Interview Prävention

Unicef: Beinahe jedes Kind in Deutschland von Klimafolgen betroffen

29.06.2026 Barbara Huhn 5 Min. Lesedauer

Die Klimakrise bedroht fast jedes Kind weltweit. Das zeigt der aktuelle Kinder-Klimarisikenbericht des UN-Kinderhilfswerks Unicef. Auch in Deutschland leiden demnach fast alle Kinder unter Klimafolgen. Welche das sind, wo Kinder hierzulande besonders betroffen sind und was Unicef fordert, erläutert Katja Sodomann von Unicef Deutschland, im Interview mit G+G.

Ein Kleinkind hält die Hand vor die Augen vor der Sonne und schwitzt.
Kinder sind körperlich empfindlicher und unter anderem anfälliger für Krankheiten und Temperaturschwankungen.
Portrait von Katja Sodomann, Pressesprecherin von Unicef Deutschland
Katja Sodomann, Pressesprecherin von Unicef Deutschland

Dürren, extreme Hitze, Brände, Hitzewellen, Küsten- und Flussüberschwemmungen, Sand- und Staubstürme sowie tropische Stürme sind laut Bericht die acht häufigsten globalen Klimagefahren für Kinder. Welche treten am häufigsten in Deutschland auf?

Katja Sodomann: Die Topklimaereignisse in Deutschland sind vor allem Hitzewellen und Dürren. Von diesen Klimaereignissen sind Kinder hierzulande am stärksten betroffen, besonders von Hitzewellen. Sie betreffen rund 12,9 Millionen Kinder unter 18 Jahren. Das entspricht etwa 91,5 Prozent aller Kinder im Land. Dürren betreffen insgesamt rund 9,7 Millionen Kinder, das entspricht 68,9 Prozent. Überschwemmungen oder Überflutungen sind in Deutschland deutlich weniger flächendeckend als Hitze oder Dürre. Aber es leben immerhin rund 757.000 Kinder in Regionen mit einem Flusshochwasserrisiko, etwa 5,4 Prozent. Rund 192.000 Kinder wohnen in Regionen mit Küstenhochwasserrisiken.

Zwei Risiken, die stark vom Klimawandel beeinflusst werden und eine zusätzliche Gefahr für Kinder darstellen, sind laut Unicef-Analyse Luftverschmutzung und Malaria. Fast jedes Kind weltweit ist demnach von Luftverschmutzung betroffen. Eine Milliarde Kinder leben mit dem Risiko, an Malaria zu erkranken. Was zeigen die Daten für Deutschland? 

Sodomann: Malaria spielt bisher quasi keine Rolle in Deutschland. Luftverschmutzung aber sehr wohl. 99,8 Prozent der Kinder unter 18 Jahren leben in Deutschland mit Luftverschmutzung. Das sind rund 14 Millionen Kinder. 

Insgesamt leben nach den aktuellsten Daten rund 13,7 Millionen Kinder in Deutschland mit mindestens mit einem der erfassten Risiken. Das entspricht 97,5 Prozent aller Kinder in Deutschland. Rund 9,3 Millionen sind mindestens zwei Risiken ausgesetzt, also etwa zwei Drittel aller Kinder. Mindestens drei Risiken betreffen in Deutschland mehr als 630.000 Kinder. 

Klimagefahren können sich auch überschneiden. Welche Kombination ist die häufigste in Deutschland?

Sodomann: Besonders häufig überschneiden sich Hitzewellen und Dürren. Davon sind über 8,3 Millionen Kinder betroffen, also knapp 60 Prozent aller Kinder unter 18 Jahren. Global betrachtet, sind rund 1,1 Milliarden und damit fast die Hälfte aller Kinder weltweit von mindestens drei gleichzeitig auftretenden Klimagefahren bedroht. Mehr als vier Millionen Kinder leben sogar in Regionen mit sechs sich überschneidenden Klimagefahren. Nahezu jedes Kind der Welt ist mindestens einer Klimagefahr ausgesetzt.

„Nahezu jedes Kind der Welt ist mindestens einer Klimagefahr ausgesetzt.“

Katja Sodomann

Pressesprecherin bei Unicef Deutschland

Gibt es regionale Hotspots in Deutschland?

Sodomann: Ja. Hotspots für Luftverschmutzung sind zum Beispiel Berlin, Bremen, Hamburg und Ballungsräume in Nordrhein-Westfalen. Von häufigeren und länger andauernden Hitzewellen sind vor allem Westdeutschland, Hessen, Bayern und Sachsen bedroht. Extreme Hitze (mehr als 35 Grad) ist in den Grenzregionen zwischen Hessen und Bayern sowie im Rheinland am wahrscheinlichsten.

Warum leiden Kinder stärker unter den Folgen des Klimawandels als Erwachsene?

Sodomann: Kinder sind körperlich empfindlicher und unter anderem anfälliger für Krankheiten und Temperaturschwankungen, da sich ihre Körper schneller erhitzen und sie weniger effizient schwitzen. Sie atmen doppelt so schnell wie Erwachsene und inhalieren dadurch auch mehr Schadstoffe. Außerdem brauchen sie mehr Nahrung und Wasser pro Kilogramm Körpergewicht und ihre Überlebenschancen bei extremen Wetterereignissen sind geringer.

Laut Bericht sind Kinder in Deutschland im globalen Vergleich weniger verwundbar. Warum?

Sodomann: Zunächst einmal sind die Klimarisiken für Kinder in Deutschland generell geringer und weniger extrem als in anderen Regionen der Erde, wie beispielsweise der Sahel-Region. Zudem haben Kinder in Deutschland im internationalen Vergleich eine sehr gute Grundversorgung, etwa in den Bereichen Gesundheit, Zugang zu Wasser und soziale Absicherung, sodass Klimagefahren in der Regel nicht zur Katstrophe werden. Wenn diese Systeme aber schwach, unzugänglich oder nicht widerstandsfähig gegenüber Klimaschocks sind, sind Kinder besonders gefährdet. Dies ist in vielen anderen Teilen der Erde der Fall.

Das bedeutet?

Sodomann: Die Klimakrise ist kein isoliertes Ereignis, sondern eine gefährliche Abfolge mehrerer gleichzeitiger Gefahren. Deren Anhäufung übersteigt die Kapazitäten schlecht vorbereiteter sozialer Dienste und schwächt die Widerstandsfähigkeit von Familien und Gemeinschaften. Dieser Dominoeffekt zeigt sich etwa bei extremen Dürren, die Ernten zerstören, Ernährungsunsicherheit verschärfen und zusätzlich ein besonders günstiges Umfeld für unkontrollierte Brände schaffen. Diese wiederum verstärken die Luftverschmutzung. Gleichzeitig begünstigt der ausgedörrte Boden Überschwemmungen, die ihrerseits die Infrastruktur zerstören, Menschen vertreiben und die Ausbreitung wasserbedingter Krankheiten fördern. 

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Was fordern Sie, um Kinder vor Klimagefahren besser zu schützen?

Sodomann: Regierungen, Unternehmen und relevante Akteure müssen Emissionen senken und ehrgeizig handeln, um bestehende internationale Verpflichtungen gemäß dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu erfüllen. Kinder sollten mitgedacht werden und in nationale Anpassungspläne sowie Strategien einbezogen und darin priorisiert werden. Außerdem wünschen wir uns, dass Kinder und Jugendliche gestärkt werden, damit sie sich an Klimaschutzmaßnahmen beteiligen können. Dazu sollte unter anderem mehr in Klimabildung, Wissen und Kompetenzen investiert werden.

Was leistet der „Children's Climate Risk Report 2026“? 

Sodomann: Um konkrete und wirksame Lösungen für Anpassung und Katastrophenrisikominderung zu entwickeln, muss unbedingt bestimmt werden, welche Kinder am stärksten gefährdet sind, wo sie leben und wie sich die Auswirkungen des Klimawandels auf sie auswirken. Der „Children's Climate Risk Report 2026“ zeichnet das bisher umfassendste Bild der Bedrohungen, die die Klimakrise für Kinder darstellt. Er zeigt mit bisher unerreichtem Detailgrad, wie die gleichzeitige Belastung durch mehrere Klimagefahren das Risiko für Kinder erhöht, Schaden zu nehmen. Zugleich verbindet der Bericht diese Risiken mit der besonderen körperlichen Verletzlichkeit von Kindern und mit möglichen Einschränkungen oder Unterbrechungen sozialer Dienste, auf die sie angewiesen sind.

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