erledigen. "Manche haben niemanden, sind komplett allein, und haben Angst, vor die Tür zu gehen«, sagt er. Um den direkten Kontakt zwischen Senioren und Helfern zu minimieren, gehen sie die Einkaufsliste telefonisch durch. "Das dauert schon mal länger, aber das macht nichts", sagt er. Die Älteren besäßen meist kein Handy, könnten keine Nachrichten verschicken – und auch online kein Geld überweisen. Die Ausgaben für die Einkäufe strecke der Verein deshalb im Vertrauen erst einmal vor. Die Tüten würden anschließend vor die Tür gestellt.

Wohnungslose in Bremen unterstützt Help Dunya bereits länger. "Wir möchten Menschen helfen, die es sonst schwer haben", sagt der Vereinsvorsitzende. Von der Corona-Krise seien Obdachlose besonders hart betroffen. Weil kaum noch gesellschaftliches Leben draußen stattfindet, werden weniger Pfandflaschen liegengelassen und weniger Obdachlosenzeitungen gekauft. Für Wohnungslose aber seien die Erlöse wichtig. Neben Nahrungsmitteln bräuchten sie Mundschutzmasken und Desinfektionsmittel, Help Dunya habe damit bereits aushelfen können.

Einen Ausgleich für seinen langen Arbeitstag findet der Familienvater im Sport. In normalen Zeiten trainiert er im Fitnessstudio, übt sich im Nahkampf und ringt. "Jetzt mache ich Klimmzüge zu Hause«, sagt er. Morteza Eshghparast ist gerne in Kontakt mit Leuten, in diesen Zeiten allerdings mit gebührendem Abstand. Angst vor Ansteckung mit dem Corona-Virus hat er nicht. "Ich vergleiche meine Arbeit gerne mit der eines Feuerwehrmannes oder eines Polizisten", sagt er. "Die gehen auch ein gewisses Risiko ein, retten aber im Zweifelsfall Menschen." 

Die Freiwillige

Alexandra Stüble. Foto: privat
Eigentlich ist Alexandra Stüble in Elternzeit, ihre Söhne sind zwei und neun Jahre alt. Erst im Sommer wollte sie an ihren Arbeitsplatz als medizinische Fachangestellte bei einem Hautarzt in Bremen zurückkehren. Doch dann kam das Corona-Virus – und die 37-Jährige wollte in der Krise helfen. Bei ihrer Chefin war aktuell mangels Patienten kein Bedarf. "Von ihr bekam ich aber die Info, dass in Bremerhaven eine Corona-Ambulanz aufgebaut werden sollte und dafür freiwillige Helfer gesucht würden", erzählt Alexandra Stüble. Sie bewarb sich, wurde vom Krisenteam zum Infoabend eingeladen. "Es stellte sich heraus, dass in der Corona-Ambulanz das gleiche Computersystem eingerichtet werden sollte, mit dem ich bereits seit 17 Jahren arbeite." Ein Glücksfall. 

Als die Ambulanz innerhalb kürzester Zeit aufgebaut wurde, konnte sie deshalb gleich loslegen. Die Kinder wurden zunächst privat betreut, dann übernahm ihr Mann. Er hatte Urlaub und die Familienreise nach Ägypten konnte wegen Corona ja ohnehin nicht stattfinden. "Eine meiner Kolleginnen in der Corona-Ambulanz ist Lehrerin, früher war sie Krankenschwester. Dass jetzt Osterferien sind und sie eigentlich frei hätte, ist ihr egal", sagt Stüble. Auch andere der 13 Freiwilligen in der Ambulanz hätten ursprünglich eine medizinische Ausbildung, arbeiteten jetzt aber in einem anderen Beruf. "Wer sich einmal für eine medizinische Ausbildung entscheidet, fühlt sich immer in der Verantwortung, in Notfällen zu helfen", betont Alexandra Stüble.

So ergehe es auch ihr selbst. Aktuell nichts zu tun, käme für sie nicht infrage. Deshalb fährt sie jeden Tag um 8 Uhr von Bremen los, um eine Stunde später am Empfang der Corona-Ambulanz zu sitzen. Die Feuerwehr hat über dem Tresen eine Glaswand aufgebaut – mit einem winzigen Schlitz für die Versichertenkarte und die Überweisung. 40 bis 60 Patienten kämen pro Tag, um sich auf Corona testen zu lassen. "Die meistens kommen vormittags, nachmittags ist wenig los."

Stressig sei ihr Arbeitstag nicht: Alle seien freundlich, die Patienten froh, dass sie eine Anlaufstelle hätten. Vor allem ältere Menschen erlebe sie sehr entspannt. "Von ihnen bekommen wir sogar Trinkgeld, einmal hat einer einen 20-Euro-Schein durch den Schlitz geschoben." Nur manch jüngerer Patient sei schon mal panisch. Angst, sich  anzustecken, habe sie nicht.

Sie habe durch die Trennwand keinen direkten Kontakt zu den Patienten. Dennoch werde regelmäßig alles desinfiziert: Die Scheibe, der Tresen, der Computer, die Tastatur. Sorgen mache sie sich eher um ihre Eltern. Abends kommt Alexandra Stüble gegen 19 Uhr nach Hause. Manchmal sieht sie dann ihre Kinder das erste Mal, weil sie morgens noch schliefen. Das sei aber kein Problem, weder für sie noch für die Kinder, sagt sie. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hätten ihre drei Männer ihren eigenen Rhythmus ohne Mama gefunden.

Der Seelsorger

Pastor Peter Brockmann. Foto: Jens Lehmkühler
Auch die Anrufer bei der Bremer Telefonseelsorge leiden unter den Auswirkungen der Corona-Krise. Einsamkeit, Angst, Not und Sorgen – die Probleme, mit denen Menschen anrufen, wiegen umso schwerer, seit das
Corona-Virus auf Land und Leuten lastet. Das berichtet Pastor Peter Brockmann, der seit fünf Jahren die Telefonseelsorge der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) leitet. Allein in 2019 war sie 12 000-mal gefordert.

75 Männer und Frauen arbeiten hier, und sie haben dieser Tage viel zu tun. Denn die Anrufer seien wegen der Corona-Epidemie besorgt, sagt Brockmann. Was wird aus meiner Gesundheit, wenn eine
lange geplante Operation aufgeschoben werden muss? Wie lange werde ich als Studentin die Bibliothek nicht nutzen können? Und was kann ich als Handwerker tun, wenn die Aufträge ausbleiben?

"Natürlich können wir dem Handwerker keine praktischen Wege aufzeigen, auch können wir die Bibliothek nicht öffnen", erklärt Brockmann. "Aber was wir können, ist: zuhören." Denn viele Menschen, die bei der Telefonseelsorge anrufen, litten unter Einsamkeit. Sie hätten niemanden, der ihnen Aufmerksamkeit schenkt, oder Partner an der Seite, die ihre Probleme schon tausendmal gehört haben. Oder sie hätten etwas, das sie mit niemandem teilen können. "Dann sind wir ganz Ohr und hören auch das 1001. Mal zu", versichert Brockmann. "Entscheidend ist, dass die Anrufer in uns einen Partner finden, der sie nicht vertröstet, der ihre Not und ihren Kummer teilt und der am Telefon wirklich eine Beziehung herstellt."

Dies gelte umso mehr, seit die Menschen wegen der Krise zu Hause bleiben sollen. Kontakte am Arbeitsplatz oder auf der Straße werden seltener. Besonders Singles seien betroffen, die nun allein in ihren Wohnungen sitzen. "Viele Anrufer sind um die 40 Jahre alt oder jünger", sagt Brockmann. Zu ihrer Einsamkeit trete derzeit noch die Angst vor den Auswirkungen des Corona-Virus hinzu. Die Telefonseelsorge registriere derzeit
deutlich mehr Gespräche. Auch für den Seelsorger selber hat die Corona-Krise die Arbeit verändert: "Ich bin ja ebenso von der Krise betroffen wie meine Gesprächspartner", berichtet Brockmann. "Da ist die Herausforderung umso größer, offen und frei zu sein für die Anrufer."

Wie wichtig die Telefonseelsorge inzwischen geworden ist, belegt laut Brockmann eine Studie der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen
aus dem Jahr 2015. Grundlage war eine bundesweite Datenauswertung zur Telefonseelsorge ein Jahr zuvor. Demnach leistet die Telefonseelsorge einen wesentlichen Beitrag zur psychosozialen Versorgung der Bevölkerung. Sogar Psychotherapeuten verwiesen ihre Patienten auf die Telefonseelsorge, wenn sie selbst in den Urlaub gingen.

Info: Die kostenlose Nummer der Telefonseelsorge lautet: 0800 111 0 111. Der Anschluss ist rund um die Uhr zu erreichen, anonym und vertraulich.