Update Versorgung

Nischenthema soll groß rauskommen – Was die Regierung bei der Frauengesundheit plant

07.04.2026 Thorsten Severin 7 Min. Lesedauer

Die Gesundheitspolitik ist in dieser Legislaturperiode geprägt von großen Aufgaben, die die schwarz-rote Koalition managen muss – vom GKV-Defizit bis zum Klinikumbau. Jenseits von Strukturreformen und Paragrafen soll aber auch ganz konkret die Gesundheit der Bevölkerung verbessert werden. Im Zentrum steht das Thema Frauengesundheit, das sich zwei Ministerinnen der Union auf die Fahnen geschrieben haben. Wo drückt hier der Schuh und was kann in diesem Bereich bewirkt werden?

Eine Frau steht auf einem Laufband und ist mit mehreren Elektroden am Oberkörper verkabelt, während eine medizinische Fachkraft in blauer Kleidung die Sensoren überprüft.
Die Frauengesundheit soll in den Fokus der Forschung rücken und die Behandlung von Patientinnen verbessert werden.

Das Bewusstsein dafür, dass die Belange von Frauen in der Medizin deutlich zu wenig Beachtung finden, wächst, wenn auch langsam. Diagnostik und Therapie sind weiterhin zum größten Teil auf den männlichen Körper ausgerichtet. Krankheiten würden beim weiblichen Geschlecht oft zu spät erkannt oder es würden mitunter falsche Diagnosen gestellt, beklagt Bundesforschungsministerin Dorothee Bär. Studien zeigten etwa, dass Frauen bei einem Herzinfarkt bis zu einer Stunde später im Krankenhaus landeten als Männer – einfach weil die Symptome sich bei Frauen häufig anders äußern und teils weniger bekannt sind. Und das, obwohl es bei einem Herzinfarkt wie auch bei einem Schlaganfall quasi auf jede Sekunde ankommt. 

Ihre für Gesundheit zuständige Kabinettskollegin Nina Warken will daher die Wissensvermittlung in der Medizin ankurbeln. „Wir werden das in die Approbationsordnung, also in die Ausbildung der Ärzte, einbringen, die wir mit den Ländern verhandeln“, kündigte sie an. Auch solle in der täglichen Versorgung in den Praxen mehr Wissen über „typisch weibliche Symptome“ vermittelt werden, sagte die CDU-Politikerin unlängst der „Bild am Sonntag“. Dazu gebe es Gespräche mit Ärzten und Selbstverwaltung.

Weltweiter Nachholbedarf

Viele Frauenkrankheiten wie Endometriose oder auch die Wechseljahre sind bisher unzureichend erforscht. „Von Generation zu Generation waren Frauen unsichtbar mit ihren Krankheiten, ihren Schmerzen“, sagt Bär. Männer dominierten die Medizin, arbeiteten als Ärzte, Wissenschaftler oder nähmen zahlreicher als Probanden an wissenschaftlichen Studien teil. Die Folge: Zu Frauengesundheit sind wissenschaftliche Erkenntnisse Mangelware. „Wo Daten fehlen, bleibt auch der medizinische Fortschritt aus“, merkt Bär an. Nicht nur Deutschland sei beim Thema Frauengesundheit ein „Entwicklungsland“, sondern es gebe weltweit „einen ganz großen Nachholbedarf“. In Gesprächen verweist die CSU-Politikerin gerne darauf, dass es beispielsweise erst seit Kurzem Crashtest-Dummys gibt, die Frauenkörper nachbilden.

„Von Generation zu Generation waren Frauen unsichtbar mit ihren Krankheiten, ihren Schmerzen.“

Dorothee Bär, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt.

Dorothee Bär

Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt

Motor von Forschung und Entwicklung

Der Mann als Maßstab in der Medizin – die Ministerinnen für Forschung und Gesundheit wollen mit diesem Grundsatz brechen. In ihrem Ressort hat Bär ein eigenes Referat für Frauengesundheit geschaffen. „Ich möchte, dass Frauengesundheit einen neuen Stellenwert erhält und als das gesehen wird, was sie ist – ein Motor von Forschung und Entwicklung und zentral für die Gesundheit von Millionen“, macht Bär in einem Gastbeitrag für G+G deutlich. Frauengesundheit zahle sich für alle aus: für die Frauen selbst, ihre Familien, ihre Arbeitgeber und die Volkswirtschaft. So habe das World Economic Forum 2024 ausgerechnet, dass sich weltweit eine Billion Dollar Wachstum generieren ließe, wenn die geschlechterspezifischen Datenlücken – auch bezeichnet als „Gender Health Gap“ – geschlossen würden.

Das Forschungsministerium stellt in dieser Legislaturperiode 90 Millionen Euro für Frauengesundheit und geschlechtersensible Medizin zur Verfügung. Für einen so großen Bereich mit seinen unterschiedlichen Facetten sei dies immerhin ein Anfang, betonten Wissenschaftlerinnen jüngst bei einer Veranstaltung in Berlin. Zusätzlich soll die Hightech Agenda Deutschland der Frauengesundheit einen Schub geben. „Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz öffnen neue Türen für präzisere Diagnostik und personalisierte Therapie, etwa bei Brustkrebs“, schreibt Bär in G+G. Außerdem soll das Wissenschaftsjahr 2026 unter dem Motto „Medizin der Zukunft“ neue Erkenntnisse zugunsten von Frauen bringen.

Wechseljahre noch vielfach unerforscht

Im Forschungssektor finden sich viele Ansatzpunkte für Verbesserungen. Beispiel Wechseljahre: Diese durchlebt jede Frau im Laufe ihres Lebens. Es handelt sich zwar nicht um eine Krankheit im klassischen Sinne, aber um eine Phase des hormonellen Umbruchs, die psychisch und körperlich sehr belastend sein kann. Etwa 80 Prozent der Frauen erleben Symptome. Ungeklärt ist, warum einige unter starken Beschwerden leiden, und andere nicht. Die hormonellen Veränderungen können oft gesundheitliche Folgen haben und erhöhen laut Experten das Risiko für bestimmte Erkrankungen, wie Herz-Kreislauf-Leiden, Osteoporose, Diabetes, Harnwegsinfekte und psychische Verstimmungen. Das Wissen dazu sei für Prävention und Gesundheitsförderung enorm wichtig, betont Bär. Daher werden von ihrem Haus Projekte zu diesem Thema finanziert.

Chronischen Schmerzen bei Endometriose auf der Spur

Die Forschung zu chronischen Endometriose-Schmerzen wiederum steht im Mittelpunkt des Forschungsverbundes ENDO-PAIN, der unter der Leitung von Professorin Sylvia Mechsner an der Charité Berlin koordiniert wird. Konkret untersucht werden Mechanismen wie die Entzündung des Nervengewebes (Neuroinflammation), die krankhafte Bindegewebsvermehrung (Fibrose) und die beteiligten Signalwege im Körper. Die Erkenntnisse sollen dazu beitragen, gezielte Ansätze für die Schmerztherapie zu entwickeln. 

Bei Endometriose handelt es sich um eine gutartige, chronische Erkrankung, bei der Gebärmutterschleimhaut-ähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter wächst, etwa am Bauchfell, an den Eierstöcken oder am Darm. In Verbindung mit dem Zyklus kann dies zu Entzündungen, Verwachsungen, starken Schmerzen oder ungewollter Kinderlosigkeit führen. Laut Barmer-Arztreport stieg die Zahl der mit diesem Leiden verbundenen Klinikaufenthalte von 2005 bis 2024 um mehr als 80 Prozent, was auch mit einer verstärkten Aufmerksamkeit zu tun hat. Die Zahl der Frauen mit Endometriose-Diagnosen hat sich von rund 230.000 auf gut 510.000 mehr als verdoppelt.

Symbolbild von aneinandergelegten weißen Stäbchen, zwischen denen blaue Ringe und rosafarbene Kreise liegen
Die Gendermedizin rückt zunehmend in den Fokus. Ein Beispiel ist das Innovationsfonds-Projekt GenderVasc, in das Daten von vier Millionen Frauen und Männern mit kardiovaskulären Erkrankungen eingeflossen sind.
19.02.2024Vera Laumann3 Min

Männlich dominierte Datensätze führen zu Behandlungsfehlern

Auch der Gender Data Gap insgesamt soll reduziert werden, denn die verfügbaren männlich dominierten und damit geschlechtsunspezifischen Datensätze bergen das Risiko, in Diagnose- und Behandlungsfehlern der weiteren Geschlechter zu münden. Wie sich dies korrigieren lässt, untersucht ein Projekt der Universität Magdeburg. Viele Produkte seien für den durchschnittlichen Mann ausgelegt, erläutern die Wissenschaftler im Internet. Als alltägliches Beispiel führen sie an, dass Smartphones und Klaviertastaturen auf größere (Männer-)Hände ausgelegt sind. Auch Sicherheitssysteme in Autos wie Airbags, Gurte und Sitzeinstellungen werden bisher vor allem dem männlichen Körper angepasst. Die Lücke in der Erfassung geschlechtsspezifischer Daten kann lebensgefährlich sein, gerade in der Medizin. 

Frauen benötigen auch bei schweren Krankheiten oft andere Therapieansätze als Männer. Was das bei Krebs bedeutet, thematisieren Professorin Sonja Loges und ihre Kollegen von der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. Ihr Kernthema ist die personalisierte Krebstherapie. Bei Frauen und Männern gebe es gravierende Unterschiede beispielsweise im Immunsystem und in der Verstoffwechselung von Medikamenten, erläuterte Loges unlängst in einem Interview für das Gesundheitsforschungs-Portal des Ministeriums. „Diese geschlechtsspezifischen Unterschiede werden aktuell insbesondere bei klinischen Studien, die zur Zulassung neuer Krebsmedikamente führen, nicht berücksichtigt.“ Medikamente würden geschlechtsübergreifend zugelassen, obwohl die Datenlage es nicht erlaube. Bei Krebs deuten Ergebnisse darauf hin, dass die Immunzellen von Frauen und Männern unterschiedlich auf Immuntherapien reagieren. Bei Frauen muss dann etwa bei Lungenkrebs die Behandlung durch eine zusätzliche Chemotherapie ergänzt werden.

Gleichberechtigte und gesunde Verhütung

Auch die Entwicklung einer zeitgemäßen und gleichberechtigten Verhütung ist Teil der Forschung zur Frauengesundheit. Die Verhinderung einer ungewollten Schwangerschaft gilt nach wie vor oft als Sache der Frauen. Doch diese stehen der Pille immer skeptischer gegenüber, weil sie negative Auswirkungen auf ihre Gesundheit fürchten, wie regelmäßige AOK-Auswertungen zeigen. Also sind neue und moderne Präparate gefragt. Zugleich würden viele Männer gerne in diesem Bereich mehr Verantwortung übernehmen. Wissenschaftliche Arbeiten beziehen sich nicht zuletzt auf die wissenschaftliche Validierung von zunehmend angewendeten Zyklus-Tracking-Apps, die bislang zur Verhütung aber eher unzuverlässig waren.

Für Ressortchefin Bär, in deren Zuständigkeit die Fusionsforschung ebenso fällt wie die Raumfahrt, ist die Frauengesundheit ein „Herzensanliegen“. Schon vor ihrer Zeit als Ministerin hat sie versucht, das Thema ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Erste Erfolge sieht die 47-Jährige inzwischen: „Ich muss das Wort `Endometriose´ im Gespräch nicht mehr buchstabieren, weil es viele mittlerweile kennen. Auch über die Wechseljahre wird immer offener gesprochen.“

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