Pflege braucht bessere Strukturen

Das Pflegereformgesetz lässt weiter auf sich warten, die Herausforderungen wachsen. Immer mehr Pflegebedürftige treffen auf immer weniger Pflegefachkräfte und knappe Kassen. Über Auswege aus der Krise debattierte die AOK Rheinland-Pfalz/Saarland jetzt in Mainz mit Landessozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler und Vertreterinnen und Vertretern aus Landespolitik und Gesundheitswesen.

Waren zu Gast in Mainz (von links): Daniela Bublitz (Moderation), Sebastian Rutten (Geschäftsführer der PflegeGesellschaft Rheinland-Pfalz), Stefanie Krones (Caritasdirektorin), Sabine Bätzing-Lichtenthäler (Sozialministerin Rheinland-Pfalz), Udo Hoffmann (Beauftragter des Vorstandes der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland).
Dr. Martina Niemeyer, Vorstandsvorsitzende der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland

Wie kann eine qualitativ hochwertige Versorgung auch künftig sichergestellt werden, wie sind Pflegeberufe zu stärken und wie können vorhandene Ressourcen intelligenter einsetzen werden?“, formulierte AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… -Vorstandschefin Dr. Martina Niemeyer eingangs die Leitfragen des AOK-Dialogs „Quo vadis Pflege Kann die häusliche Pflege nicht im erforderlichen Umfang erbracht werden, besteht Anspruch auf… – Neue Strukturen für mehr Effizienz“. Aus der täglichen Arbeit als „zentraler Pflegelotse“ und der Verantwortung für 1,25 Millionen Versicherte im Land kenne die AOK die Herausforderungen genau. Dringend nötig sei zudem mehr Prävention Prävention bezeichnet gesundheitspolitische Strategien und Maßnahmen, die darauf abzielen,… , um Pflegebedürftigkeit Mit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) vom 27. November 2015 wurde der Begriff der… zu verhindern oder zu verzögern. „Die Herausforderungen lassen sich nicht allein mit mehr Geld lösen“, betonte Niemeyer. „Gefragt sind strukturelle Reformen, die den Bereich der Pflege nachhaltig leistungsfähig machen.“ Das bisher nur als Referentenentwurf vorliegende Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) der Bundesregierung sei ein wichtiger, aber nur ein erster Schritt.

Dem stimmte Sozialministerin Bätzing-Lichtenthäler zu: „Selbst das beste Gesetz nimmt uns die grundsätzliche Frage nicht ab: Wie organisieren wir Pflege so, dass sie auch in zehn, 20 Jahren menschlich, verlässlich und finanzierbar ist?“ Pflegebedürftige erlebten schon heute, „dass gute Pflege nicht mehr überall selbstverständlich ist“. Der PNOG-Entwurf werde „zu Recht kontrovers diskutiert“, sagte die SPD-Politikerin, die bereits von 2014 bis 2021 als Gesundheitsministerin amtierte und von 2005 bis 2009 als Drogenbeauftragte der Bundesregierung tätig war. 

Effizienz nicht allein aus ökonomischer Perspektive

Sie empfahl in ihrem Impulsvortrag, Forderungen nach mehr Effizienz in der Pflege nicht vorrangig ökonomisch zu verstehen. Es dürfe nicht um „weniger Pflege für weniger Geld“ gehen. „Wir müssen die Menschen, die Zeit und das Geld, das uns zur Verfügung steht, dort einsetzen wo es für pflegebedürftige Menschen am meisten bewirkt“, so die Ministerin. „Effiziente Strukturen nützen uns nichts, wenn die Menschen fehlen, die in ihnen arbeiten.“ Eine „einzelne große Reform“ werde dafür nicht ausreichen. Es gehe darum, Strukturen zu verändern, Leistungen stärker vom Bedarf der Menschen her zu denken, Verantwortung vor Ort zu ermöglichen, Prävention und häusliche Versorgung zu stärken, Bürokratie zu verringern und „unsere wichtigste Ressource zu schützen, nämlich die Menschen, die die Pflege leisten“. Durch gute Zusammenarbeit zwischen Land, Kommunen, Pflegekassen, Einrichtungen und Verbänden sei Rheinland-Pfalz hier bereits auf gutem Weg.

Ausdrücklich unterstützte Bätzing-Lichtenthäler die AOK-Forderung nach mehr regionalen Lösungen – wenn es etwa darum gehe, Pflege dort sicherzustellen, wo dies rein wirtschaftlich nicht mehr funktioniere. Neben verlässlichen politischen Rahmenbedingungen benötige die Pflegeplanung mehr Freiraum für individuelle Lösungen vor Ort. Mehr Unterstützung brauche die häusliche Pflege Als "häusliche Pflege" wird die Versorgung pflegebedürftiger Menschen in ihrer häuslichen Umgebung,… : „In Rheinland-Pfalz werden 85 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt – und dies entspricht auch weit überwiegend den eigenen Wünschen.“ Es dürfe aber nicht darum gehen, „die Verantwortung einfach auf Angehörige zu verlagern“, sondern die ambulante Pflegeunterstützung mit anderen Versorgungsebenen, aber auch ehrenamtlicher und nachbarschaftlicher Hilfe gut zu verknüpfen. Dazu gebe es eine große Bereitschaft in der Gesellschaft: „80 Prozent der Menschen sind ansprechbar, wen man sie konkret um etwas bittet.“ Pflegekräfte seien bestens geeignet, als Vermittler aufzutreten.

Sozialgesetzbücher besser verzahnen

Mit Blick auf Prävention verwies die Ministerin auf das inzwischen in allen 24 Landkreisen und zwölf kreisfreien Städten laufende Landesprojekt „Gemeindeschwester plus“. Das zuvor über einige Jahre erprobte Angebot ist für ältere Menschen gedacht, die noch keine Pflege brauchen. Sie erhalten auf Wunsch kostenlose Unterstützung und Beratung für ihre Alltagssituation.

Auch Udo Hoffmann, Beauftragter des Vorstandes der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland, verwies in Mainz auf die Bedeutung der Prävention. Er sprach sich zudem für eine bessere Verzahnung der Sozialgesetzbücher für das Gesundheitswesen Das Gesundheitswesen umfasst alle Einrichtungen, die die Gesundheit der Bevölkerung erhalten,… (SGB V) und für die Pflege (SGB XI) aus. Die Pflegegesetzgebung sei von 1995 und dementsprechend an vielen Stellen veraltet. Leider spiele dieser Aspekt im PNOG-Entwurf keine Rolle. Dennoch sei es wichtig, dass das Reformgesetz jetzt zügig komme: „Wir begrüßen nicht alles, aber vieles ist nötig.“

Schnittstellen-Probleme in der stationären Pflege

Dirk Wieser, Leiter Verträge Pflege und Demografie bei der AOK, stellte in Mainz Landesergebnisse des vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO Das WIdO (Wissenschaftliches Institut der AOK) liefert als Forschungs- und Beratungsinstitut der… ) erstellten „Qualitätsatlas Pflege“ vor. Die Analyse auf Basis anonymisierter AOK-Abrechnungsdaten erlaubt Rückschlüsse auf die Qualität ist ein zentrales Versorgungsziel der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Im Rahmen der… der stationären Pflegeeinrichtungen bis auf Landkreisebene hinunter. Der Atlas beleuchtet drei wesentliche Schnittstellen-Bereiche: fehlende Prophylaxe und Prävention, kritische Arzneimittelverordnung und vermeidbare Krankenhausaufenthalte. 

Bezogen auf zehn mit diesen Schnittstellen verbundene Qualitätsindikatoren liege Rheinland-Pfalz im Bundesvergleich durchweg im unteren Viertel, erläuterte Wieser. Als Beispiele griff er die fehlende augenärztliche Vorsorge Für die medizinische Vorsorge und die Rehabilitation gilt der Grundsatz ambulant vor stationär – das… bei Diabetes, sturzbedingte Krankenhausaufenthalte oder die Dauerverordnung von Beruhigungs- und Schlafmitteln heraus. Bei allen Indikatoren gebe es jedoch große Spannen zwischen den Landkreisergebnissen. Der „Qualitätsatlas Pflege“ zeige zwar Qualitätsunterschiede, liefere aber keine Begründungen dafür. „Das müssen wir mit den Beteiligten klären“, sagte Wieser. Dabei gehe es „nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, im regelmäßigen Austausch mit allen Beteiligten Besserungen zu erreichen“.

Die Illustration zeigt eine Alltagsszene in einem Pflegeheim mit Pflegebedürftigen und Pflegekraft.
Die Pflege ist in Not: Denn für immer mehr Pflegebedürftige stehen immer weniger finanzielle Mittel zur Verfügung. Wie genau die Herausforderungen aussehen und welche Antworten Politik und Verbände für eine zukunftsfeste Pflege haben, zeigt unsere neue G+G Story.
03.11.20252 Min

Lob für Modellprojekt „Pflege ganz aktiv“

Wie es gelingen kann, den Frust vieler Pflegefachkräfte über einengende Vorgaben und beschränkte Kompetenzen zu überwinden, zeigte mit viel Herzblut Claudia Brockers, Abteilungsleiterin Ambulante Pflege beim Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn und „Kopf“ des Modellprojektes „Pflege ganz aktiv“. Das von der AOK und den anderen Pflegekassen unterstützte Projekt verschafft Pflegefachkräften, Pflegebedürftigen und deren Angehörigen mehr Flexibilität durch ein offenes Zeitkontingent. „Welche Leistungen der Pflegedienst erbringt, entscheiden die Pflegebedürftigen spontan nach Bedarf“, so Brockers. Ein Kernanliegen sei es, die Autonomie pflegebedürftiger Menschen zu fördern und einen längeren Verbleib in der eigenen Wohnung zu erreichen. Ohne starre Bindung an Leistungskomplexe könnten sich die Pflegekräfte auch darum kümmern, Angehörige, Freunde oder Menschen aus der Nachbarschaft einzubinden und gegen Einsamkeit anzugehen. „Der Kopf wird frei für einen ganzheitlichen Blick. Das motiviert und begeistert die beteiligten Pflegekräfte“, betonte Brockers. 

Eine Pflegekraft in medizinischer Kleidung misst bei einem älteren Mann den Blutdruck in dessen Wohnzimmer. Die beiden sitzen auf einem Sofa.
Die ambulante Pflege ist unverzichtbar, stößt im bisherigen Abrechnungssystem jedoch zunehmend an ihre Grenzen. Die AOK Rheinland-Pfalz/Saarland erprobt mit dem Versorgungsmodell „Pflege ganz aktiv“ neue Wege für mehr Flexibilität und eine stärker bedarfsorientierte Versorgung.
15.04.2026AOK-Bundesverband5 Min

„Rolle rückwärts“ nicht vermittelbar

Neben ihr appellierte auch Caritasdirektorin Stefanie Krones an die Ministerin und die Pflegekassen, sich für eine Verlängerung des erfolgreich laufenden Projektes bis 2029 einzusetzen. „730.000 Pflegefachkräfte fahren morgens in ganz Deutschland mit ihren kleinen Autos in die Haushalte und dürfen dann fast nicht machen“, spitzte Krones zu. Das Projekt „Pflege ganz aktiv“ beweise, wie sich die Pflegebeschäftigten durch mehr Beinfreiheit und Kompetenzen neu für ihre Arbeit begeistern ließen. Eine „Rolle rückwärts“ sei ihnen kaum zu vermitteln, sagte die Caritasdirektorin und verwies zudem auf die positiven Ergebnisse einer Teilnehmerbefragung durch den Medizinischen Dienst.

Die Fortsetzung über Mitte 2027 hinaus hängt derzeit von der Bewilligung einer wissenschaftlichen Evaluation durch den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in Berlin ab. AOK-Chefin Martina Niemeyer, die von Beginn an hinter dem Modellprojekt steht, sieht dafür gute Chancen. Von anderen Kassenverbänden wünscht sie sich „mehr Mut für neue Ideen und Lösungen“. Auch Ministerin Bätzing-Lichtenthäler zeigte sich beeindruckt und offen für eine Ausdehnung des Modellprojektes nach erfolgreicher Evaluation.

Bürokratieabbau und Digitalisierung Schlüsselthemen

In der Podiumsdiskussion mit der Sozialministerin ging es auch um die Frage des Fachkräftemangels. Es gebe „kein Erkenntnisproblem“, sagte Sebastian Rutten, Geschäftsführer der Pflege-Gesellschaft Rheinland-Pfalz. Jetzt gehe es darum, „aus dem Beschreiben“ rauszukommen und längst erarbeitete gute Ideen gegen hohe Abbruchquoten bei den Auszubildenden, für bessere Weiterqualifizierung und besseres Personalmanagement und zum Wiedergewinnen von Berufsaussteigerinnen praktisch umzusetzen. 

Die Digitalisierung könne auch in der Pflege erheblich dazu beitragen, Bürokratie zu verringern, betonte Rutten. Das gelinge aber nur, wenn die Digitalisierung auch die Versorgungskette widerspiegele und nicht zusätzlichen Aufwand durch verschiedene Lösungen für Pflege, Ärzte und andere Beteiligte verursache. Als Beispiel für erste Erleichterungen nannte der Geschäftsführer die anstehende Aufnahme sprachgesteuerter Dokumentation in den Rahmenvertrag mit den Pflegekassen.

„Ausbilden, ausbilden, ausbilden“

Caritasdirektorin Krones gab als Motto „Ausbilden, ausbilden, ausbilden“ vor. Es sei derzeit kaum möglich, ausreichend ausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland zu bekommen. Junge Menschen, die eine Ausbildung machen wollen, böten deshalb das größere Potenzial. Von 60 Auszubildenden in ihrem Verantwortungsbereich seien allein 50 über das Fachkräfte-Einwanderungsgesetz nach Deutschland gekommen, berichtete Krones. „Viele aus Kamerun, Marokko und Indien.“ 

In ihrem Schlusswort appellierte AOK-Vorständin Niemeyer an alle Beteiligten, „Hand in Hand“ an einer finanzierbaren Pflege zu arbeiten, die den Bedürfnissen der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen gerecht werde: „Pflege ist stets individuell und immer herausfordernd. Ein starkes Netzwerk aus Pflegeangeboten, familiärem Umfeld, Caring Communities sowie Kranken- und Pflegekassen dient als Rüstzeug, um gute Pflege aktiv zu sichern.“ Nach der schnellen Stabilisierung der Finanzen müsse auch rasch eine strukturelle Reform folgen.