Wie Bayern Prävention im Alltag verankern will
Prävention soll dort ankommen, wo Menschen leben, lernen und arbeiten. Bayerns Masterplan Prävention setzt dafür auf konkrete Maßnahmen: von Bewegung im Alltag über gesündere Schulverpflegung bis zu neuen Vorsorgeangeboten wie der W1 für Frauen in den Wechseljahren. Kann daraus ein Impuls für eine bundesweite Präventionspolitik werden, die stärker auf Alltagstauglichkeit und frühe Unterstützung setzt? G+G sprach dazu mit Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU).
Frau Staatsministerin, der Masterplan Prävention wurde im Oktober 2025 vorgestellt. Was ist seitdem konkret passiert?
Judith Gerlach: Gelebte Prävention passiert täglich und an vielen Orten. Unser Masterplan Prävention umfasst zehn strukturelle und zehn gesundheitliche Ziele mit mehr als 250 konkreten Maßnahmen, die kurz-, mittel- und langfristig von Seiten der Staatsregierung und durch unsere Partner im Bündnis für Prävention umgesetzt werden. Zahlreiche Maßnahmen haben wir bereits angestoßen.
Dazu zählen der neue, jährlich stattfindende landesweite Präventionstag, der digitale Präventionspool, der kostenfreie Speiseplan-Check für Schulen sowie das neue Landesprogramm ‚Sport vor Ort – draußen, offen, für alle‘. Seit dem Frühjahr organisieren die Gesundheitsämter zusammen mit den Gesundheitsregionenplus kostenlose Sportangebote auf öffentlichen Plätzen. Das Bayerische Gesundheitsministerium stellt dafür 380.000 Euro im Jahr, also 5.000 Euro für jedes Gesundheitsamt in Bayern, bereit.
Ich freue mich außerdem, dass wir neue Vorsorgemöglichkeiten anstoßen und an einer neuen Wechseljahres-Vorsorgeuntersuchung in Bayern arbeiten. Die sogenannte ‚W1‘ wird aktuell an der Frauenklinik der TUM erprobt.
Und was machen Ihre Bündnispartnerinnen und -partner konkret?
Gerlach: Ich nenne mal nur einige Beispiele: Das Bayerische Zentrum für Krebsforschung (BZKF) setzt seine neue Kampagne ‚Wir bewegen Bayern‘ im Zeichen des Masterplans um. Die Bayerische Landeszahnärztekammer (BLZK) hat Fortbildungen zum gesundheitlichen Ziel ‚Mundgesundheit in der Pflege‘ intensiviert. Zudem bringt sich das Netzwerk gegen Darmkrebs mit Informationsveranstaltungen für Fachleute und für Laien ein. Es ist eine Vielzahl großer und kleiner Aktionen – ganz im Sinne des Masterplan-Mottos „Jeder Beitrag zählt!“.
Viele Maßnahmen sind bereits angestoßen. Welche kommen zukünftig noch hinzu?
Gerlach: Wir fördern die Gesundheitskompetenz von klein auf. Ein Beitrag ist das neue Kinderbuch, das wir noch im Juli vorstellen und im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen verteilen werden. Als Vorlese- und Mitmachbuch richtet es sich an Vorschulkinder und ihre Eltern. Es informiert kindgerecht über einen gesunden Lebensstil. In unserem Masterplan ist auch die Krebsprävention verankert. Deshalb fand die Bayerische Impfwoche in diesem Jahr unter Mitwirkung vieler Akteure mit Schwerpunkt auf der HPV‑Impfung statt. Humane Papillomviren (HPV) sind eine wesentliche Ursache für vermeidbare Krebserkrankungen wie etwa Gebärmutterhalskrebs oder Tumore im Mund-Rachen-Bereich. Mit der HPV-Impfung können diese Krebserkrankungen wirksam verhindert werden. Es ist wichtig, dass wir wissenschaftlich erwiesene Schutzmechanismen auch konsequent in die Versorgung bringen.
Parallel dazu laufen die regionalen Präventionskonferenzen, organisiert von den Gesundheitsämtern und den Gesundheitsregionenplus. Diese tragen den Masterplan in die Fläche. Zahlreiche Regionalkonferenzen haben bereits stattgefunden und bis zum Herbst wird es weitere geben. Unser Masterplan ist kein Sprint, sondern ein Marathon, der uns noch über viele Jahre hinweg begleiten wird.
„Prävention ist eine Investition in die Zukunft.“
Bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention
Der Masterplan umfasst über 250 Maßnahmen. Wie kann sichergestellt werden, dass diese sich kontinuierlich weiterentwickeln? Durch Evaluation?
Gerlach: Präventionserfolge zu messen, ist leider nicht ganz so leicht. Denn Prävention ist eine Investition in die Zukunft. Aber es gibt durchaus Indikatoren, die uns zeigen, wie gut Prävention wirkt – beispielsweise, indem wir die Zahl der Raucher oder die Fallzahlen von Diabetes oder Herzinfarkten betrachten. Diese Indikatoren werden wir beobachten und regelmäßig veröffentlichen: Einmal pro Legislaturperiode werden wir einen Bayerischen Präventionsbericht herausgeben. So sehen wir hoffentlich Erfolge, und identifizieren auch Bereiche, wo noch Handlungsbedarf besteht.
Bayern geht mit dem Masterplan beispielhaft und sichtbar voran. Ist das eine reine Landesinitiative – oder möchten Sie einen bundesweiten Masterplan bewirken?
Gerlach: Uns ist kein anderes Strategiepapier in Deutschland für die Prävention bekannt, das Maßnahmen so konkret und in einem solchen Umfang benennt. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass es noch mehr solcher Initiativen gibt und dass auch der Bund eine umfassende Strategie zur Stärkung der Prävention verfolgt. Ich begrüße, dass nun die Novellierung des Präventionsgesetzes auf Bundesebene auf den Weg gebracht werden soll. Das Präventionsgesetz hat zwar wichtige Impulse für die Prävention gesetzt, konnte aber bislang die Krankheitslast, die auf beeinflussbare Risikofaktoren zurückzuführen ist, nicht im erhofften Maße senken. Die Länder haben gemeinsam konkrete Vorschläge für eine Überarbeitung vorgelegt. Denn Prävention wird durch die Länder und Kommunen wesentlich mitgetragen und gestaltet.
Außerdem würde ich mir wünschen, dass es möglich wird, vorhandene Gesundheitsdaten – beispielsweise von Wearables wie Smartwatches – für individuelle, maßgeschneiderte Präventionsempfehlungen zu nutzen. Damit könnten die Krankenkassen Versicherten persönliche Empfehlungen geben, zum Beispiel mit Hinweisen zu gesundheitsförderlicher Bewegung, zu anstehenden Vorsorgeuntersuchungen oder vielen anderen Themen. Hierzu müsste der Bund die gesetzlichen Regelungen ändern – aber natürlich nur unter Beachtung des Datenschutzes.
Sie wollen Gesundheit in alle Politikbereiche tragen. Offiziell heißt dieser Ansatz „Health in all Policies“. Können Sie das etwas praktischer beschreiben?
Judith Gerlach: In unserem Bündnis für Prävention sind bereits zahlreiche Partner vertreten, darunter auch Akteure außerhalb des Gesundheitswesens, wie beispielsweise der Verband der bayerischen Wirtschaft oder die IHK München und Oberbayern. Zudem wurde mit dem Masterplan auch die interministerielle Arbeitsgruppe „Health in all policies“ eingerichtet, um Ansatzpunkte für mehr Prävention zu besprechen, abzustimmen und weiterzuentwickeln.
Auch der landesweite Präventionstag, an dem sich Betriebe, Verbände, Schulen, Kliniken und viele weitere beteiligen können, zeigt beispielhaft, wie weit dieses Thema reicht. Wir versuchen, die Prävention in möglichst vielen Lebensbereichen zu verankern, indem wir aufklären und zum Mitmachen aufrufen. Gleichzeitig können wir nur in unserem Wirkungsbereich konkrete Maßnahmen umsetzen – in anderen Bereichen sind wir auf unsere Nachbarressorts oder andere Partner angewiesen. Den Grundsatz ‚Health in all Policies‘ können wir nur gemeinsam erreichen – hier ist die Gesamtgesellschaft gefragt.
Wie reagieren die Partner im Bündnis für Prävention?
Gerlach: Die Resonanz auf den Masterplan Prävention ist sehr positiv und die Bereitschaft mitzuwirken war groß. Inzwischen haben wir fast 170 Partner im Bündnis für Prävention, die sich aktiv einbringen und bereits eigene Maßnahmen ergriffen haben. Daneben haben sich auch die Ressorts der Staatsregierung, der Öffentliche Gesundheitsdienst und weitere Expertinnen und Experten am Masterplan beteiligt – und nicht zuletzt sind auch die Stimmen von Bürgerinnen und Bürgern eingeflossen.
Ein zentrales Thema ist die neue W1‑Untersuchung für Frauen in den Wechseljahren, das Projekt wurde von Ihnen initiiert und von Ihrem Ministerium gefördert. Wie weit sind Sie hier?
Judith Gerlach: Mit einer Wechseljahres-Vorsorgeuntersuchung – der sogenannten „W1“ – wollen wir ein neues, zielgruppenspezifisches Angebot schaffen. Geplant ist ein strukturiertes 30-minütiges ärztliches Gespräch für Frauen in dieser Lebensphase, das Aufklärung und individuelle Beratung rund um die Wechseljahre und die gesundheitlichen Risiken in dieser Zeit umfasst. Die Erprobung dazu erfolgt aktuell an der Frauenklinik der TU München unter Leitung von Frau Prof. Dr. Marion Kiechle.
Die Machbarkeitsstudie ist Anfang März dieses Jahres gestartet und wird Anfang 2028 abgeschlossen sein. Aktuell werden Ärztinnen und Ärzte geschult, sodass die ersten Frauen Ende 2026 teilnehmen können. Nach Abschluss des Modellprojekts wird über das weitere Vorgehen entschieden. Wenn die Bewertung positiv ausfällt, setzen wir uns für eine Übernahme in die Regelversorgung ein.
„Es ist mir ein Anliegen, dass Gesundheitsbewusstsein schon ab der Kindheit verinnerlicht wird. Denn viele Gewohnheiten entstehen in jungen Jahren.“
Bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention
Gibt es ein Projekt aus dem Masterplan, das Ihnen persönlich am wichtigsten ist?
Gerlach: Wenn man sich die einzelnen Ziele genauer anschaut, sind alle wichtig – von der Stärkung der Gesundheitskompetenz über den Ausbau von Früherkennung und Vorsorge bis hin zur Suchtprävention und dem Schutz der Gesundheit unter den Bedingungen des Klimawandels. Es gibt nicht die eine Maßnahme, auf die ich mich als Gesundheitsministerin fokussieren will. Am wichtigsten ist mir, dass wir an all den verschiedenen Themen dranbleiben und möglichst viel in die Umsetzung kommt. Ich wünsche mir ein stärkeres Bewusstsein und positives Klima für die Prävention, damit ein gesunder Lebensstil als Gewinn wahrgenommen wird.
Aber um ein Beispiel zu nennen: Es ist mir ein Anliegen, dass das schon ab der Kindheit verinnerlicht wird. Denn viele Gewohnheiten entstehen in jungen Jahren. Wir konnten wichtige Maßnahmen etablieren, die bereits in den Kitas und Schulen ansetzen – beispielsweise das vorhin genannte Mitmachbuch für die Vorschulkinder, die Speiseplan-Checks oder Bewegungsangebote.
Was ist Ihr persönlicher Maßstab, an dem der Masterplan 2026 gemessen werden sollte?
Gerlach: Die allergrößte Schwierigkeit ist und bleibt es, die Menschen zu erreichen und zu einem gesunden Lebensstil zu motivieren. Denn wir können zwar unterstützen, aber schlussendlich muss jeder selbst für die eigene Gesundheit aktiv werden. Deshalb ist mein wichtigstes Ziel, dass die Maßnahmen unseres Masterplans im Alltag der Menschen ankommen. Ich bin überzeugt: Gemeinsam mit den Partnern können wir hier sehr viel erreichen!
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