Arbeitszeit ohne Grenzen?
Die Bundesregierung will die tägliche Höchstarbeitszeit abschaffen und auf diese Weise Arbeitszeiten weiter flexibilisieren. Braucht es wirksame Grenzen, um Gesundheit und Arbeitsfähigkeit zu erhalten? G+G hat vier Expertinnen und Experten gefragt.
Mehr Handlungsspielräume durch Gesetzgeber
Dr. Andrea Hammermann, Senior Economist für Personalökonomie am Institut der deutschen Wirtschaft:
„Eine wöchentliche Höchstarbeitszeit eröffnet mehr Möglichkeiten, die Arbeitszeit auf die Arbeitstage zu verteilen. Die vereinbarte Wochenarbeitszeit, als Gegenstand von Arbeits- und Tarifverträgen, bliebe davon unberührt. Eine Argumentation, die pauschal negative Gesundheitseffekte längerer Tagesarbeitszeiten unterstellt, generalisiert in unzulässiger Weise unterschiedliche Effekte, die sich je nach Art und Intensität der Tätigkeit und weiterer personen- wie betriebsbezogener Faktoren ergeben. Für Bürobeschäftigte, die wir jüngst auf Basis der Arbeitszeiterhebung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin untersucht haben, finden wir beispielsweise keine Hinweise auf eine Gefährdungslage durch längere Tagesarbeitszeiten. Flexible Arbeitszeitmodelle nehmen Betriebe und ihre Beschäftigten bereits seit Längerem stärker in die Pflicht, Arbeitszeiten im beiderseitigen Interesse verantwortlich auszugestalten. Mehr Handlungsspielräume durch den Gesetzgeber wären konsequent."
Gesundheitsgerechte Arbeitsbedingungen notwendig
Dr. Elke Ahlers, Referentin „Qualität der Arbeit“ am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung:
„Die Diskussion über längere Arbeitstage verkennt, wie stark viele Beschäftigte bereits heute belastet sind. Verlässliche Arbeitszeitgrenzen sind kein bürokratisches Relikt, sondern ein wichtiger Schutzmechanismus in einer Arbeitswelt, die von hohem Arbeitsdruck, Fachkräftemangel und ständiger Erreichbarkeit geprägt ist. Studien zeigen: Lange Arbeitszeiten erhöhen das Risiko für Erschöpfung, Schlafprobleme und psychische Belastungen. Besonders problematisch sind verkürzte Ruhezeiten, weil sie notwendige Erholung einschränken. Diese ist aber Voraussetzung, damit Menschen gesund und arbeitsfähig bleiben. Zugleich hat sich der Arbeitsmarkt verändert: Es gibt heute deutlich mehr ältere Beschäftigte und erwerbstätige Mütter als noch vor 20 Jahren. Gerade für sie sind planbare und verlässliche Arbeitszeiten unverzichtbar. Im demografischen Wandel gilt deshalb: Wer Menschen langfristig im Erwerbsleben halten will, braucht nicht längere Arbeitstage, sondern gesundheitsgerechte Arbeitsbedingungen."
Unfall- und Krankheitsrisiken steigen mit der Arbeitszeit
Prof. Dr. Dirk Windemuth, Leiter der DGUV Akademie:
„Aus präventionswissenschaftlicher Perspektive ist festzuhalten: Häufige Arbeitszeiten von mehr als acht Stunden gehen mit einem erhöhten Risiko für Unfälle und Erkrankungen einher. Sowohl Arbeitsunfälle als auch Unfälle im Kontext der Arbeit – zum Beispiel Wegeunfälle – werden nach mehr als acht Stunden häufiger. Das Risiko dafür steigt mit weiter zunehmender Zeit deutlich. Auch das Risiko für Erkrankungen erhöht sich, wenn die tägliche Arbeitszeit steigt oder die aktuell vorgeschriebene Erholungszeit nicht eingehalten wird. Das gilt sowohl für psychische und psychosomatische als auch für somatische Erkrankungen. Ursachen für den Zusammenhang zwischen überlangen Arbeitszeiten oder zu kurzen Erholungszeiten auf der einen und Unfällen oder Erkrankungen auf der anderen Seite sind weniger erholsamer Schlaf und nachlassende Konzentration."
Mehr Flexibilität darf nicht zulasten der Gesundheit gehen
Dr. Vera Stich-Kreitner, Präsidiumsmitglied im Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte VDBW e. V.
„Wir stehen diesem Vorschlag äußerst kritisch gegenüber. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass lange Arbeitszeiten oft mit einer reduzierten Konzentrations- und Leistungsfähigkeit einhergehen und das Risiko für Fehlhandlungen und Unfälle ansteigt. Zudem haben überlange Arbeitszeiten negative Auswirkungen auf die körperliche und psychische Gesundheit. So erhöht längerfristige Mehrarbeit das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkte durch mehr Stress und weniger Möglichkeiten, etwas für die eigene Gesundheit zu tun. Dazu zählen Bewegung, gesunde Ernährung und die Pflege von sozialen Kontakten. Hieraus können eine verminderte Arbeitszufriedenheit, ein erhöhtes Risiko für psychische Fehlbelastungen und sogar vermehrte Fehlzeiten resultieren. Schon jetzt sind unter bestimmten Bedingungen Arbeitszeiten von zehn Stunden täglich möglich. Das aktuelle Arbeitszeitgesetz bietet somit bereits ausreichend Flexibilität."
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