Artikel Prävention

Aktiver Alltag schützt vor Beschwerden

22.04.2026 Maria Sinjakowa 8 Min. Lesedauer

Bewegung beeinflusst Gesundheit, gesellschaftliche Teilhabe und wirtschaftliche Entwicklungen stärker als angenommen. Studien zeigen, dass schon geringe Verhaltensänderungen erhebliche Effekte auf Wohlbefinden und soziale Integration entfalten.

Eine Illustration zeigt eine Person, die ein Plakat von passivem Fernsehen zu aktivem Training mit Hanteln umblättert.
Zu Hause oder auf der Straße: Bewegung ist überall möglich – wenn die Bedingungen stimmen.

Es ist eine dieser Zahlen, die sofort Aufmerksamkeit erzeugen: Bis zu 500.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr in Europa wären durch mehr Bewegung vermeidbar, so eine oft zitierte Analyse der International Sport and Culture Association (ISCA) von 2015. Eine halbe Million Leben, allein durch einen aktiveren Lebensstil. Doch wer daraus schlussfolgert, Bewegung sei der zentrale Hebel der Gesundheitspolitik, zeichnet ein zu einfaches Bild der Wirklichkeit.

„Wir müssen aufpassen, dass wir uns von solchen Zahlen nicht in die Irre führen lassen“, sagt Dr. Peter Gelius, Assistenzprofessor für Sportwissenschaft an der Universität Lausanne. „Dass heute Bewegungsmangel als Ursache eine Rolle spielt, ist auch ein Hinweis darauf, dass andere große Gesundheitsprobleme wie Infektionskrankheiten deutlich besser im Griff sind. Insofern ist das zunächst nicht nur negativ.“

Die repräsentative GEDA-Studie

16 Milliarden in 20 Minuten

Im Vergleich zu klassischen Risikofaktoren wie Rauchen oder Alkohol sei Bewegungsmangel weniger unmittelbar mit hohen Gesundheitsproblemen verbunden, so der Bewegungsexperte. Diese Faktoren verursachen eine deutlich höhere Krankheitslast.

Und doch gibt es eine Evidenz, dass Bewegungsmangel sowohl die Gesundheit als auch die Volkswirtschaft belastet. Die vier großen nichtübertragbaren Krankheiten koronare Herzerkrankung, Typ-2-Diabetes, Darm- und Brustkrebs verursachen rund sechs Prozent der EU-Gesundheitsausgaben. Das entspricht  rund 80 Milliarden Euro pro Jahr. Bewegungsmangel ist dafür nicht alleiniger Auslöser, aber zentraler Faktor. 

Es gibt Berechnungen, dass bereits kleine Verhaltensänderungen große Effekte hätten. Würde etwa ein Fünftel der derzeit inaktiven Europäer täglich 20 Minuten Bewegung in ihrem Alltag integrieren, ließen sich gesamtwirtschaftlich jährlich rund 16 Milliarden Euro einsparen. Dazu kommen indirekte Effekte wie geringere Produktivitätsausfälle und Vorteile für die mentale Gesundheit.

Gut zu Fuß in Katalonien

Wie solche Folgen aussehen können, zeigt ein Beispiel aus Katalonien. Dort wurde berechnet, dass bereits das Ersetzen kurzer Autofahrten durch Fußwege Einsparungen von jährlich rund 200 Millionen Euro bringen könnte. Allerdings, so schränkt Gelius ein, seien solche Effekte nie monokausal: „Wer zu Fuß geht, bewegt sich nicht nur mehr, sondern fährt auch weniger Auto, was für sauberere Luft sorgt.“

Dabei geht es nicht nur um Krankheitslast oder -kosten, sondern auch um Lebensqualität. Besonders im Alter wird deutlich, wie eng Bewegung mit gesellschaftlicher Teilhabe verknüpft ist. Wenn Mobilität verloren geht, beginnt oft ein schleichender Rückzug. „Sobald die Fähigkeit eingeschränkt ist, alltägliche Dinge selbstständig zu erledigen, bricht vieles weg“, so Gelius. Gemeint sind die sogenannten Activities of Daily Living, vom Verlassen der eigenen Wohnung bis zum Einkaufen. Wer sich nicht mehr bewegt, verliert soziale Kontakte. Einsamkeit und psychische Belastungen sind oft die Folge.

Was kann Politik tun? Gelius, der auch Politikwissenschaftler ist, sagt: Gesundheit dürfe nicht zum absoluten Maßstab werden. „Menschen müssen grundsätzlich die Freiheit haben, unvernünftige Entscheidungen zu treffen.“ Der Staat könne Empfehlungen geben, etwa die WHO-Empfehlung von 150 Minuten Bewegung pro Woche.

Doch Empfehlungen allein reichen seiner Meinung nach nicht. In der Forschung unterscheidet man zwischen „weichen“ und „harten“ politischen Steuerungsinstrumenten. Während bei Tabak und Alkohol längst Steuern und Verbote dominieren und in der Ernährung ein Mix aus beiden Instrumenten existiert, setzt die Politik im Bereich Bewegung fast ausschließlich auf weiche Maßnahmen. Dazu gehören Empfehlungen, Kampagnen und Informationsangebote.

Das hat Gelius zufolge Gründe. Bewegung ist ein positives Verhalten, das gefördert werden soll – im Gegensatz zu Rauchen oder Alkoholkonsum, die sich regulieren lassen. Aber Bewegung lässt sich nicht direkt „regulieren“. Trotzdem könnte man das Problem auch anders definieren, etwa als Vermeidung von körperlicher Inaktivität oder sitzendem Verhalten. Dann eröffnen sich theoretisch auch andere Ansatzpunkte.

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Förderung und Verbote

Ein wichtiger Bereich ist für den Bewegungsexperten die Schule. Hier lassen sich Verhaltensweisen früh prägen. In einigen asiatischen Ländern wie Japan ist tägliche Schulgymnastik selbstverständlich. „So etwas ist theoretisch auch bei uns denkbar“, sagt Gelius, auch wenn es kulturelle Anpassungen erfordern würde.

Auch indirekte Maßnahmen, die bewegungsfreundliches Verhalten fördern, können wirken. Dazu zählen finanzielle Anreize, etwa die Pendlerpauschale, die inzwischen unabhängig vom Verkehrsmittel gewährt wird, oder Förderprogramme für Lastenräder. Selbst Debatten über Bildschirmzeiten und Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche gehören in diesen Kontext. In China gibt es bereits gesetzliche Beschränkungen für Online-Gaming, Australien hat im Dezember 2025 ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt. Auch andere Länder ziehen nach: In Frankreich hat die Nationalversammlung Anfang 2026 ein ähnliches Gesetz für unter 15-Jährige beschlossen, und Spanien plant vergleichbare Einschränkungen für Plattformen wie TikTok oder Instagram. In Deutschland empfiehlt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina strengere Regeln: Kinder unter 13 Jahren sollen keine eigenen Social-Media-Accounts haben. Jugendliche zwischen 13 und 15 Jahren sollen soziale Netzwerke nur mit Zustimmung der Eltern nutzen dürfen. Außerdem fordern sie, dass Plattformen für 13- bis 17-Jährige altersgerecht gestaltet werden.
 

Grafik: So viele Kinder und Jugendliche erreichen die WHO Empfehlung

Computer als Sackgasse

Allerdings fehlt im Bereich Bewegung oft ein zentrales Argument für harte Eingriffe: die Fremdschädigung. Beim Rauchen kann man sagen, dass andere betroffen sind. Beim Bewegungsmangel ist das schwieriger zu begründen. Deshalb muss man hier besonders sorgfältig abwägen. Dabei gehe es nicht nur oder in erster Linie um Bewegung, sagt Gelius. „Klar ist aber: Bildschirmzeit und körperliche Aktivität hängen oft zusammen.“ Zwar gibt es auch Kinder, die viel am Computer sind und sich trotzdem ausreichend bewegen. Insgesamt ist belegt, dass hohe Bildschirmzeiten psychische wie physische Probleme verursachen können. Unter anderem, weil sie zu mehr Sitzverhalten führen und so Gesundheitsrisiken erhöhen.

Doch wie wirksam ist all das tatsächlich? Hier argumentiert der Bewegungsexperte zurückhaltend: „Das ist eines der größten Probleme in diesem Feld“, sagt Gelius. Die Politik erwarte klare Handlungsempfehlungen. Die Forschung könne sie nur begrenzt liefern. Viele Studien untersuchten Interventionen auf individueller Ebene, etwa Bewegungskurse für bestimmte Gruppen. Das sei wissenschaftlich solide, aber kaum auf nationale Politik übertragbar.

Es gibt Hinweise, dass Maßnahmen in Schulen und der Ausbau von Infrastruktur wirken. Radwege, Fußgängerzonen, Parks – all das kann Bewegung erleichtern. Doch die Effekte sind schwer isolierbar. „Wenn mehr Menschen Rad fahren, liegt das nicht nur am Radweg“, erklärt Gelius. Auch Faktoren wie Stadtplanung, Kultur oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen spielen eine Rolle.

Zudem zeigt sich seit Jahren, dass der Anteil der Menschen, die sich ausreichend bewegen, sich kaum verändert hat. Ob politische Maßnahmen wirkungslos sind oder lediglich gegenläufige Trends ausgleichen, ist unklar.

Ein Blick ins Ausland macht deutlich, wie komplex Veränderungen sind. In Finnland etwa führte ein massiver Anstieg von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den 1960er-Jahren zu einem radikalen politischen Umdenken. Das sogenannte Nordkarelien-Projekt kombinierte breit angelegte Maßnahmen – von Ernährungsvorgaben bis zu Bewegungsförderung. Der Erfolg war messbar, aber er beruhte auch auf hohem Problemdruck und kultureller Akzeptanz.

Ähnlich in den Niederlanden. Der heutige Radverkehr ist kein Zufall, sondern Ergebnis jahrzehntelanger politischer Auseinandersetzungen. Verkehrsberuhigung, Infrastruktur und gesellschaftlicher Wandel gingen Hand in Hand. „Das war ein langer Prozess“, sagt Gelius. „Und teilweise ein konfliktreicher.“

„Wir wissen, dass Bewegungsförderung wichtig ist. Aber der Weg dorthin ist kompliziert.“

Dr. Peter Gelius

Assistenzprofessor für Sportwissenschaft

Neue Wege in Kommunen

Ein besonders anschauliches Beispiel liefert Kopenhagen. Hohe Parkgebühren und begrenzter Parkraum führten dazu, dass Menschen automatisch auf Fahrrad und öffentlichen Verkehr umstiegen.  Indirekte Steuerungsmechanismen können sehr effektiv sein. Verhalten wird verändert, ohne es explizit vorzuschreiben.

Doch auch solche Maßnahmen haben ihre Grenzen. Denn Infrastruktur allein verändert noch kein Verhalten. „Wenn ich einfach nur Angebote wie Radwege schaffe, profitieren vor allem diejenigen, die ohnehin schon aktiv sind“, sagt Gelius. Die Gefahr: Soziale Ungleichheiten verstärken sich. Gerade in sozial schwächeren Gruppen oder im ländlichen Raum greifen viele Konzepte nicht. Dort fehlen nicht nur Radwege, sondern oft auch Zeit, Ressourcen oder schlicht die Möglichkeit, Bewegung in den Alltag zu integrieren. Wer täglich lange Wege zurücklegen muss, wird nicht ohne Weiteres aufs Fahrrad umsteigen.
Deshalb plädiert Gelius für einen Perspektivwechsel. Statt nur Infrastruktur zu bauen, müsse man stärker fragen: Was brauchen die Menschen konkret? Die Antworten seien oft pragmatisch. Kinderbetreuung etwa, damit Alleinerziehende überhaupt Zeit für Bewegung finden. Oder Programme, die grundlegende Kompetenzen vermitteln wie Fahrradfahren. In einigen Städten werden dafür bereits Schulprojekte umgesetzt, bei denen Kinder gezielt trainiert werden. Wichtig ist hier die Rolle der Kommunen. Sie setzen viele Maßnahmen konkret um. Dafür brauchen sie laut Gelius Ressourcen, Fachpersonal und entsprechende Kompetenzen. Selbst größere Städte haben hier Schwierigkeiten, entsprechende Stellen zu besetzen. Im ländlichen Raum ist das Problem noch größer.

Am Ende bleibt ein Befund, der weniger eindeutig ist, als es die ISCA-Zahlen vermuten lassen. Bewegung ist ein wichtiger Baustein für Gesundheit, aber kein einfacher Hebel. „Wir wissen, dass Bewegungsförderung wichtig ist“, sagt Gelius. „Aber der Weg dorthin ist kompliziert.“ Anders gesagt: Die rund 500.000 vermeidbaren Todesfälle sind kein fertiger Plan. Sie zeigen vielmehr, wie viel noch getan werden muss.

Foto: Aufgeschnittene grüne Äpfel auf rotem Hintergrund.
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