Cyberchondrie: Wenn das Web Angst vorm Hirntumor macht
Kopfschmerzen, Muskelzuckungen oder ein leichtes Ziehen: Meist harmlose körperliche Beschwerden werden durch das Nachforschen im Internet von Betroffenen schnell als Symptome für eine schlimme Erkrankung gedeutet. „Kopfschmerzen werden zum Gehirntumor und Muskelzuckungen zu einer schweren Nervenkrankheit wie ALS“, berichtet Dr. Heiko Graf vom Städtischen Klinikum Karlsruhe. Im Arbeitsalltag begegnen dem Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin immer öfter Menschen mit einer sogenannten „Cyberchondrie“.
Der Begriff setzt sich zusammen aus dem englischen Wort „Cyber“, das den Onlineraum beschreibt, und dem Begriff „Hypochondrie“ – also Krankheitsangst. „Cyberchondrie meint die unbegründete Angst vor einem schweren körperlichen Leiden, die auf der Kenntnisnahme von Webinhalten basiert“, erläutert Graf. Formal handele es sich nicht um eine Erkrankung, sondern um ein Verhaltensphänomen. Allerdings könne daraus eine hypochondrische Störung erwachsen. Die wiederum ist von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als psychische Erkrankung definiert und auch in der ICD-10-Liste klassifiziert. Betroffene mit hypochondrischer Störung sind anhaltend davon überzeugt, dass sie an einer schweren körperlichen Krankheit leiden. Sie suchen immer wieder Ärzte auf und auch ein unauffälliger Befund führt meist nicht zu einer langfristigen Beruhigung.
Mit wenigen Klicks vom Symptom zur Krankheit
Dass Menschen sich durch den Konsum von Medien verunsichert fühlen oder Angst vor einer bestimmten Krankheit bekommen, ist kein neues Phänomen – auch vor Google und KI vermochten es Zeitschriften, Bücher, Radio oder TV, den Konsumenten gelegentlich Schrecken einzujagen. „Der Aufwand, den man zur Recherche betreiben musste, war damals jedoch um ein Vielfaches höher“, erläutert Graf. Anders heute: „Es braucht nur zwei, drei Klicks und schon steht eine Vielzahl an völlig ungefilterten und unverifizierten Inhalten zur Verfügung.“ Bei kribbelnden Fingern, Müdigkeit, Gelenkschmerzen oder dem bekannten „Kloß im Hals“ wird dann schnell etwas Ernstes vermutet.
Eine Rolle spielt zusätzlich die algorithmische Verstärkung: Klickt ein User auf Artikel über eine dramatische Krankheit, vermutet die Suchmaschine ein Interesse an diesem Thema und richtet künftige Empfehlungen daran aus. „Das ist für Betroffene wie ein Teufelskreis“, berichtet Graf. „Wer fünf- oder sechsmal nach Gehirntumoren gegoogelt hat, der landet künftig verstärkt auf solchen Seiten, was die Angst weiter verstärkt.“
Typisch für die unter Cyberchondrie leidenden Menschen ist, dass sie meist Angst vor Erkrankungen haben, die mit einer schweren Leidensgeschichte in Verbindung gebracht werden. Hoch im Kurs stünden verschiedene Tumorarten, Motoneuronerkrankungen wie die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) oder andere neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose (MS), berichtet Graf aus langjähriger Erfahrung.
Zwanghaftes Googeln
Gekennzeichnet ist Cyberchondrie zudem dadurch, dass die Betroffenen eine Art inneren Zwang entwickeln, ständig im Web nachzuschauen, was sie zu der bei ihnen vermuteten Krankheit finden. „Diese Menschen verbringen immer mehr Zeit im Internet und steigern damit ihr Angst- und Stressniveau“, erläutert Graf. Irgendwann falle die Unverhältnismäßigkeit in der Regel auch Angehörigen auf. Sie gäben nicht selten den Anstoß, sich zu Symptomen die fundierte Meinung eines Arztes zu holen oder sich gar wegen übersteigerter Ängste in Behandlung zu begeben.
Unter Hypochondrie leiden etwa sechs Prozent der Deutschen. Bislang gebe es keine wissenschaftlich ermittelten Zahlen, wie viele Menschen von Cyberchondrie betroffen seien, auch wenn er als Mediziner und Therapeut immer öfter mit diesem Phänomen konfrontiert werde, sagt Graf. Der Pool an Menschen, die eine Cyberchondrie entwickeln könnten, ist auf jeden Fall groß: Eine Forsa-Umfrage unter 2.000 Personen im Auftrag des AOK-Bundesverbandes zeigte im Februar, dass 83 Prozent der Bürgerinnen und Bürger das Internet für die Recherche zu Gesundheitsthemen nutzen. Gleichzeitig führt die Online-Suche nach Diagnosen, Behandlungen und Co. bei einem Drittel der Befragten zu Verunsicherung.
„Personen, die mit Unsicherheiten schlecht zurechtkommen, haben ein erhöhtes Risiko für eine Cyberchondrie (...).“
Städtisches Klinikum Karlsruhe
Vor allem junge Menschen betroffen
Vor allem junge Menschen unter 35 Jahren leiden unter Cyberchondrie, da sie am meisten im Internet unterwegs sind. Untersuchungen zeigen zudem, dass Menschen dann besonders anfällig sind, wenn sie ohnehin eine erhöhte Ängstlichkeit oder ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle aufweisen. „Personen, die mit Unsicherheiten schlecht zurechtkommen, haben ein erhöhtes Risiko für eine Cyberchondrie, die dann als Maximalvariante in einer hypochondrischen Störung münden kann“, betont Graf. Frauen seien stärker betroffen als Männer. Auch Angehörige medizinischer Berufe oder Beschäftigte im IT-Wesen wiesen eine hohe Affinität auf.
Besonders anfällig für Cyberchondrie sind auch Menschen mit einer psychischen Erkrankung – etwa einer Angsterkrankung, Depression oder Somatisierungsstörung. Aber auch alle, die einen problematischen Internetgebrauch haben, gelten als vulnerable Gruppe. Aus der klinischen Praxis nicht bestätigen kann der Wissenschaftler allerdings Untersuchungen, wonach Personen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status häufiger unter Cyberchondrie litten als besser bemittelte. „Meiner Erkenntnis nach zieht sich das Phänomen durch alle sozialen Schichten.“
Bei starker Betroffenheit Hilfe suchen
„Menschen, die feststellen, dass ihre Ängste über lange Zeit anhalten und sie darunter leiden oder gar einen inneren Zwang feststellen, nach Gesundheitsaspekten im Internet zu suchen, sollten gegensteuern“, rät der Karlsruher Experte. Betroffenen empfiehlt er, die Internetrecherche erstmal einzustellen und ärztlichen Rat zu den als bedrohlich eingestuften Symptomen zu holen. Bei einer Selbsttherapie gehe es nicht zuletzt darum, Angst auszuhalten und dem Druck zu widerstehen, letztendlich doch wieder bei „Dr. Google“ zu landen. In vielen Fällen kann eine Psychotherapie angezeigt sein. Dort geht es laut Graf dann vor allem darum, mehr über Angst und ihre Wirkmechanismen zu erfahren. Am Ende sollen Strategien stehen, um Ängste zu regulieren und dem inneren Druck zur Krankheitsrecherche im Internet zu widerstehen.
Generell verteufeln will Graf die Suche nach Antworten zu Gesundheitsfragen im Web oder per KI nicht. „Es gibt viele Vorteile, gerade auch für Kranke, um mehr über ihr Leiden zu verstehen.“ Allerdings brauche es eine gewisse Gesundheitskompetenz, um zwischen guten und weniger guten Angeboten unterscheiden zu können. Die AOK-Studie von Februar hatte gezeigt, dass sehr viele der Befragten Probleme hatten, verlässliche Quellen zu erkennen. Der Psychiater rät dazu, sich zu medizinischen Fragestellungen vor allem Rat von verifizierten Internetseiten zu holen, beispielsweise von Krankenkassen oder Fachgesellschaften.
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