„Prävention ist der einzige Schlüssel, der unser Gesundheitssystem noch retten kann.“
Ein Grundrecht auf Gesundheit im Grundgesetz – was zunächst abstrakt klingt, hätte weitreichende Folgen für Politik und Alltag. Sportwissenschaftler Ingo Froböse erklärt, warum Deutschland einen grundlegenden Kurswechsel braucht, wo die größten strukturellen Defizite liegen und wie eine präventionsorientierte Gesundheitspolitik konkret wirken würde.
Herr Prof. Froböse, warum braucht es überhaupt ein Grundrecht auf Gesundheit?
Ingo Froböse: Die Aufnahme eines Rechts auf Gesundheit ins Grundgesetz wäre ein grundlegender Paradigmenwechsel. Wir würden uns wegbewegen vom reinen „Reparaturbetrieb“, also der Behandlung von Krankheiten, hin zu einem System, das Gesundheit aktiv fördert – im Sinne der Salutogenese. Ein solches Grundrecht würde auch den „Health in All Policies“-Ansatz deutlich stärken. Das heißt: Alle politischen Bereiche – von Stadtplanung über Ernährung bis hin zur Arbeitswelt – müssten die gesundheitlichen Auswirkungen ihres Handelns sehr viel stärker und verbindlicher berücksichtigen. Gesundheit wäre dann nicht mehr nur Aufgabe des Gesundheitswesens, sondern eine gesamtstaatliche Verantwortung.
Wo liegt aktuell das Defizit – insbesondere mit Blick auf Prävention?
Froböse: Der zentrale Mangel liegt darin, dass unser Grundgesetz bislang nur das Recht auf körperliche Unversehrtheit kennt. Das greift angesichts eines modernen Gesundheitsverständnisses viel zu kurz. Aspekte wie mentale Gesundheit sind nicht eigenständig verankert, obwohl sie längst zu den größten Herausforderungen gehören. Hinzu kommt ein massives strukturelles Ungleichgewicht: Wir investieren pro gesetzlich Versicherten rund 6.500 Euro jährlich in die Behandlung von Krankheiten, aber lediglich etwa 9,50 Euro in Prävention. Das zeigt sehr deutlich, wie stark unser System noch immer auf Reparatur statt auf Vorsorge ausgerichtet ist.
Welche Folgen hat dieses Missverhältnis?
Froböse: Die Folgen sehen wir deutlich: Chronische Erkrankungen treten zunehmend früher auf, viele Menschen erreichen das Rentenalter mit erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen. Psychische Erkrankungen verursachen enorme Ausfallzeiten und Produktivitätsverluste. Gleichzeitig steuern wir auf eine massive Zunahme von Pflegebedürftigkeit zu – auch, weil Prävention bislang nicht systematisch verankert ist. Eine kleinteilige Reparatur reicht deshalb nicht – auch ein ohnehin schon insuffizientes Präventionsgesetz wird die Probleme nicht lösen. Wir brauchen eine grundlegende Reform der gesetzlichen Rahmenbedingungen – idealerweise den Aufbau einer eigenständigen Säule „Prävention“ mit deutlich besserer finanzieller Ausstattung. Prävention ist der entscheidende Hebel, um unser Gesundheitssystem zukunftsfähig zu machen.
„Wir würden uns wegbewegen vom reinen 'Reparaturbetrieb' hin zu einem System, das Gesundheit aktiv fördert.“
Sportwissenschaftler und emeritierter Universitätsprofessor
Was würde sich mit einem erweiterten Grundgesetz im Alltag der Menschen ändern?
Froböse: Die Auswirkungen könnten perspektivisch in allen Lebensphasen spürbar werden. Für Kinder und Jugendliche würde Gesundheitskompetenz stärker in den Fokus rücken – etwa durch eine stärkere Verankerung entsprechender Inhalte im Bildungssystem und das Schulfach „Gesundes Leben“. Eltern würden durch bessere Gesundheitsbildung fundierter entscheiden können und zugleich durch gute Strukturen im Alltag entlastet – etwa durch qualitativ hochwertige Verpflegung in Bildungseinrichtungen. Staatliche Maßnahmen können darüber hinaus helfen, gesundheitsförderliche Lebensbedingungen zu schaffen und chronischen Belastungsdruck in Familien zu reduzieren.
Zugleich würden Maßnahmen wie gesündere Kita- und Schulverpflegung, bewegungsfreundliche Lebensräume oder ein bewusster Umgang mit ungesunden Lebensmitteln politisch stärker in den Vordergrund rücken. Sie könnten dazu beitragen, dass chronische Erkrankungen deutlich seltener entstehen. Auch die mentale Gesundheit würde stärker berücksichtigt – etwa durch bessere Rahmenbedingungen für Resilienz, Regeneration und echte Erholungsräume im Alltag. Das könnte dazu beitragen, dem Anstieg psychischer Erkrankungen frühzeitig entgegenzuwirken.
Was ist mit Beschäftigten und älteren Menschen?
Froböse: Für Erwerbstätige würde Gesundheit stärker in die Arbeitswelt integriert. Betriebliche Gesundheitsförderung wäre kein „Nice-to-have“ mehr, sondern Standard. Gleichzeitig würde ein stärker präventionsorientiertes System dazu führen, dass Ursachen früher und gezielter angegangen werden – etwa durch Bewegungstherapie – statt primär Symptome mit Medikamenten oder Eingriffen zu behandeln. Im Alter würde sich vor allem die Lebensqualität verbessern. Ziel wäre es, Krankheiten möglichst lange hinauszuzögern. Stichwort: „Kompression der Morbidität“. So könnten Menschen länger selbstständig bleiben. Maßnahmen gegen Muskelschwund, mehr soziale Teilhabe und gesundheitsfördernde Lebensräume könnten zudem dazu beitragen, Pflegebedürftigkeit deutlich zu verringern.
Gäbe es auch ökonomische Effekte?
Froböse: Sicher. Prävention stärkt nicht nur die Gesundheit, sondern auch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Studien zeigen, dass Investitionen in Prävention erhebliche volkswirtschaftliche Effekte entfalten könnten. So wird darauf verwiesen, dass jeder in Prävention investierte Euro rund 3,50 Euro an Wertschöpfung generieren kann und dass das Bruttoinlandsprodukt langfristig um bis zu 250 Milliarden Euro jährlich steigen könnte.
Vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person
Prof. Dr. Ingo Froböse ist emeritierter Sportwissenschaftler und einer der bekanntesten Gesundheitsexperten Deutschlands. Als langjähriger Hochschullehrer an der Deutschen Sporthochschule Köln setzt er sich seit vielen Jahren für einen stärkeren öffentlichen Fokus auf Prävention und Gesundheitsförderung ein. Zudem ist er seit 2023 Partner bei der Denkfabrik für Gesundheitsförderung und Prävention „fischimwasser”.
Die beim Deutschen Bundestag eingereichte Petition endet am 7. Mai 2026. Sie fordert, das Recht auf Gesundheit im Grundgesetz zu verankern. Ziel ist ein grundlegender Systemwechsel: weg von der vorwiegenden Behandlung von Krankheiten hin zu einer konsequent präventionsorientierten Gesundheitspolitik, die alle Lebensbereiche einbezieht. Unterstützt wird das Anliegen von namhaften Stimmen aus Medizin, Gesundheitswissenschaft und Ökonomie.
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