„Wir finanzieren ein System, das von Krankheit lebt“
Deutschland gibt viel Geld für Gesundheit aus – aber zu wenig, um Krankheiten zu verhindern. Im Interview mit G+G spricht der Autor und Journalist Stefan Sauerzapf über mangelnde Gesundheitskompetenz, Fehlanreize im Gesundheitssystem, den Einfluss der Pharmaindustrie – und darüber, warum Prävention in Deutschland strukturell neu gedacht werden muss.
Herr Sauerzapf, Ihr Buch trägt den zugespitzten Untertitel „Was wir alle gegen den Kollaps unseres Gesundheitssystems tun müssen“. Was steckt dahinter?
Stefan Sauerzapf: Der Untertitel ist ein Appell in zwei Richtungen. Zum einen richtet er sich an die Menschen, die Rahmenbedingungen schaffen – also an Politik und Akteure des Gesundheitssystems. Zum anderen wollten wir die Eigenverantwortung der Menschen nicht ausklammern. Das Buch ist kein Ratgeber, auch wenn am Ende zehn Tipps stehen. Es zeigt aber, dass nicht nur im System etwas falsch läuft, sondern auch in unserem Lebensstil insgesamt. Wichtig ist mir: Wir wollen die Menschen nicht beschämen. Viele können gar nichts dafür, weil ihnen Gesundheitskompetenz nie vermittelt wurde. Neue Zahlen des Robert-Koch-Instituts zeigen, dass 82 Prozent der Menschen in Deutschland keine ausreichende Gesundheitskompetenz haben. Wie soll ich gesundheitsförderliches Verhalten erwarten, wenn die Kompetenz dafür fehlt?
Viele Gesundheitsregeln wirken auf den ersten Blick sehr simpel: mehr Bewegung, weniger Zucker, weniger Alkohol. Warum reicht dieses Wissen nicht?
Sauerzapf: Gesundheitskompetenz bedeutet nicht nur, etwas zu wissen oder eine Information abzurufen. Entscheidend ist, Wissen zu verstehen und daraus sinnvolles Handeln abzuleiten. Das muss man lernen. Nehmen Sie ein Kind, das im Supermarkt an 20 Metern Süßwarenregal vorbeiläuft. Nach zwölf Metern werden die Eltern schwach, und das Kind wird früh auf Zucker trainiert. Später kommen Social Media, langes Sitzen und andere Gewohnheiten dazu. Dann reicht es nicht, irgendwo zu hören, man solle sich mehr bewegen. Wir haben außerdem in Deutschland keine einheitlichen gesundheitsförderlichen Lebensbedingungen, sondern einen Flickenteppich. Wenn man Glück hat, hat die Kita-Betreuerin ein gutes Verständnis von Bewegung, Ernährung und Regeneration. Wenn man Pech hat, nicht. Das zieht sich durch Bildung, Wohnumfeld und Alltag.
Dabei fließt sehr viel Geld ins deutsche Gesundheitssystem. Jährlich sind es mittlerweile mehr als eine halbe Billion Euro. Liegt das Problem also weniger an der Höhe der Ausgaben als an ihrer Verteilung?
Sauerzapf: Genau. Aber wir finanzieren damit fast ausschließlich Reparaturmedizin. 2023 gab die gesetzliche Krankenversicherung pro Versichertem rund 4.100 Euro für die Behandlung von Krankheiten aus und 8,49 Euro für Prävention, also für die Förderung von Gesundheit. Das bedeutet: Wir finanzieren ein System, das von Krankheit lebt, statt Gesundheit zu fördern. Das große Problem sind die massenhaften und vielfach vermeidbaren Zivilisationskrankheiten – Bluthochdruck, Diabetes Typ 2, Adipositas, Rückenleiden und andere chronische Erkrankungen. Die Folgen türmen sich dramatisch auf.
„Die Versorgung hat also zwei Probleme: Sie wird immer teurer und irgendwann unbezahlbar.“
Autor, Journalist und Mitgründer der Denkfabrik „fischimwasser“
Sie warnen vor einem Sozialkollaps. Was meinen Sie damit konkret?
Sauerzapf: Es gibt Hochrechnungen, die bis 2030 einen weiteren Anstieg chronischer Erkrankungen voraussagen. Gleichzeitig könnten bis zu 500.000 Pflegekräfte fehlen. Die Versorgung hat also zwei Probleme: Sie wird immer teurer und irgendwann unbezahlbar. Und selbst wenn sie bezahlt werden könnte, fehlt das Personal. Ich habe Notaufnahmen gesehen, wo Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte einen Riesenjob leisten, aber von der Zahl an Patientinnen und Patienten völlig überfordert sind.
Ein zentraler Kritikpunkt in Ihrem Buch sind Fehlanreize in Kliniken. Wo setzen Sie da an?
Sauerzapf: Das DRG-System hat Krankenhäuser gezwungen, ökonomische Pläne über den tatsächlichen Leidensdruck von Patientinnen und Patienten zu stellen. Mit einem ungenutzten Bett lässt sich kein Geld verdienen. Deshalb haben Kliniken einen massiven Anreiz, möglichst viele Operationen durchzuführen. Der Deutsche kann gut planen: Deshalb stehen dann jeden Tag drei Hüft-OPs im Kalender. Wenn aber plötzlich viele akut kranke Menschen kommen, entsteht ein Problem. Das ist ein System der Überbehandlung, das man brechen müsste.
Das DRG-System wird seit Jahren kritisiert, zugleich gibt es Reformversuche. Warum ist es aus Ihrer Sicht trotzdem so schwer, solche Strukturen grundlegend zu verändern?
Sauerzapf: Weil viele Akteure Partikularinteressen haben. Man kann dieses Knäuel nicht entwirren, wenn man immer nur im System selbst herumdoktert. Das Präventionsgesetz ist so schwachbrüstig, dass wirksame Prävention damit nicht wirklich umgesetzt werden kann. Gleichzeitig verschlingen zweifelhaft wirksame neue Medikamente Unsummen.
Sie schreiben im Buch auch über den Einfluss der Pharmaindustrie auf Forschung. Wie groß ist das Problem?
Sauerzapf: Der Einfluss auf wissenschaftliche Evidenz ist erschreckend groß. Ein Großteil klinischer Studien wird von der Industrie finanziert. Das führt oft zu Interessenkonflikten oder Verzerrungen. Wenn Universitäten oder Unikliniken hohe Honorare für Anwendungsbeobachtungen bekommen, die letztlich Medikamenten und ihrem Marketing dienen, muss man fragen, ob sich Wissenschaft ein Stück weit käuflich macht. Das Zusatzproblem ist die Intransparenz: In Deutschland gibt es keine Verpflichtung, dass jede Studie veröffentlicht werden muss. Es kann also sein, dass es in Giftschränken Studien mit katastrophalen Ergebnissen gibt, die nicht veröffentlicht werden, weil die Pharmaindustrie sie bezahlt hat. Ein erster Schritt wäre daher: Jede Studie muss veröffentlicht werden. Punkt.
Eines Ihrer weiteren Themen sind sogenannte Medfluencer. Viele Menschen suchen Gesundheitsinformationen inzwischen in sozialen Medien. Wo sehen Sie dabei die Risiken?
Sauerzapf: Es gibt Medfluencer, die nicht ausreichend qualifiziert sind. Das trifft nicht auf alle zu, aber es gibt schwarze Schafe. Manche geben Empfehlungen, die gesundheitsschädlich oder sogar lebensgefährlich sein können. Das Problem: Es gibt keine Qualifikationsprüfung, die jemand absolvieren muss. Gleichzeitig haben 82 Prozent der Menschen keine ausreichende Gesundheitskompetenz. Wie sollen sie entscheiden, ob der Input eines Influencers sinnvoll ist?
„Der Staat muss alles tun, um Menschen zu ermöglichen, einen gesunden Lebensstil zu führen.“
Autor, Journalist und Mitgründer der Denkfabrik „fischimwasser“
Sie kritisieren nicht nur, dass zu wenig für Prävention ausgegeben wird, sondern beschreiben auch, dass Prävention oft falsch verstanden wird. Was meinen Sie damit?
Sauerzapf: Prävention wird in Deutschland häufig sehr medizinisch gedacht, weil die Verantwortung historisch bei den Ärztinnen und Ärzten liegt. Dort gehört sie aber nicht allein hin. Viele Ärztinnen und Ärzte haben weder die Zeit noch unbedingt die Ausbildung, einen gesunden Lebensstil zu vermitteln. Prävention müsste als eigenständige Säule aufgebaut werden – mit neuen Berufsbildern für Präventionsexpertinnen und -experten. Diese müssten wirksame Prävention zu den Menschen bringen. Das geht weit über einen Rücken- oder Bluthochdruckkurs hinaus, den meistens ohnehin eher die Menschen besuchen, die schon aktiv sind.
Wie müsste Prävention konkret aussehen, damit sie nicht nur diejenigen erreicht, die ohnehin schon gesundheitsbewusst leben?
Sauerzapf: Prävention müsste viel früher und breiter ansetzen. Sie müsste in Kitas, Schulen, Kommunen, Betrieben und im Alltag der Menschen stattfinden – also dort, wo Lebensstil tatsächlich entsteht. Es reicht nicht, einzelne Kurse anzubieten und darauf zu warten, dass die Menschen kommen. Wir müssen Gesundheitskompetenz systematisch vermitteln und gesundes Verhalten leichter machen.
Sie plädieren für mehr staatliche Verantwortung. Was spricht eigentlich gegen mehr Eigenverantwortung?
Sauerzapf: Das ist ein heikles Thema. Manche verstehen staatliche Verantwortung so, als solle der Staat vorschreiben, dass man gesund sein muss. Darum geht es nicht. Gemeint ist: Der Staat muss alles tun, um Menschen zu ermöglichen, einen gesunden Lebensstil zu führen. Wenn Menschen aus schwierigeren Verhältnissen kommen, zu Hause ungesundes Leben vorgelebt bekommen, in Kita und Schule nichts über Gesundheit lernen und dann in eine Sitz- und Social-Media-Kultur hineinwachsen, kann man sie nicht einfach eigenverantwortlich machen lassen. Ich benutze dafür gern das Bild vom Führerschein: Wenn ich Auto fahren will, muss ich die Straßenverkehrsordnung kennen. Beim eigenen Körper gibt es keinen Gesundheitsführerschein. Es ist dem Zufall überlassen, ob jemand dazu in der Lage ist oder nicht.
Trotz der düsteren Diagnose: Wie optimistisch sind Sie, dass sich etwas ändert?
Sauerzapf: Ich hoffe, dass in den Ergebnissen der nächsten Runde der Expertenkommission mehr sinnvolle Prävention steckt. Ich glaube auch, dass Themen wie Zuckersteuer oder Social-Media-Regulierung relativ schnell weiterkommen können, weil immer mehr Institutionen entsprechende Forderungen stellen und der Druck auf die Politik wächst. Bei der Zuckersteuer geht es zum Beispiel nicht darum, Lebensmittel teurer zu machen, sondern den Zuckergehalt zu senken. In Großbritannien ist genau das passiert: Die Hersteller haben Zucker in Limonaden reduziert. Das ist ein gutes Beispiel für Verhältnisprävention. Zusammengefasst: Ich bin verhalten optimistisch.
Vielen Dank für das Gespräch.
Mitwirkende des Beitrags
Autor
Datenschutzhinweis
Ihr Beitrag wird vor der Veröffentlichung von der Redaktion auf anstößige Inhalte überprüft. Wir verarbeiten und nutzen Ihren Namen und Ihren Kommentar ausschließlich für die Anzeige Ihres Beitrags. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, sondern lediglich für eventuelle Rückfragen an Sie im Rahmen der Freischaltung Ihres Kommentars verwendet. Die E-Mail-Adresse wird nach 60 Tagen gelöscht und maximal vier Wochen später aus dem Backup entfernt.
Allgemeine Informationen zur Datenverarbeitung und zu Ihren Betroffenenrechten und Beschwerdemöglichkeiten finden Sie unter https://www.aok.de/pp/datenschutzrechte. Bei Fragen wenden Sie sich an den AOK-Bundesverband, Rosenthaler Str. 31, 10178 Berlin oder an unseren Datenschutzbeauftragten über das Kontaktformular.