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Kein Stigma, keine Wartezeit: Der Familiencoach Depression hilft Angehörigen online

Menschen, die sich um einen kranken Angehörigen kümmern, vernachlässigen oft die eigene Gesundheit. E-Health-Angebote wie der Familiencoach Depression bieten hier eine wertvolle Unterstützung, weiß Expertin Prof. Elisabeth Schramm von der Uniklinik Freiburg.

Familiencoach-Entwicklerin Elisabeth Schramm im Interview

Elisabeth Schramm ist Sektionsleiterin der Psychotherapieforschung in der Uniklinik Freiburg. Auf Anfrage der AOK entwickelte sie mit ihrem Team den Familiencoach Depression, ein kostenloses und leicht zugängliches Selbsthilfeprogramm für Angehörige depressiver Patienten. Warum das E-Health-Angebot so wichtig ist, erklärt Prof. Schramm im Interview.

Prof. Elisabeth Schramm ist Sektionsleiterin der Psychotherapieforschung in der Uniklinik Freiburg.

Frau Prof. Schramm, warum haben Sie gemeinsam mit der AOK den Familiencoach Depression entwickelt?
„Weil es ein solches Programm vorher einfach nicht gab. Unseres Wissens ist es das einzige Online-Angebot für Angehörige von depressiven Menschen. Und – egal, ob online oder nicht – der Bedarf ist riesig. Zwar gibt es einige Kliniken, die Hilfe für Angehörige vorsehen. Diese Angebote sind natürlich auf die Familienmitglieder von stationär aufgenommenen Patienten begrenzt. Aber selbst die haben es schwer, wenn sie weit entfernt wohnen.“

Und an dieser Stelle kommt der Familiencoach Depression ins Spiel.
„Richtig. Das Angebot ist für jeden kostenlos zugänglich. Es spielt keine Rolle, wo der Angehörige wohnt und wann er Zeit hat. Er entscheidet selbst, ob er das Programm lieber morgens oder zum Beispiel am Abend nach der Arbeit nutzen möchte. Und ganz wichtig, er kann es ganz für sich nutzen – ohne Angst vor Stigmatisierung.“

Ist Depression denn immer noch ein Tabuthema?
„Es ist besser geworden, unter anderem durch die Arbeit der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und prominente Schirmherren wie Harald Schmidt. Aber trotzdem: Das Stigma existiert noch immer. Aus diesem Grund hat sich auch die Bezeichnung Burn-out so stark verbreitet. Auch heute legen viele Menschen eine Depression als Schwäche oder als ‚verrückt sein‘ aus, lieber begründen sie ihre Probleme mit zu viel Arbeit. Dabei zeigen Untersuchungen, dass hinter 50 Prozent der vermeintlichen Burn-out-Fälle tatsächlich eine Depression steckt. Angesichts dieses noch immer belasteten Umgangs mit dem Thema Depression ist ein anonymes Online-Angebot wie der Familiencoach umso wichtiger. Die Hürde für die Patienten und die Angehörigen wird dadurch viel kleiner.“

Symptome, Ursachen und Hilfe: Themenseite Depression

Eine Depression ist eine schwere psychische Erkrankung. In den meisten Fällen lässt sich die Krankheit jedoch gut behandeln oder sogar heilen. Hier finden Sie wichtige Informationen und Angebote.

Zur Themenseite Depression

An wen genau richtet sich das Programm?
„Vor allem an Angehörige von Erkrankten. Tatsächlich sind es aber nicht nur Familienmitglieder, die Informationen zum Thema Depression suchen. Häufig sind es Freunde oder auch Arbeitskollegen und Vorgesetzte, die bei jemandem eine Depression vermuten.“

Das heißt, mithilfe des Familiencoaches kann ich auch herausfinden, ob eine Person depressiv ist?
„Ein Baustein des Programms erklärt, wie ich als Angehöriger eine solche Vermutung überprüfen kann. Damit bietet der Familiencoach Depression eine wissenschaftlich fundierte Orientierung. Jedoch muss den Angehörigen klar sein: Das Programm ersetzt keinen medizinischen Befund. Die Diagnose liegt weiterhin in den Händen der Ärzte und Psychotherapeuten. Der Familiencoach enthält deshalb mehrere Hinweise, wann unbedingt ein Arzt hinzugezogen werden sollte.“

Ist eine solche Orientierung an E-Health Angeboten angesichts der langen Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz ganz besonders wichtig? Als eine Art Überbrückung?
„Auf jeden Fall. Es ist inakzeptabel, dass Patienten im Schnitt 20 Wochen auf einen Psychotherapieplatz warten müssen. Der Gesetzgeber hat das erkannt und ergreift derzeit Maßnahmen, um die Situation zu verbessern. Momentan müssen Patienten aber noch einen großen Aufwand betreiben, um die notwendige Behandlung zu bekommen. Diejenigen, die sich dann einen Termin erkämpfen, sind meistens die gesünderen. Andere, die vielleicht schon stark depressiv sind, geben dagegen leicht auf. Ein E-Mental-Health-Angebot wie der Familiencoach Depression kann für sie und speziell für ihre Angehörigen zumindest zeitweise eine echte Alternative darstellen. Er bietet Angehörigen und Patienten Hilfe und zeigt erste Schritte auf – unkompliziert und ohne Wartezeit!“

Der Familiencoach steht jetzt seit gut einem Jahr zur Verfügung. Wie ist das Feedback darauf?
„Äußerst positiv. Sowohl von Fachleuten als auch von Angehörigen. Gerade Selbsthilfegruppen sagen uns, dass der Coach eine sehr gute Unterstützung in alltäglichen Situationen sei. Der Bundesverband Angehörige lobt vor allem das Familiencoach-Modul Selbstfürsorge. In diesem Bereich werde ansonsten viel zu wenig für Angehörige angeboten und wenn doch, dann gehe es immer in die Richtung: Wie kann ich unterstützen? Und nicht: Wie passe ich auf mich selbst auf? Das aber liegt uns am Herzen.“

Und was sagen die Experten?
„In Kongressen und Qualitätszirkeln ist das Interesse sehr groß. Aber ganz besonders stationäre Einrichtungen freuen sich über das Angebot. Diese Kliniken haben viel Kontakt zu den Familien der Patienten. Oft fehlen ihnen aber die Zeit und die Ressourcen, um intensiv mit den Angehörigen zu arbeiten. Deshalb werden dort gerne Flyer verteilt, die auf den Familiencoach verweisen. Denn das Programm eignet sich ganz ausgezeichnet als Ergänzung zur psychotherapeutischen Behandlung.“

Zwei typische Fälle: So funktioniert der Familiencoach Depression

Was heißt das in der Praxis? Zwei typische Fälle aus der Arbeit von Prof. Elisabeth Schramm zeigen, wie Angehörige den Familiencoach Depression einsetzen können:

Nachdenliches Paar auf einer Treppe – iStock 831550762 © stock-eye
Wer kümmert sich?
„Häufig sind es Frauen, die sich wegen ihres Partners informieren möchten – und das obwohl Frauen selbst deutlich öfter unter einer Depression leiden als Männer. Die Frauen vermuten in vielen Fällen, dass ihr Partner ein Burn-out habe oder sogar depressiv sei.“

Was sind die Probleme?
„Typisch sind in diesen Fällen körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Erschöpfung und Kreislaufbeschwerden. Daneben ist der Erkrankte oft sehr inaktiv und wenig ansprechbar. Speziell bei Männern äußert sich eine Depression in starker Reizbarkeit. Je mehr die Partnerin dem Betroffenen Aufgaben abnehmen möchte oder versucht, ihn zu professioneller Hilfe zu überreden, desto größer wird die Ablehnung. Beziehungskonflikte sind dadurch fast unausweichlich.“

Wie hilft der Familiencoach?

  • Der Informationsteil „Was muss ich wissen?“ bietet erste Unterstützung. Angehörige lernen, wie sie das Thema Depression gegenüber dem Betroffenen ansprechen. Ein interaktiver Fragebogen bereitet sie darauf vor.
  • Angehörige von depressiven Menschen sollten sich unbedingt mit dem Modul „Selbstfürsorge“ auseinandersetzen. Denn: Nur weil der Partner erkrankt ist, bedeutet das nicht, dass man selbst permanent zurückstecken sollte. Auch dann bleibt es wichtig, eigene Hobbys und Interessen zu pflegen.
  • Für die Beziehung ist das Trainingsmodul „Depression und Alltag“ wichtig: Wie lässt sich trotz Krankheit die Partnerschaft pflegen und stärken? Wie lassen sich dauerhafte Konflikte vermeiden? Tipps und Videos beantworten diese Fragen. Und häufig zeigt sich: Paare, die das verinnerlicht haben, gehen gestärkt aus einer Krise hervor.

Wer kümmert sich?
„Altersdepression ist die häufigste psychische Erkrankung. Entsprechend oft werden die Angehörigen älterer Menschen, besonders deren Kinder, mit dem Thema Depression konfrontiert. Die Familienmitglieder berichten dann, dass die Mutter oder der Vater sich weigere, Hilfe anzunehmen und ,nur noch sterben’ wolle.“

Was sind die Probleme?
„Älteren Menschen und gerade der Generation der Nachkriegskinder fällt es sehr schwer, über psychische Probleme zu sprechen. Unterstützung und speziell professionelle Hilfe durch eine Psychotherapie lehnen sie kategorisch ab. ,Ich bin nun mal alt’ ist eine typische Ausrede. Dabei weiß die Wissenschaft, dass Menschen bis ins hohe Alter lernfähig bleiben.“

Wie hilft der Familiencoach?

  • Die Kinder der Erkrankten fragen sich: Wie bringe ich meine Mutter oder meinen Vater dazu, Hilfe anzunehmen? Ältere Personen begegnen psychischen Krankheiten eher mit Skepsis („Ich bin doch nicht verrückt!“). Umso wichtiger sind Informationen. Der Baustein „Depression erkennen“ mit einfachen Orientierungstests kann in solchen Fällen ein sensibler Start sein.
  • Familienmitglieder empfinden ihre erkrankten Angehörigen oft als stur. Umgekehrt lassen sich manche älteren Menschen ungern etwas von ihren Kindern sagen. Daraus ergibt sich ein großes Konfliktpotenzial. Mit dem Beziehungsmodul des Coaches können Angehörige gezielt Streitigkeiten vorbeugen.
  • Wenn Angehörige nicht weiterkommen oder spezielle Fragen haben, können sie als AOK-Versicherte zudem am Experten-Videochat des Familiencoaches Depression teilnehmen. Dort bietet ihnen Prof. Elisabeth Schramm zusätzliche Beratung.

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