Ampel hilft Pflegebedürftigen und Mitarbeitenden bei Hitze
Mit der Klimakrise steigt die Hitzebelastung für Menschen an. Die hohen Temperaturen machen besonders Alten und Pflegebedürftigen zu schaffen. Aber auch Mitarbeitende etwa in Heimen benötigen Schutz. Wie die Herausforderungen gut bewältigt werden können, zeigt ein Beispiel in Berlin.
Die Ampel steht auf Rot – damit ist auf einen Blick klar: Heute ist es heiß, sehr heiß. Es gilt akut zu handeln, um die Pflegebedürftigen im Seniorenheim Dr. Victor Aronstein vor Temperaturen von 32 Grad und mehr zu schützen. Das bedeutet höchste Aufmerksamkeit: Engmaschig beobachten, bei Warnzeichen sofort reagieren und den Hitzeschutzplan anwenden. Die Ampel warnt nach Grün in drei Stufen von Gelb über Orange bis Rot. Denn schon bei Temperaturen ab 26 Grad besteht vorausschauender Handlungsbedarf. Für pflegebedürftige Ältere, die meist chronische Erkrankungen haben, können bei weiter steigenden Temperaturen schnell zusätzliche gesundheitsschädliche Folgen eintreten. Hier müssen Vorbereitungen getroffen werden, bevor sich Räume aufheizen oder Wassermangel entsteht. Gelb ist somit der Startschuss für erste Maßnahmen wie etwa: Jalousien runterlassen und Trinkrunden beginnen.
Die Hitzeschutzampel ist ein Element des strukturiertes Klimaanpassungskonzepts in dem Heim der Paritätischen Seniorenwohnen gGmbH in Berlin. Gefördert wurde die Entwicklung des Plans vom Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Die Einrichtung im Bezirk Lichtenberg hat damit bundesweiten Modellcharakter. Denn die Gesundheitsgefahr durch Hitze werde nach wie vor massiv unterschätzt, warnt das Aktionsbündnis Hitzeschutz Berlin, das sich aus Ärztevertretern, Paritätischem Wohlfahrtsverband und Berliner Senat zusammensetzt, anlässlich des Hitzeaktionstages am 11. Juni. Hitzeschutz in Pflegeeinrichtungen müsse „fester Bestandteil des Alltags sein“, unterstreicht Jana Spieckermann, Geschäftsführerin der Paritätischen Seniorenwohnen gGmbH. Umgesetzt werde dies „mit angepassten Betreuungsangeboten, kühlen Rückzugsorten, Getränkestützpunkten, Lüftungskonzepten und weiteren Maßnahmen“ zum Schutz von Pflegebedürftigen und Mitarbeitenden. Gute Prävention beginne „lange bevor der Rettungswagen kommen muss“, so Spieckermann.
Von passender Kleidung, Medikation bis hin zum Notfallhandbuch
In Deutschland sind längst nicht alle Pflegeheime auf dem Stand wie die Einrichtung in Berlin. Laut einer Erhebung des Instituts für Gerontologische Forschung finden in Einrichtungen zwar häufig Schulungen statt. Außerdem würden Räume verschattet oder es gebe kostenlose Getränke für Mitarbeitende. Selten seien aber etwa eine feste Ansprechperson zu Hitzeschutz oder die Ausschilderung kühler Bereiche. Auch Klimaanlagen oder Kühlwesten für Mitarbeitende kämen kaum zum Einsatz.
Das Konzept in der Berliner Einrichtung deckt eine ganze Bandbreite an Maßnahmen zum Hitzeschutz ab. Diese reichen von Checklisten für Extremwetterereignisse, einem Notfallplan und einem Notfallhandbuch über schattige Pausenoasen für Mitarbeitende und Bewohner im Außenbereich bis hin zu Sonnensegel und Markisen über Terrassen. Die Fassaden sind außerdem begrünt und es gibt regelmäßige Hitzeschulungen für das Personal. Die Medikation und der Speiseplan werden den heißen Temperaturen angepasst. Außerdem gibt es ein Gesamtkonzept für die Durchlüftung sowie passende Kleidung für das Personal. Umsetzung und Konzept werden laut Spiekermann kontinuierlich weiterentwickelt.
Hitze belastet immer mehr das Gesundheitssystem
Wie wichtig ein durchdachtes Vorgehen bei Hitzewellen ist, weiß Peter Bobbert, Präsident der Ärztekammer Berlin. Denn tropische Temperaturen können tödliche Folgen haben. „Allein im Sommer 2025 sind Schätzungen zufolge rund 2.600 Menschen in Deutschland an den Folgen von Hitze gestorben.“ In Frankreich hatten Rekordtemperaturen erst Ende Mai mehrere Todesopfer gefordert. Dabei sei jeder hitzebedingte Todesfall vermeidbar. Länger anhaltende Hitzeperioden können nicht zuletzt Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Atemwege oder der Nieren verschlimmern.
„Damit stellt Hitze auch eine massive und zunehmende Herausforderung für das deutsche Gesundheitssystem dar, indem sie zu häufigeren Klinikaufenthalten führt“ und die Kapazitäten von Ärzten und Ärztinnen sowie Pflegekräften binde, erläutert Bobbert. Um Hitzeschutz in der stationären Pflege fest zu verankern, brauche es finanzielle Bereitschaft. „In Zeiten einer Gesundheitsreform und Pflegereform ist das ein sehr knappes Gut.“
Strukturen im ambulanten Bereich fehlen
Als aktuelles „Schlüsselproblem“ sieht Max Bürck-Gemassmer, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG), den ambulanten Sektor. 80 Prozent der rund sechs Millionen Pflegebedürftigen werden zuhause versorgt. „Der Großteil der Menschen, die bei Hitze schwer erkranken oder versterben, liegt im ambulanten Bereich. Das sind einsame, alte Menschen zu Hause.“ Pflegedienste kämen hier an ihre Grenzen. Daher sei es besonders wichtig, präventiv zu arbeiten. Es gelte Strukturen zu schaffen, damit es im ambulanten Bereich ein hohes Maß an Aufklärung und Informationen bei allen Beteiligten gebe. „Das betrifft Hausärzte und die Pflegenden, die direkt vor Ort sind.“
Bürck-Gemassmer fordert: „Gerade im ambulanten Pflegebereich, wo viele Menschen in überhitzten Wohnungen leben und wir fast keine Daten haben, was überhaupt in Innenraumwohnungen passiert, brauchen wir eine Stärkung des ambulanten Pflegedienstes.“ Hier sei sehr viel mehr Bewusstsein erforderlich. „Wir müssen die Menschen so schulen, dass sie sich selbst schützen können.“
Mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit erforderlich
Das Land Berlin, das im November 2025 einen landesweiten Hitzeaktionsplan beschlossen hat, will auch an diesem Punkt ansetzen. Laut Ina Czyborra, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege, gibt es ein neues Schulungsprogramm zur Krisenvorsorge in der häuslichen Pflege.
Das 2022 ins Leben gerufene Berliner Bündnis hat sich nach Angaben der Initiatoren inzwischen bundesweit ausgeweitet. Die Musterpläne der KLUG zum Hitzeschutz würden gut angenommen. Es gebe aber noch erhebliche Defizite bei der Kooperation mit anderen Akteuren. „Wir brauchen die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Gesundheitsbereich“, so der Experte von KLUG. Sektorengrenzen müssten überwunden werden. „Wir dürfen die Pflege nicht alleine lassen mit der Aufgabe, hitzebetroffene Patienten zu versorgen.“
KLUG arbeite deshalb nun daran, einen Hitzeschutzplan für Nachbarschaften zu entwickeln. Dafür seien verbindliche Vorgaben und finanzielle Mittel nötig. In Deutschland gebe es insgesamt einen gigantischen Planungsbedarf, aber vor allem einen Handlungsbedarf, führt Bürck-Gemassmer aus. Im internationalen Vergleich zum Beispiel mit Frankreich hinke Deutschland 20 Jahre hinterher. Das Nachbarland gilt durch seinen nationalen Hitzeschutzplan seit 2004 als europäisches Vorbild.
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