Mehr Spielraum für die ambulante Pflege

Die ambulante Pflege ist unverzichtbar, stößt im bisherigen Abrechnungssystem jedoch zunehmend an ihre Grenzen. Die AOK Rheinland-Pfalz/Saarland erprobt mit dem Versorgungsmodell „Pflege ganz aktiv“ neue Wege für mehr Flexibilität und eine stärker bedarfsorientierte Versorgung.

Eine Pflegekraft in medizinischer Kleidung misst bei einem älteren Mann den Blutdruck in dessen Wohnzimmer. Die beiden sitzen auf einem Sofa.

Mehr als 200.000 pflegebedürftige Menschen werden in Rheinland-Pfalz zu Hause versorgt. Die ambulante Pflege Kann die häusliche Pflege nicht im erforderlichen Umfang erbracht werden, besteht Anspruch auf… ist damit ein zentraler Pfeiler der pflegerischen Versorgung in der Region, steht jedoch wie in vielen anderen Teilen der Bundesrepublik vor wachsenden Herausforderungen. Komplexere Pflegebedarfe, steigender Zeitdruck und ein anhaltender Fachkräftemangel bringen das bisherige Abrechnungssystem an seine Grenzen.

Im Westerwald und in der Westeifel erprobt das Versorgungsmodell „Pflege ganz aktiv“ der AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… Rheinland-Pfalz/Saarland und der örtlichen Caritasverbände deshalb einen neuen Ansatz: Statt Einzelleistungen über Leistungskomplexe abzurechnen, erhalten Pflegedienste pauschale Vergütungen. Das schafft Spielräume für eine tagesaktuelle, bedarfsorientierte Versorgung – und ermöglicht Pflege, die sich stärker an Selbstbestimmung und Aktivierung der Pflegebedürftigen orientiert.

Ziel:
Förderung der Selbstständigkeit pflegebedürftiger Menschen und Ermöglichung eines längeren Verbleibs in der eigenen Häuslichkeit durch bedarfsgerechte, flexible Versorgungsangebote.

Träger:
AOK Rheinland-Pfalz/Saarland als Initiator
Partner: Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn, Caritasverband Westeifel, Landesverbände der Kranken- und Pflegekassen Rheinland-Pfalz sowie zuständige Landesministerien.

Zielgruppe:
Pflegebedürftige Versicherte in häuslicher Versorgung sowie deren Angehörige.

Ansatz:
Koordination individueller Unterstützungsangebote durch ein regional vernetztes Versorgungsteam mit Fokus auf bedarfsgerechte und flexible Leistungsinanspruchnahme.

Umsetzung:
Umsetzung über Caritas-Sozialstationen, flankiert durch Öffentlichkeitsarbeit (Presse, Social Media) und politischen Dialog.

Mehrwert:
Stärkung der Autonomie, bessere Ausrichtung der Leistungen am individuellen Bedarf und Stabilisierung der häuslichen Versorgungssituation.

Alltagsnahe Unterstützung im häuslichen Umfeld

„Pflege ganz aktiv“ ist ein Versorgungsmodell in der Altenpflege, das pflegebedürftigen Menschen eine individuell zugeschnittene, alltagsnahe Unterstützung ermöglicht. Die Idee: Ein Team vor Ort koordiniert über ein regionales Netzwerk genau die Hilfen, die im Einzelfall benötigt werden. Im Mittelpunkt steht das Ziel, die Selbstständigkeit der Betroffenen zu stärken und ihnen einen möglichst langen Verbleib in der eigenen Häuslichkeit zu ermöglichen. Weil Pflegebedürftige ihre Leistungen selbstbestimmt und passend zu ihrem tatsächlichen Unterstützungsbedarf wählen, stärkt das ihre Fähigkeiten, aktiviert vorhandene Ressourcen und stabilisiert ihre Versorgung nachhaltig.

Initiator des Versorgungsmodells ist die AOK Rheinland-Pfalz/Saarland. Es wird mit Sozialstationen in Trägerschaft des Caritasverbandes Westerwald-Rhein-Lahn und des Caritasverbandes Westeifel umgesetzt. Weitere Partner sind die Landesverbände der Kranken- und Pflegekassen in Rheinland-Pfalz sowie die Ministerien für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung und für Wissenschaft und Gesundheit des Landes Rheinland-Pfalz. Das Angebot richtet sich an Versicherte, die von den Caritas Sozialstationen Westerburg-Rennerod, Lahnstein-Braubach, Wirges-Selters-Kannenbäckerland, Montabaur-Wallmerod, Prüm-Arzfeld, Südeifel und Nassau betreut werden.

 

Foto von den die Projektpartner, u.a. die Vorständin der AOK RPS, Dr. Martina Niemeyer (3. v. li). und die Caritasdirektorin Stefanie Krones (6. v. li) in Anwesenheit von MdB Tanja Machalet (4. V. li).
In Montabaur gaben die Projektpartner, u.a. die Vorständin der AOK RPS, Dr. Martina Niemeyer (3. v. li). und die Caritasdirektorin Stefanie Krones (6. v. li) in Anwesenheit von MdB Tanja Machalet (4. V. li), im Sommer 2022 den Start für das Versorgungsmodell bekannt.

Abrechnung nach Pflegezeit und Pauschalen

„Pflege ganz aktiv“ durchbricht bewusst das aktuelle System um die Leistungskataloge, die wenig Raum für individuelle Bedürfnisse lassen und oft einen hohen bürokratischen Aufwand für Pflegekräfte verursachen. Seit Juli 2022 erprobt das Projekt die Abrechnung nach tatsächlich eingesetzter Pflegezeit Die 2008 mit dem Pflegezeitgesetz eingeführte Pflegezeit ermöglicht es Beschäftigten, sich für… und Vergütungspauschalen. Pflegekräfte arbeiten dabei eigenverantwortlich in kleinen, selbstorganisierten Teams mit flachen Hierarchien. Sie entscheiden situativ, welche Unterstützung im jeweiligen Moment am wichtigsten ist. 

Ein Beispiel: Wenn eine Pflegekraft den Auftrag hat, bei einem bettlägerigen Menschen die Grundpflege durchzuführen und danach bemerkt, dass dieser gerne ein paar Schritte durchs Zimmer gehen möchte, ist dies mit dem „Pflege ganz aktiv“-Modell möglich. Im alten Modell, wo diese Leistung nicht vorher „gebucht“ worden war, hätte dies einen zusätzlichen Abrechnungsaufwand und Kosten verursacht.

Durch den flexiblen Ansatz wird Pflege also nah am individuellen Bedarf und am sozialen Umfeld der Pflegebedürftigen ausgerichtet.

„Pflegebedürftige, ihre Familien sowie die Pflegekräfte profitieren gleichermaßen: Sei es durch den Bürokratieabbau, der zugleich neue Flexibilität für das Pflegepersonal schafft oder durch ein Plus an Selbstbestimmung und die Möglichkeit zum längeren Verbleib in der gewohnten Häuslichkeit.“

Dr. Martina Niemeyer, Vorstandsvorsitzende der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland

Dr. Martina Niemeyer

Vorstandsvorsitzende der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland

Begeisterung bei den Pflegebedürftigen

Die Resonanz ist beeindruckend: Laut einer Befragung  aus der ersten Projektphase, die bis Juli 2024 lief, wollten 80 Prozent der zur damaligen Zeit beteiligten Pflegebedürftigen nicht mehr zur bisherigen Versorgung zurückkehren. Der Bürokratieabbau schuf Zeit für das Wesentliche – die Zuwendung zu den Menschen. Gründliche Vorbereitung und intensive Begleitung erwiesen sich dabei als entscheidende Erfolgsfaktoren.

Flexibilisierung des Leistungsrechts

Das Versorgungsmodell „Pflege ganz aktiv“ greift zentrale Reformüberlegungen auf, wie sie die AOK-Gemeinschaft vertritt. In einem Positionspapier zur Weiterentwicklung der Pflege spricht sich die AOK für eine Flexibilisierung des Leistungsrechts in der Pflegeversicherung Die Pflegeversicherung wurde 1995 als fünfte Säule der Sozialversicherung eingeführt. Ihre Aufgabe… aus. Starre Leistungskataloge erschwerten demnach eine bedarfsgerechte Versorgung und verursachten hohen bürokratischen Aufwand. Durch die Bündelung von Leistungen in Budgets könnten individuelle Versorgungsangebote erleichtert, Angehörige entlastet und Mittel effizienter eingesetzt werden.

Darüber hinaus betont die AOK die Bedeutung sozialräumlicher Versorgungsstrukturen. Regionale Netzwerke und sogenannte „Caring Communities“ sowie eine engere Zusammenarbeit von Kommunen und Kranken- und Pflegekassen könnten die Versorgung im häuslichen Umfeld stärken.