G+G Wissenschaft: Saunieren im Bossa-Nova-Rhythmus
Eine „Hitzewelle für die Geschichtsbücher“ nannte der Deutsche Wetterdienst am 28. Juni die Temperaturen, die Deutschland im letzten Juniwochenende 2026 erlebt hat. Schließlich zeigten damals viele Thermometer am Tage über 41 °C und nachts mehr als 25 °C an. Doch es geht nicht um ein singuläres Ereignis. Die Zahl solcher Phänomene nimmt zu. Die Gesundheit leidet zum Teil weit über sie hinaus und die Wirtschaft tut es ebenfalls. Die aktuelle G+G Wissenschaft liefert Details.
Finnland ist das Land der Saunen. Die 5,5 Millionen Einwohner sollen über drei bis 3,5 Millionen Schwitzbuden verfügen. Kein Wunder also, dass die finnische Botschaft in seiner Einladung für ihr Sommerfest 2026 im Innenhof des gemeinsam mit den Norwegern, Schweden, Dänen und Isländern betriebenen Gebäudekomplexes schrieb, die Gäste könnten gerne Handtuch und Badelatschen mitbringen – sie dürften nämlich vor Ort kostenlos saunieren. Das Problem nur: In Mitteleuropa herrschte an besagtem Wochenende eine Hitzewelle, für Berlin waren für den konkreten Termin, den 27. Juni, 40 °C vorausgesagt. Als zwei Tage vor der Veranstaltung eine Mail von der Botschaft kam, rechneten manche wohl mit einer Absage des Festes, aber nichts da: Die Botschaft wies darauf hin, dass sie für Abkühlungsmöglichkeiten nach der Sauna in Form von Duschen gesorgt und Trinkwasserstationen aufgebaut habe – man könne sich gerne Flaschen zum Auffüllen mitbringen. Im Übrigen seien die Saunen 40 °C wärmer als die Außentemperatur. Am Festtag selbst ließ sich beobachten, wie immer wieder in sengender Hitze Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts in Badetücher gewickelt zu den insgesamt drei im Innenhof aufgebauten Saunen schlappten und sich nach Vollzug in einem der Liegestühle vor der Kleinkunstbühne niederließen. Jazzsängerin Liila Sival intonierte dort Bossa-Nova-Klassiker von Tom Jobim wie „Garota de Ipanema“ und „Àgua de beber“.
Das Geschilderte kann man skurril finden, verwerflich ist es nicht. Die Teilnehmer des Festes hatten schließlich die Wahl, ob sie unter den Umständen saunieren mochten oder nicht. Ja, sie konnten sogar selbst bestimmen, ob sie überhaupt das Sommerfest besuchen wollten, bei dem – das sei nebenbei bemerkt – im gut gekühlten Auditorium ein Spielfilm und eine Klanginstallation präsentiert wurden. Manche Menschen haben aber keine oder nur eine sehr eingeschränkte Wahl, wo sie sich wann aufhalten. Wer in einer Dachmansarde wohnt, kann sich oft nicht spontan ein Hotelzimmer mieten, um kurzfristig irgendwelchen Tropennächten zu entgehen – sei es, dass wohltemperierte Schlafstätten schon ausgebucht oder dass sie einfach nicht erschwinglich sind. Wer beruflich mit Hitze zu tun hat, etwa weil er stundenlang am Dönerspieß oder vorm Ofen steht, riskiert Einkommenseinbußen oder den Jobverlust, wenn er nicht arbeitet. Und wer im Krankenhaus liegt, kann nicht mal eben aufstehen, um die Nacht oder sogar auch den Tag im kühlen Keller des eigenen Hauses zu verbringen, nur weil die Temperaturen in den Klinikzimmern mangels Klimaanlage und effektiver Verschattungsmöglichkeiten mehr als 30 °C betragen.
In den Versicherungsunternehmen wurde in der jüngsten Zeit fleißig gerechnet, was Hitze mit dem Wirtschaftsstandort Deutschland macht. So veröffentlichte der Kreditversicherer Allianz Trade Ende Mai eine Studie mit dem Titel „Too Hot to Grow – The Economic Costs of Extreme Heat“. In der flankierenden Pressemitteilung vom gleichen Tag heißt es, dass Deutschland wegen extremer Hitze Verluste von 131 Milliarden US-Dollar (das sind über 110 Milliarden Euro) bis 2030 drohen. Zitiert wird Studienmitautor und Klimaökonom Hazem Krichene mit dem Satz: „Bis 2030 könnte die Wirtschaftsleistung durch Hitzewellen in Deutschland deutlich niedriger ausfallen: Beim Bruttoinlandsprodukt sind in den kommenden vier Jahren Einbußen von bis zu drei Prozent möglich.“ Volkswirtin Katharina Utermöhl, ebenfalls Mitautorin der Studie, wies Ende Juni im Deutschlandfunk auf zwei wichtige Faktoren hin. Erstens entstünde ab einer Temperatur von 30 °C ein Produktivitätsverlust von drei Prozent pro Grad. Zweitens stiegen ab 30 °C die Energierechnungen, etwa für Kühlung, um 1,2 Prozent pro Grad. Aufgrund beider Faktoren bestünde die Gefahr, dass Unternehmer künftig weniger investierten, wenn sie die steigenden Kosten sähen, was wiederum schlecht für den Wirtschaftsstandort sei.
Natürlich hat Hitze auch Auswirkungen auf die Sozialsysteme. Wenn ihretwegen die Wirtschaft schwächelt, steigen die Löhne kaum, Arbeitsplätze werden abgebaut und die Krankenkassen haben geringere Einnahmen, als sie bei gut laufender Konjunktur hätten. Die Leistungsausgaben hingegen steigen stärker, denn Hitzeopfer sorgen für volle Notaufnahmen, mehr Rettungseinsätze und mehr Klinikaufenthalte. Manche Betroffene tragen gesundheitliche Langzeitfolgen davon. Die Redaktion der G+G Wissenschaft hat sich angesichts der Gesamtlage drei Fragen gestellt: Was kommt in Sachen Hitze auf Deutschland zu, wie sind wir angesichts steigender Hitzetage und -wellen aufgestellt und was macht übermäßige Wärme mit der Arbeitnehmerschaft? Antworten finden Sie in den drei Analysen im aktuellen Heft.
Jenseits des Schwerpunktthemas erläutert der WIdO-Impuls, warum es nach wie vor und trotz gegenteiliger Behauptungen aus dem Umfeld der privaten Versicherer sinnvoll wäre, einen gemeinsamen Finanzausgleich von sozialer Pflegeversicherung und privater Pflegepflichtversicherung anzustreben.
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