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G+G Kassentreffen: Vier „C“ für die Gesundheitsversorgung

10.07.2026 5 Min. Lesedauer

Die 14. Podcast-Folge des „G+G Kassentreffen – Wer kommt, was geht?": Zu Gast ist Prof. Dr. Wilm Quentin, Professor für Planetary and Public Health an der Universität Bayreuth.

Foto: Podcast: Wilm Quentin, Professor für Planetary and Public Health an der Universität Bayreuth

Wer verstehen will, wie Gesundheitssysteme funktionieren – und warum sie manchmal nicht funktionieren –, landet früher oder später bei Prof. Dr. Wilm Quentin, Professor für Planetary and Public Health an der Universität Bayreuth. In dem Zusammenhang hat er sich auch intensiv mit Systemen der Primärversorgung in anderen Ländern beschäftigt. Quentin weiß, welche Länder bei der Primärversorgung besonders gut abschneiden, von wem Deutschland am meisten lernen kann, und was sich davon realistisch auf Deutschland übertragen lässt. 

Studiert hat Quentin dereinst Medizin, ist selbst Arzt, hat aber auch in Gesundheitsökonomie promoviert und sich schnell für die wissenschaftliche Arbeit und den Vergleich internationaler Gesundheitssysteme entschieden. Der Impuls kam während eines Auslandsaufenthaltes in Afrika während des Studiums: „Mein erstes Praktikum war tatsächlich in einem Krankenhaus in Botsuana“, erzählt Quentin. „Da gab’s damals sehr viele Aids-Patienten und die Versorgung war nicht besonders gut. Das hat schon dazu geführt, dass ich darüber nachgedacht habe, wie Gesundheitssysteme eigentlich funktionieren, weil es ziemlich offensichtlich war, dass die Probleme in der Versorgung nicht daran lagen, dass es keine guten Ärzte gab.“

Inzwischen leitet Quentin das German-West African Centre for Global Health and Pandemic Prevention, ist Chefredakteur der Fachzeitschrift „Health Policy“ und Mitherausgeber der „Health Care Systems in Transition“-Reihe des European Observatory. Außerdem hat er internationale Organisationen wie die WHO in Europa und Afrika, Regierungen unter anderem in Slowenien und Belgien sowie Akteure und Krankenversicherungen in Polen und Südkorea beraten.

„Bin mein eigener Hausarzt – das ist nicht unbedingt positiv“

Kernelement des von der schwarz-roten Regierungskoalition geplanten Primärversorgungssystems: Alle müssen, wenn sie krank sind, erst einmal zum Hausarzt oder zur Hausärztin. Und dort fällt dann die Entscheidung, ob gegebenenfalls ein Facharzt eingeschaltet werden muss oder nicht, beziehungsweise, wie die Behandlung weitergeht. Bis zum Ende der Legislaturperiode 2029 will sie die wichtigsten Pflöcke für ein Primärversorgungssystem eingeschlagen haben. Schon 2028 sollen die ersten Verbesserungen spürbar sein. Die Zeit drängt also – auch ganz persönlich für den Primärversorgungsexperten. Einen Hausarzt hat der Arzt nämlich noch nicht. „Ich bin eigentlich mein eigener Hausarzt“, gibt er zu. „Das ist nicht unbedingt positiv, weil man macht sich, glaube ich, über sich selber mehr Gedanken als der Hausarzt und geht dann unkoordiniert zu Fachärzten.“

Eine Ärztin zeigt einem älteren Patienten in einem Behandlungsraum Informationen auf einem Tablet. Beide blicken konzentriert auf den Bildschirm.
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Der lange Weg zur Primärversorgungsreform

Gerade das soll ja eben ein Primärversorgungssystem, das die Bundesregierung einführen will, künftig vermeiden: unkoordinierte Versorgung. Auch wenn Schwarz-Rot erste Reformschritte jetzt zügig einleiten will, rechnet Quentin mit einem kontinuierlichen Reformprozess, der nicht von heute auf morgen endet. „Insgesamt dauert die Einführung eines wirklichen Primärversorgungssystems viele Jahre“, prognostiziert der Gesundheitssystemforscher. Es sei halt wie bei so vielen Reformen im Gesundheitswesen. „Die eine Reform kommt, dann schließt sich die nächste an. Es wird nach dem Primärversorgungsgesetz bestimmt das Primärversorgungsanpassungsgesetz und dann das Primärversorgungsverbesserungsgesetz.“

Fachärzte werden weiterhin gebraucht

Die Rolle der Fachärzte wird sich womöglich ändern. Als bloße Auftragnehmer der Haus- beziehungsweise Primärärzte sieht Quentin ihre Rolle jedoch keinesfalls. „Fachärzte werden natürlich trotzdem eine zentrale Rolle spielen. Es gibt ja auch durchaus viele Probleme, die die Hausärzte nicht lösen können.“ Ob es künftig die niedergelassene Facharztpraxis, wie wir sie heute kennen, noch gibt, vermag Quentin jedoch nicht vorherzusehen. Vieles sei von den künftigen Strukturen abhängig: „Das hängt auch von der Krankenhausreform ab. Ich denke da gibt es Überschneidungen, wie man auch die fachärztliche Versorgung langfristig in Deutschland organisiert.“ Aber auch das sei am Ende wahrscheinlich ein langwieriger Prozess, der sich über Jahre oder Jahrzehnte hinziehen könnte.

Primärversorgung funktioniert nicht ohne kompetente Pflege

Ein wichtiger Baustein für ein Primärversorgungssystem sind nicht-ärztliche Gesundheitsfachkräfte. Mit dem Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege hat die aktuelle Koalition hier einen Punkt gesetzt. Pflegefachpersonen erhalten mehr Kompetenzen und Zuständigkeiten. Die Ampel hatte vorher bereits das Pflegestudium-Stärkungsgesetz verabschiedet. Beides kann bei der Etablierung eines Primärversorgungssystems helfen, weiß Versorgungsforscher Quentin „In Ländern, die ein starkes Primärversorgungssystem haben, nehmen Pflegekräfte eine deutlich stärkere Rolle ein.“ Das gelte vor allem bei der Versorgung chronisch erkrankter Patientinnen und Patienten, wo die Pflegekraft oft die erste Ansprechperson ist. Als Beispiele nennt Quentin Spanien, England, Finnland oder ganz aktuell Frankreich und die Schweiz. Beide haben erst gerade ein Primärversorgungssystem eingeführt.

Linda Peikert und Ralf Breitgoff sprechen mit Wilm Quentin außerdem über das Potenzial der Digitalisierung für die Primärversorgung, Fallstricke und Chancen. Quentin erklärt, wo und warum die ambulante Versorgung in Deutschland zurzeit „heiß läuft“ und verrät die vier „wesentlichen C“ der Gesundheitsversorgung.

Foto: Illustration mit Kopfhörer und Smarthphone, daneben der Text: G+G-Podcast. Jetzt reinhören.
G+G-Podcast

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