So wird eine Mittelohrentzündung behandelt

Nicht jedes Kind mit einer akuten Mittelohrentzündung braucht Antibiotika. Trotzdem sollten Sie schon bei den ersten Beschwerden Ihren Kinderarzt oder einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt aufsuchen. Er berät Sie, welche Form der Behandlung nötig ist.

Eine Mutter misst Fieber bei ihrer Tochter. Leiden Kinder an einer Mittelohrentzündung, verordnen Ärzte oft Schmerzmittel.© iStock / ArtistGNDphotography

Inhalte im Überblick

    Grundsätzliches zur Behandlung einer Mittelohrentzündung

    Deutsche und internationale Leitlinien schlagen bei akuter Mittelohrentzündung folgendes Vorgehen vor (Stand 2014, deutsche Leitlinien derzeit in Überarbeitung):

    Im ersten Schritt wird übereinstimmend empfohlen, jedem Kind mit Ohrenschmerzen zur Schmerzlinderung umgehend ein Schmerzmedikament zu verordnen. Ohrenschmerzen belasten Kinder mit akuter Mittelohrentzündung besonders stark. Jedes Kind mit Schmerzen soll unabhängig davon, ob zugleich eine Antibiotikatherapie begonnen wird oder nicht, umgehend ein schmerzlinderndes Medikament verordnet bekommen [1, 2, 3, 4].

    Für Kinder sind Schmerzmedikamente mit den Wirkstoffen Ibuprofen oder Paracetamol geeignet. Sie können in Form von Saft, Tablette/Dragee oder als Zäpfchen gegeben werden. Diese Arzneimittel können Ohrenschmerzen bei akuter Mittelohrentzündung schnell und wirksam lindern. Die Schmerzbehandlung sollte so lange fortgeführt werden, wie es mit dem Arzt abgesprochen wurde [2, 3].

    Im zweiten Schritt geht es um die Entscheidung, ob eine abwartende Behandlung möglich ist. Hierzu geben die Leitlinien nachfolgende Anhaltspunkte:

    Eine zunächst abwartende Behandlung kann allgemein erwogen werden bei Kindern ohne Risikofaktoren. Natürlich sollte in diesem Fall eine Nachkontrolle nach spätestens 48 Stunden erfolgen, bei Säuglingen bis zum Alter von 24 Monaten auch schon nach 24 Stunden.

    Eine sofortige antibiotische Therapie ist jedoch indiziert bei Patienten mit:

    •       austretendem Sekret aus dem Gehörgang (Ohrenfluss, Otorrhoe)
    •       einem Alter jünger als 24 Monate mit beidseitiger AOM
    •       Begleit-/Grunderkrankungen, Immunsuppression
    •       rezidivierenden Infekten
    •       Paukenröhrchen
    •       schlechtem Allgemeinbefinden, hohem Fieber, anhaltendem Erbrechen und/oder Durchfall

    Abwartende Behandlung bei einer Mittelohrentzündung

    Antibiotika sind nicht bei jeder Mittelohrentzündung erforderlich, zumal sie Nebenwirkungen hervorrufen können. Bei leichten Beschwerden ist es sinnvoll abzuwarten, wie sich die Infektion entwickelt. Studien zeigen, dass Ihrem Kind dadurch keine Nachteile entstehen.

    Bei Kindern im Alter ab zwei Jahren mit einer unkomplizierten, akuten Ohrentzündung kann zunächst abgewartet werden [2, 5, 6]. Ob abgewartet werden sollte oder das erkrankte Kind direkt mit einem Antibiotikum behandelt werden sollte, muss im Einzelfall mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.

    Bei abwartender Behandlung wird im Allgemeinen so vorgegangen:

    • Das Kind erhält zuerst ein Medikament gegen Schmerzen und/oder Fieber. In den meisten Fällen lassen die Beschwerden unter dieser schmerzlindernden Behandlung im Laufe von zwei bis drei Tagen nach.
    • Wenn sich die Beschwerden nach zwei bis drei Tagen nicht gebessert haben oder schlimmer geworden sind, sollte eine Behandlung mit einem Antibiotikum eingeleitet werden [1, 2, 5]. Deshalb muss gewährleistet sein, dass die Eltern nach zwei bis drei Tagen erneut Kontakt zu ihrem Arzt aufnehmen und zu einer Folgeuntersuchung kommen können [2, 5].
    • Falls ein erneuter Arztbesuch nicht möglich ist, etwa am Wochenende, gibt es auch die Möglichkeit, dass der Arzt den Eltern nach entsprechender Aufklärung und der Maßgabe des Einsatzes des Medikamentes vorsorglich ein Rezept für ein Antibiotikum mitgibt („Rezept in Reserve“) [6].
    • Wozu dient ein „Rezept in Reserve“?

      Manchmal schlägt der Arzt eine abwartende Behandlung vor und stellt den Eltern zugleich vorsorglich ein Rezept für ein Antibiotikum aus [6]. Dieses sollen die Eltern erst einlösen, wenn nach zwei Tagen keine Besserung eingetreten ist und ein erneuter Arztbesuch nicht möglich ist (zum Beispiel am Wochenende oder im Urlaub). Die antibiotische Behandlung soll dann, wie mit dem Arzt vereinbart, begonnen und durchgeführt werden. In diesem Fall ist es wichtig, eine ärztliche Kontrolle durchführen zu lassen.

    Abwartende Behandlung bei Mittelohrentzündungen zeigte in Studien keine Nachteile

    Kinder mit unkomplizierter akuter Mittelohrentzündung, für die eine abwartende Behandlung infrage kommt, haben keine Nachteile davon, wenn sie zunächst abwartend behandelt werden, anstatt sofort ein Antibiotikum zu erhalten [7]. 

    • Die Schmerzen bessern sich in vergleichbarer Weise

      Nach drei bis sieben Tagen sind bei beiden Behandlungswegen rund 80 Prozent der Kinder schmerzfrei.

      Von 100 Kindern, die sofort mit einem Antibiotikum behandelt werden, leiden zu diesem Zeitpunkt 6 Kinder weniger an Ohrenschmerzen, als wenn abwartend behandelt wird. Dieser Unterschied ist im Verhältnis zur Gesamtzahl der schmerzfreien Kinder so gering, dass sich daraus kein relevanter Behandlungsvorteil ergibt. Bedenken muss man auch die gegebenenfalls auftretenden Nebenwirkungen durch ein Antibiotikum.

    • Das Hörvermögen bessert sich gleich gut

      In beiden Behandlungsgruppen ist die Hörfähigkeit* nach vier Wochen bei der Hälfte der Kinder wieder normal. Bei abwartender Behandlung kann es allerdings etwas länger dauern, bis das Trommelfell bei der Ohrspiegelung wieder vollkommen normal aussieht. Nach drei Monaten ist das Ergebnis jedoch in beiden Gruppen gleich.

      *Erklärung: Um die Hörfunktion zu beurteilen, wurde die Beweglichkeit des Trommelfells mit einem speziellen Messverfahren (Tympanometrie) untersucht. Ist das Trommelfell normal beweglich, besteht keine Hörbeeinträchtigung. Bei eingeschränkter Beweglichkeit ist von einer Hörbeeinträchtigung auszugehen.

    • Nebenwirkungen wie Erbrechen, Durchfall und Hautausschlag treten bei abwartender Behandlung seltener auf als bei sofortiger Antibiotikatherapie

      Von 100 Kindern, die eine sofortige Antibiotikatherapie erhalten, entwickeln 12 Kinder mehr die genannten Nebenwirkungen als von 100 Kindern, die abwartend behandelt werden. 

    Hinweis: Ergebnisse einer Vergleichsanalyse von klinischen Studien mit insgesamt 1.007 behandelten Kindern mit akuter Mittelohrentzündung [7].

    Das Vorgehen bei abwartender Behandlung beinhaltet, dass bei spontaner Besserung nach zwei bis drei Tagen kein weiteres Medikament notwendig ist, bei anhaltenden Beschwerden jedoch noch eine Antibiotikatherapie eingeleitet wird.

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    Behandlung mit Antibiotika

    Bei einer akuten Mittelohrentzündung kann die Behandlung mit Antibiotika schnelle Abhilfe schaffen.

    Weitere Behandlungsformen der Mittelohrentzündung

    Häufig bekommen Kinder mit akuter Mittelohrentzündung auch abschwellende Nasentropfen. Hat das Kind zugleich einen Schnupfen, lindern diese Mittel das Gefühl der verstopften Nase und helfen dem Kind, besser durch die Nase zu atmen [1]. Eine weitere Überlegung geht dahin, dass Nasentropfen auch dazu beitragen können, die geschwollene Ohrtrompete zu entlasten, sodass der Druck im Mittelohr abnehmen kann. Dies kann theoretisch den Heilungsprozess fördern. Bisher gibt es jedoch keine Studien, die belegen, dass Nasentropfen mit abschwellendem Wirkstoff die Ohrenschmerzen oder den Verlauf einer akuten Mittelohrentzündung verbessern [8]. Daher werden abschwellende Nasentropfen derzeit in nationalen oder internationalen Leitlinien nicht explizit zur Therapie bei akuter Mittelohrentzündung empfohlen [2, 5, 9].

    Es gibt weitere Behandlungsformen, die zur Symptomlinderung bei akuter Mittelohrentzündung eingesetzt werden können. Hierzu zählen Ohrentropfen mit einem schmerzbetäubenden oder einem pflanzlichen Wirkstoff, homöopathische Medikamente oder Hausmittel, wie beispielsweise warme Kompressen, Zwiebelsäckchen oder Dampfinhalationen [8].

    Individuelle Erfahrungen zeigen, dass solche Mittel zur Linderung von Beschwerden bei akuter Mittelohrentzündung beitragen können. Allerdings ist die Datenlage zur Bewertung dieser Verfahren sehr begrenzt, sodass ihr Einsatz nicht in den Leitlinien empfohlen wird [2, 5, 6, 9].

    Leitlinien für die Therapie der Mittelohrentzündung

    Die Leitlinien zur akuten Mittelohrentzündung geben wissenschaftlich fundierte Hinweise, in welchen Fällen eine Antibiotikabehandlung sofort eingeleitet werden sollte und wann die Möglichkeit besteht, zunächst abzuwarten und lediglich Beschwerden wie Schmerzen und Fieber zu lindern.  

    Welche Behandlung im Einzelfall sinnvoll ist, wird der Arzt individuell für jedes Kind entscheiden und mit den Eltern besprechen.

    Deutsche und internationale Expertenteams haben Ärzte-Leitlinien zur Diagnose und Behandlung akuter Mittelohrentzündungen bei Kindern erstellt [1, 2]. Leitlinien werden auf Grundlage der Erkenntnisse kontrollierter klinischer Studien erarbeitet. Sie unterstützen den behandelnden Arzt bei seinen Therapieentscheidungen.

    Hintergrund für die beiden möglichen Behandlungswege ist die Erkenntnis, dass unkomplizierte, also leichtere akute Mittelohrentzündungen meist ohne Gabe eines Antibiotikums innerhalb von wenigen Tagen spontan abheilen [7, 10]. Daher besteht keine Notwendigkeit, jedem erkrankten Kind sofort ein Antibiotikum zu verordnen [1, 2, 4, 5]. Es wird empfohlen, nur bei den Kindern eine Antibiotikatherapie einzuleiten, die nachweislich davon profitieren. Hierfür sind vor allem die Ausprägung des Krankheitsbildes, Vorerkrankungen und das Alter des erkrankten Kindes von Bedeutung [1, 2, 3, 4].

    Autor und Quellen

    Das Bild zeigt das Logo der Uniklinik Köln.

    Eine Kooperation der AOK und der Uniklinik Köln.

    Aktualisiert am: 13. Juli 2016

    Aktualisiert: 10.08.2021

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