„Wir haben kein Sinnesorgan für ultraviolette Strahlung“
Hitze spürt man, ultraviolette Strahlen nicht. Beides ist brandgefährlich für die Gesundheit und wird auch wegen des Klimawandels immer relevanter. Die Menschen könnten sich wirkungsvoll und sehr kostengünstig schützen, doch die wenigsten tun dies in ausreichendem Maße, bedauert der Bio- und Umweltmeteorologe Andreas Matzarakis. Im G+G-Gespräch räumt der Freiburger Forscher mit Missverständnissen auf und erklärt, was zu tun ist.
Herr Professor Matzarakis, Sie haben kürzlich in der Zeitschrift Meteorology geschrieben, Hitze und UV-Strahlen gehörten zu den folgenreichsten Umweltstressoren. Wie begründen Sie das?
Begriffen habe ich es im Juli 1987 in Athen: über vierzig Grad tagelang, eine Stadt, die nachts nicht mehr abkühlt, am Ende rund zweitausend zusätzliche Tote. Es war meine erste Hitzestudie. Erschüttert hat mich nicht die Zahl, sondern wie gewöhnlich diese Tage von außen aussahen. Die Menschen hören einfach auf zurechtzukommen, meistens allein, meistens in ihren Wohnungen. Der Hitze entkommt niemand, und der UV-Strahlung entkommt niemand, der mittags draußen arbeitet, spielt oder meint, er ist im Urlaub und die Sonne schadet ihm nicht. Hitzewellen gehören weltweit zu den tödlichsten Naturgefahren, Hautkrebs ist längst die häufigste Krebserkrankung. Und der Klimawandel verstärkt beides, wenn auch auf verschiedenen Wegen. Und beides wäre zum großen Teil vermeidbar – durch Schatten, die richtige Tageszeit, Kleidung, einen kühlen Raum.
Es kann also Hitze ohne allzu starke UV-Strahlen geben und intensive UV-Strahlung ohne starke Hitze?
Richtig. Das UV hängt vom Sonnenstand ab, von Bewölkung, Aerosolen, dem Ozon in der Stratosphäre und der Höhe über dem Meer. Die Wärmebelastung bewirkt durch Lufttemperatur, Luftfeuchte, Wind und Strahlung aus allen Richtungen. Deshalb gibt es den klaren, kühlen Apriltag im Gebirge mit hohem UV-Index und angenehmer Wärme. Abends zeigt sich ein Sonnenbrand, mit dem niemand gerechnet hat. Und es gibt die Hitzewelle unter Saharastaub, bei der das UV reduziert ist und die Hitze trotzdem gefährlich ist. Auch im Jahres- und Tagesgang laufen sie auseinander: Das UV ist am stärksten um die Sommersonnenwende und im Sonnenhöchststand, die Wärmebelastung im Juli oder August und zwei bis vier Stunden nach Mittag.
Welche Übereinstimmungen und Unterschiede gibt es bei negativen gesundheitlichen Auswirkungen von Hitze und UV-Strahlen?
Beide wirken streng dosisabhängig, beide sind ungleich verteilt, und beide haben ähnliche Gegenmittel. Dazu gehören Schatten, Tageszeit, Kleidung. Damit hören die Gemeinsamkeiten auf. Hitze wirkt akut und auf den ganzen Organismus. Die Folgen sind Flüssigkeitsverlust, erhöhter Puls, Blutdruckabfall, Rhythmusstörungen, Schwindel, akutes Nierenversagen, verschärfte Atemwegserkrankungen, Schlafstörungen. Am Ende steht der Hitzschlag, ein Notfall mit hoher Sterblichkeit. UV wirkt örtlich, auf Haut, Augen und Immunsystem. Akute Folgen sind Sonnenbrand, Sonnenstich und Bindehautentzündung. Langfristig zeigen sich Konsequenzen in Form von Hautkrebs, vorzeitiger Hautalterung oder einer Trübung der Augenlinse.
Der wichtigste Unterschied ist aber ein anderer: Hitze spürt man, UV nicht. Denn wir haben kein Sinnesorgan für ultraviolette Strahlung. Was wir auf der Haut als Sonne empfinden, ist die Erwärmung, und die sagt fast nichts über die erythemwirksame Strahlung, die Rötungen bis hin zum Sonnenbrand auslösen kann. Die Haut meldet sich erst am Abend – da ist die Dosis längst überschritten.
Machen sich die negativen Konsequenzen von zu viel Hitze und zu viel UV-Strahlen zu unterschiedlichen Zeitpunkten bemerkbar?
Ja, es sind unterschiedliche Zeitskalen. Die Hitze wirkt innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen. In den Sterbestatistiken folgt der Anstieg mit ein bis drei Tagen Verzug. Der Sonnenbrand meldet sich nach vier bis acht Stunden. Die chronischen Folgen der UV-Strahlung brauchen Jahrzehnte. Das ist der Grund, warum UV-Schutz so schwer zu vermitteln ist. Es gibt keine unmittelbare Rückmeldung. Der Körper führt Buch, und die Rechnung kommt nach circa dreißig Jahren.
Worauf müssen wir uns in den nächsten Jahren etwa bei Hautkrebs einstellen?
Die Welle läuft bereits. Hautkrebs ist in Deutschland die häufigste Krebserkrankung überhaupt, und die Zahlen steigen seit Jahrzehnten. Was heute in den Praxen ankommt, sind die Sonnengewohnheiten der Siebziger- bis Neunzigerjahre – als der Urlaub in der Sonne für alle erschwinglich wurde und Bräune als Zeichen von Gesundheit galt. Diese Rechnung bezahlen gerade Menschen, die damals überzeugt davon waren, sich etwas Gutes zu tun. Und die Belastung von heute schreibt die Statistik der 2050er-Jahre. Unterschiedlich ist die Art der Last: Hitze trifft die Akutversorgung schlagartig an wenigen Tagen, UV die chronische Versorgung über Jahre. Hitze fordert mehr Todesopfer und Einlieferungen in Krankenhäuser. UV erzeugt die größere langfristige Krankheitslast – und der Klimawandel steigert die hitzebedingte Sterblichkeit derzeit schneller.
Wie viel Hitze und wie viel UV-Strahlung sind eigentlich gesund für uns? Saunieren gilt doch als gesundheitsförderlich und UV brauchen unsere Körper zur Vitamin-D-Herstellung.
Beides stimmt. Es geht darum, kontrolliert zu exponieren. In der Sauna ist die Hitze kurz, freiwillig und dosiert – vor allem aber kann man jederzeit hinausgehen. Aus einer Hitzewelle geht niemand heraus. Sie dauert Tag und Nacht, und viele Betroffene sind allein. Mäßige Wärme hat gute Seiten: mehr Bewegung im Freien, bessere Stimmung, weniger kältebedingte Sterblichkeit. Beim UV ist die nötige Dosis erstaunlich klein. Hier reichen ein paar Minuten auf Gesicht und Arme, mehrmals in der Woche und außerhalb der Mittagszeit. Im Winter steht die Sonne bei uns zu tief, da entsteht kaum Vitamin D, egal wie lange jemand draußen sitzt. Das ist eine Frage für den Arzt, nicht für die Sonnenbank. Und eines möchte ich klar sagen: Ein Sonnenbrand ist eine Verletzung des Körpers.
Trainieren unterschiedliche Wetterlagen den Körper auch oder schaden Schwankungen generell?
Sie trainieren in Maßen. Nach ein bis zwei Wochen Wärmebelastung setzt das Schwitzen früher ein, es ist ergiebiger und salzärmer, der Kreislauf arbeitet ruhiger. Deshalb richtet dieselbe Lufttemperatur im August weniger an als im Mai. Die Anpassung ist aber nicht permanent – zwei, drei kühle Wochen, und ein großer Teil ist wieder weg. Die erste Hitzewelle des Jahres ist regelmäßig die gefährlichste, obwohl sie selten die heißeste ist. Der Mai ist gefährlicher, als er aussieht. Für Menschen mit Herz-, Nieren- oder Lungenerkrankungen ist Schwankung grundsätzlich Belastung, nicht Training.
Zur Person
Andreas Matzarakis studierte Meteorologie an der Universität München. Nach der Promotion war er ab 1995 wissenschaftlicher Assistent, ab 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Meteorologischen Institut der Universität Freiburg. Im Oktober 2006 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Von August 2015 bis März 2024 leitete er das Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes in Freiburg, seit April 2024 lehrt er wieder an der Universität Freiburg.
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