Artikel Prävention

Einwurf: Prävention braucht neue Strukturen

22.04.2026 Ingo Froböse 2 Min. Lesedauer

Appelle genügen nicht: Der Sportwissenschaftler Ingo Froböse plädiert dafür, Gesundheit über klug gestaltete Lebenswelten als selbstverständlich im Alltag zu verankern.

Ein Mann macht eine Beinhebeübung hängend an einer Klimmzugstange in einem grünen Stadtpark.
Menschen brauchen niedrigschwellige Impulse, um gesunde Routinen im Alltag zu entwickeln.
Foto: Porträt von Ingo Froböse, emeritierter Universitätsprofessor an der Deutschen Sporthochschule Köln für das Fachgebiet Sport, Gesundheit und Prävention
Ingo Froböse ist emeritierter Universitätsprofessor an der Deutschen Sporthochschule Köln für das Fachgebiet Sport, Gesundheit und Prävention.

Prävention steht heute vor einer paradoxen Situation: Noch nie war unser Wissen über Gesundheit so umfassend, und noch nie hat sich unsere Lebensrealität so systematisch von einer Umwelt entfernt, die uns physisch und psychisch resilient hält. Wir erleben eine digitale Landflucht aus dem eigenen Körper: Gesteigerte Bildschirmzeit, kognitive Überlastung und Bewegungsmangel prägen den Alltag. Wenn Prävention unter diesen Bedingungen wirksam bleiben soll, muss sie den Fokus radikal verschieben: Weg von der vergeblichen Reparatur des Individuums, hin zur Neugestaltung unserer Lebenswelten.

Der zentrale Hebel liegt in der strukturellen Integration. Punktuelle Kursangebote oder gut gemeinte Appelle verpuffen in einer Umwelt, die pathogene Anreize setzt. Wir müssen Prävention als Betriebssystem unserer Sozialräume begreifen. Das bedeutet: Gesundheitsförderliche Architektur darf kein „Add-on“ sein, das man mühsam aufsuchen muss. Sie muss in Kitas, Schulen, Betrieben und Kommunen zur Standardeinstellung werden. Wir brauchen eine Politik der kurzen Wege und eine Umgebung, die Aktivität und Regeneration implizit einfordert, statt sie der individuellen Disziplin zu überlassen.

Zweitens benötigt Prävention eine neue Ausrichtung der Kommunikation. Weg vom moralisierenden Zeigefinger, hin zur biologischen Anschlussfähigkeit. Menschen lassen sich in einer überforderten Gesellschaft nicht durch Verbote erreichen, sondern durch Entlastung. Wirksame Impulse müssen niedrigschwellig sein. Der Mensch ist evolutionär auf Bewegung und Rhythmus programmiert – wir müssen die Welt wieder so gestalten, dass diese Programme im Alltag ungestört ablaufen können.

„Menschen lassen sich nicht durch Verbote erreichen, sondern durch Entlastung.“

Ingo Froböse

Emeritierter Universitätsprofessor an der Deutschen Sporthochschule Köln für das Fachgebiet Sport, Gesundheit und Prävention

Drittens ist Verbindlichkeit die Währung der Zukunft: Unsere Gesundheit darf kein Zufallsprodukt privater Privilegien sein. Wir benötigen gesetzliche Rahmenbedingungen, die Prävention als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe definieren. Nur wenn wir die Verhältnisse so transformieren, dass die gesunde Wahl zur einfachsten Option wird, kommt Gesundheit im Alltag an. Es ist Zeit, Prävention nicht mehr als Kostenfaktor, sondern als fundamentale Investition in unsere Zukunftsfähigkeit zu begreifen.

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