Artikel Prävention

Bewegung im Alter braucht passende Bedingungen

09.09.2026 Tina Stähler 6 Min. Lesedauer

Ob ältere Menschen körperlich aktiv sind, ist nicht allein eine Frage der Motivation oder des Alters. Eine aktuelle Untersuchung in Berlin und Brandenburg zeigt: Gesundheitszustand, Beweglichkeit, soziale Unterstützung und das direkte Wohnumfeld prägen die Voraussetzungen für einen aktiven Alltag. Bewegungsangebote sollten deshalb stärker auf die unterschiedlichen Lebenslagen älterer Menschen zugeschnitten werden.

Durch ein Feld gehen zwei ältere Menschen lachend mit Wanderstöcken.
Schon kurze Spaziergänge oder Gartenarbeit können im Alter einen Unterschied machen.

Gesund, mobil, sozial eingebunden – oder mit Schmerzen, eingeschränkter Beweglichkeit und wenig Unterstützung: Menschen gleichen Alters bringen sehr unterschiedliche Voraussetzungen für körperliche Aktivität mit. Die Studie von Gesundheitsstadt Berlin und dem Friede Springer – Cardiovascular Prevention Center @Charité zeigt, welche Faktoren dabei besonders ins Gewicht fallen. „Die zentrale Erkenntnis der Studie lautet: Jede zusätzliche Bewegung zählt“, ordnete Sandra Düzel, Wissenschaftlerin und Koordinatorin am Friede Springer – Cardiovascular Prevention Center @Charité, die Ergebnisse der Befragung ein. „Auch kurze Einheiten wie ein Spaziergang oder Gartenarbeit wirken sich gesundheitlich aus.“

Für den Projektbericht „Präventive Bewegungsförderung im Alter“ wurden aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse ausgewertet, bestehende regionale Bewegungsangebote untersucht und 1.504 Menschen ab 55 Jahren in Berlin und Brandenburg repräsentativ befragt. Das Ergebnis: Vor allem der subjektive Gesundheitszustand und die wahrgenommenen Bewegungsmöglichkeiten im unmittelbaren Wohnumfeld stehen mit dem Aktivitätsverhalten in Zusammenhang.

Auch WHO gibt Bewegungsempfehlungen

Zur Einordnung verweist der Bericht auf die Bewegungsempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Erwachsene einschließlich älterer Menschen sollen pro Woche mindestens 150 bis 300 Minuten Ausdaueraktivität mittlerer Intensität oder 75 bis 150 Minuten hoher Intensität erreichen und an mindestens zwei Tagen die Muskulatur kräftigen. Seit 2020 gilt dabei keine Mindestdauer von zehn Minuten mehr – auch kürzere Bewegungseinheiten zählen. Die Befragung prüfte allerdings nicht, ob diese Empfehlungen vollständig erfüllt wurden. Erfasst wurde stattdessen, an wie vielen Tagen sich die Befragten mindestens zehn Minuten bewegten und wie häufig sie ihre Muskulatur kräftigten. 

47 Prozent waren an mindestens fünf Tagen pro Woche jeweils mindestens zehn Minuten körperlich aktiv, 44 Prozent machten an mindestens drei Tagen Muskelkräftigungsübungen. Die Altersunterschiede verliefen dabei nicht geradlinig: Die 65- bis 79-Jährigen erreichten das in der Studie gesetzte Ziel für Ausdaueraktivität am häufigsten und erfüllten auch am häufigsten beide Kriterien – Ausdauer und Muskelkräftigung – zugleich. Menschen ab 80 Jahren gelang dies deutlich seltener. Noch stärker als das Alter prägten jedoch der Gesundheitszustand und Einschränkungen im Alltag das Aktivitätsverhalten.

Gesundheit und Motivation beeinflussen die Aktivität

Wie eng Gesundheit und Bewegung zusammenhängen, machen die Unterschiede zwischen den Befragten deutlich. Von den Menschen, die ihren Gesundheitszustand als schlecht oder sehr schlecht einschätzten, waren rund 30 Prozent inaktiv. Bei guter oder sehr guter Gesundheit waren es rund fünf Prozent. Ähnlich groß war die Differenz bei Einschränkungen im Alltag: Bei starken Beeinträchtigungen lag der Anteil der Inaktiven bei etwa 35 Prozent, ohne solche Einschränkungen bei rund fünf Prozent. Bei den bereits Aktiven standen vor allem Gesundheit und Freude an Bewegung im Vordergrund: 93 Prozent nannten die Stärkung von Gesundheit und Leistungsfähigkeit als Motiv, 74 Prozent Spaß und Freude an Bewegung.

„Jede zusätzliche Bewegung zählt.“

Sandra Düzel

Wissenschaftlerin und Koordinatorin am Friede Springer – Cardiovascular Prevention Center @Charité

Unter den Inaktiven, die Gründe für ihre geringe Ausdaueraktivität nannten, gaben 71 Prozent gesundheitliche Beschwerden oder Schmerzen als Hürde an, 58 Prozent eine eingeschränkte Beweglichkeit. Fehlende Motivation nannten 39 Prozent. Von den bereits Aktiven wollten 46 Prozent noch häufiger körperlich aktiv sein. Die Autorinnen und Autoren plädieren dafür, bei Bewegungsangeboten die gesamte Lebenssituation in den Blick zu nehmen. Dazu zählen Gesundheit und Funktionsfähigkeit ebenso wie zeitliche Ressourcen, Wohnsituation, soziale Unterstützung, digitale Kompetenzen und das unmittelbare Wohnumfeld. „Pauschale Angebote, die nur nach Altersgruppen unterscheiden, greifen zu kurz.“

Jüngere Ältere und Erwerbstätige benötigen demzufolge vor allem kurze, zeitlich flexible und alltagsintegrierte Formate. Für Hochaltrige und Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen sind gut erreichbare, angepasste und fachlich begleitete Angebote besonders wichtig. Dabei sollte Bewegung nicht als Leistungsanforderung, sondern als realistische Möglichkeit für mehr Gesundheit, Selbstständigkeit und Lebensqualität im Alltag vermittelt werden. Für die Praxis bedeutet das: Bewegungsangebote sollten Ausdauertraining, Muskelkräftigung sowie Gleichgewichts- und Koordinationsübungen miteinander verbinden. Je nach Zielgruppe können soziale, kognitive oder digitale Elemente hinzukommen.

Das Wohnumfeld zählt

Welche Möglichkeiten das unmittelbare Wohnumfeld bietet, spielt ebenfalls eine Rolle. „Die Studie zeigt, dass Bewegungsförderung nicht allein eine Frage der individuellen Motivation ist“, sagt Daniel Dettling, Geschäftsführer von Gesundheitsstadt Berlin. Entscheidend sei auch, ob passende Angebote erreichbar seien und zum eigenen Alltag passten. „Deshalb brauchen wir eine Bewegungsförderung, die Gesundheit, soziale Teilhabe und das Wohnumfeld zusammendenkt – und Angebote dort sichtbar und zugänglich macht, wo Menschen leben.“

Zwar gaben 91 Prozent der Befragten an, geeignete Bewegungsmöglichkeiten wie Parks, Grünflächen oder Spazierwege in ihrer Nähe zu haben. Je schlechter die Befragten die Bewegungsmöglichkeiten im unmittelbaren Wohnumfeld bewerteten, desto geringer war jedoch die Wahrscheinlichkeit, die beiden in der Studie verwendeten Schwellenwerte für Ausdaueraktivität und Muskelkräftigung zu erreichen. Der Zusammenhang blieb auch bestehen, wenn Alter, Gesundheit, Alltagseinschränkungen und soziale Faktoren berücksichtigt wurden.

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Zwischen Berlin und den nach Größe unterschiedenen Wohnorten in Brandenburg zeigten sich keine statistisch bedeutsamen Unterschiede. In allen untersuchten Wohnkontexten erreichten etwa 27 Prozent sowohl den Schwellenwert für Ausdaueraktivität als auch den für Muskelkräftigung. Entscheidend war damit weniger die Einteilung in Stadt oder Land als die konkrete Situation im Wohnumfeld. 

Für Kommunen nennt der Bericht konkrete Ansatzpunkte: Neben Parks und Wegen gehören dazu etwa Sitzgelegenheiten, Beleuchtung, öffentliche Toiletten und gut erreichbare Bewegungsangebote. Die Autorinnen und Autoren empfehlen deshalb, mögliche Lücken nicht pauschal nach Stadt und Land, sondern auf Ebene von Quartieren und Ortsteilen zu betrachten.

Soziale Unterstützung erleichtert Bewegung

Rund 54 Prozent der Befragten fühlten sich von Familie oder Freunden bei körperlicher Aktivität unterstützt. Etwa 45 Prozent berichteten dagegen von geringer oder gar keiner Unterstützung. Knapp jeder Zweite hatte Menschen im eigenen Umfeld, mit denen gemeinsame Bewegung möglich war. Dem Bericht zufolge können offene Gruppenangebote, Buddy-Systeme und begleitete Einstiegstermine den Zugang erleichtern. 

Digitale Angebote bleiben Ergänzung

28 Prozent der Befragten nutzten eine Fitnessuhr, Smartwatch oder Trainings-App. Digitale Angebote erreichen damit bislang nur einen Teil der Zielgruppe – und sollen Präsenzangebote auch nicht ersetzen. Persönliche Einführung, technische Unterstützung und analoge Alternativen bleiben deshalb wichtig. Nach Angaben der Autorinnen und Autoren zeigte sich in den Auswertungen kein eigenständiger statistischer Zusammenhang zwischen digitaler Nutzung und körperlicher Aktivität. 

Angebote sichtbarer machen

In Berlin und Brandenburg gibt es bereits zahlreiche Bewegungsangebote und digitale Plattformen. Sie sind jedoch auf verschiedene Träger verteilt und nur begrenzt vergleichbar. Damit passende Angebote nicht nur vorhanden, sondern auch auffindbar sind, schlagen die Autorinnen und Autoren eine zentrale, trägerübergreifende Bewegungskarte vor. Sie soll bestehende Angebote bündeln, nach transparenten Kriterien bewerten und digital wie analog zugänglich machen. 

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