Neue Wege in der Sepsisversorgung durch bessere Vernetzung
Bei einer Sepsis zählt mitunter jede Minute. Trotzdem wird die lebensbedrohliche Erkrankung noch immer häufig zu spät erkannt. Prof. Dr. Thorsten Brenner und Dr. Alexandra Ramshorn-Zimmer erklären, wo es in der Versorgung hakt, wie Diagnostik und Behandlung verbessert werden können – und welche Rolle digitale Vernetzung dabei spielt. Die beiden Wissenschaftler sind verantwortlich für ein neues, vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) gefördertes Versorgungsprojekt mit Namen „optiSEP“.
Herr Professor Brenner, Sepsis gehört zu den häufigsten medizinischen Notfällen – trotzdem wissen viele Menschen kaum, woran sie eine Sepsis erkennen. Warum ist die Erkrankung noch immer nicht ausreichend bekannt?
Prof. Dr. Thorsten Brenner: Die Sepsis ist bei vielen Menschen immer noch nicht als eigenes Erkrankungsbild verinnerlicht und wird in ihrer Bedeutung dramatisch unterschätzt. Hinzu kommt, dass die Symptome häufig unspezifisch sind. Viele denken zunächst einmal nur an einen grippalen Infekt oder eine andersartige banale Infektion. Diese Fehldeutung mündet oft in einer verzögerten Diagnosestellung sowie einem zu späten Therapiebeginn. Aber gerade bei einer Sepsis spielt der Faktor Zeit eine ganz entscheidende Rolle für den Therapieerfolg des Patienten. Während hierzulande pro Jahr rund 44.000 Menschen am Herzinfarkt und rund 35.000 Menschen am Schlaganfall versterben, so gehen jährlich mindestens 85.000 Todesfälle auf das Konto der Sepsis. Diese Zahlen verdeutlichen, warum es mehr Aufklärung darüber braucht, wie man eine lebensbedrohliche Sepsis erkennt und dass bei der Behandlung jede Stunde zählt.
„Die Sepsis wird in ihrer Bedeutung dramatisch unterschätzt.“
Fachlicher Leiter des GBA-Innovationsfondsprojekts „optiSEP“
Welche Warnzeichen sollte wirklich jeder kennen – und wann sollte man sich die Frage stellen: „Könnte es Sepsis sein?“
Brenner: Warnzeichen sind ein extremes Krankheitsgefühl, Fieber und Schüttelfrost, Verwirrtheit, starke Schwäche, Kurzatmigkeit sowie ein beschleunigter Herzschlag. Insbesondere dann, wenn solche Symptome im Zusammenhang mit einer Infektion auftreten, sollte man unbedingt auch an eine Sepsis denken und diesen Verdacht auch gegenüber Ärztinnen und Ärzten äußern.
Seit Januar 2026 gibt es mit „QS SEPSIS“ erstmals ein verpflichtendes bundesweites Qualitätssicherungsverfahren für Krankenhäuser. Frau Dr. Ramshorn-Zimmer, wo liegen aus Ihrer Sicht trotzdem noch die größten Lücken in der Versorgung?
Dr. Alexandra Ramshorn-Zimmer: Das Qualitätssicherungsverfahren für Krankenhäuser ist ein wichtiger Schritt. Aber wir müssen die Sepsisversorgung sektorenübergreifend verbessern. Dazu müssen wir den ambulanten Versorgungssektor und den Rettungsdienst ebenso mitdenken wie die Rehabilitation und Nachsorge. Viele Betroffene kämpfen auch nach einer überstandenen Sepsis mit körperlichen, kognitiven und psychischen Folgen. Für eine erfolgreiche Behandlung müssen alle an der Versorgung beteiligten Versorgungsstrukturen nahtlos ineinandergreifen. Das gilt von der Prävention und frühzeitigen Erkennung über Diagnostik und Therapie bis hin zur Nachsorge.
Das GBA-Innovationsfonds-Projekt „optiSEP“, das gerade für die kommenden dreieinhalb Jahre anläuft, soll neue Wege in der Sepsisversorgung erproben. Wo setzt es konkret an, und welchen Unterschied kann es für Patientinnen und Patienten machen?
Ramshorn-Zimmer: Kern des Projekts ist die digital verknüpfte, interoperable Nutzung von Routinedaten aus allen Phasen der Behandlung – von der präklinischen Behandlung im Rettungsdienst über die frühe Versorgung in der Notaufnahme bis hin zur intensivmedizinischen Weiterbehandlung im Krankenhaus. Wir setzen dabei auf einer bereits etablierten Plattform auf: der AKTIN-Infrastruktur – eine Infrastruktur des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM) – und auf dem Notaufnahmeregister. Wir nutzen Daten aus der Routineversorgung, um entlang der digitalen Rettungskette gefährliche Verläufe früher zu erkennen und die Einleitung der erforderlichen Maßnahmen zu beschleunigen.
Zeitgleich soll durch standardisierte Behandlungspfade sichergestellt werden, dass die aktuellen evidenzbasierten Sepsis-Leitlinien im gesamten Versorgungsprozess einheitlich und zuverlässig umgesetzt werden. Für die Patientinnen und Patienten bedeutet das, dass die notwendige Behandlung früher beginnt, unabhängig davon, in welchem Krankenhaus und zu welcher Tageszeit sie aufgenommen werden. Ein patientenzentriertes Nachsorgekonzept zielt schließlich darauf ab, die Langzeitfolgen einer Sepsis zu reduzieren.
„Viele Betroffene kämpfen auch nach einer überstandenen Sepsis mit körperlichen, kognitiven und psychischen Folgen.“
Konsortialführerin des GBA-Innovationsfondsprojekts „optiSEP“
Ein Schwerpunkt ist die schnellere und präzisere Diagnostik. Warum ist das bei Sepsis so entscheidend – gerade auch mit Blick auf den Einsatz von Antibiotika?
Brenner: Eine Sepsis kann sich innerhalb kürzester Zeit vom Schneeball zur Lawine entwickeln und dramatisch verschlechtern. Im schlimmsten Fall führt sie zum Versagen von einem oder mehreren Organsystemen. Die Leitlinie sieht vor, dass zunächst eine unspezifische breite antiinfektive Therapie eingeleitet wird, welche dann spezifischer wird, sobald der Erreger feststeht. Dabei geht aktuell noch wertvolle Zeit verloren. Denn durch klassische Blutkulturen lassen sich Erreger nicht immer oder nur verzögert nachweisen. Eine zentrale Rolle in unserem Projekt spielt deshalb die molekulare Erregerdiagnostik mittels Next-Generation Sequencing (NGS). Beim NGS werden Krankheitserreger direkt anhand ihres genetischen Materials identifiziert, welches im Blut des septischen Patienten zirkuliert. So lassen sich auch schwer kultivierbare Erreger deutlich besser erfassen. Dadurch kann die antiinfektive Therapie früher und gezielter angepasst und schwere Krankheitsverläufe vermieden werden.
Sepsis und das Projekt „optiSEP“
In Deutschland erkranken laut Aktionsbündnis Patientensicherheit jährlich mindestens 230.000 Menschen an einer Sepsis, mindestens 85.000 sterben daran. Oftmals werden die Warnzeichen zu spät erkannt – auch vom medizinischen Personal. Eine Sepsis ist die schwerste Verlaufsform einer Infektion. Sie entsteht, wenn die körpereigene Abwehrreaktion auf eine Infektion außer Kontrolle gerät und beginnt, die eigenen Organe zu schädigen. Auslöser können Bakterien, aber auch Viren, Pilze oder Parasiten sein. Im schweren Verlauf kann es zu Kreislaufversagen und zum Versagen mehrerer Organe kommen.
Das Projekt „optiSEP“ ist im September 2026 gestartet und wird bis Anfang 2030 mit 7,5 Millionen Euro vom Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) gefördert. Beteiligt sind unter anderem der AOK-Bundesverband und die AOK Rheinland/Hamburg.
Wo gehen heute an den Übergängen zwischen Notaufnahme, Intensivstation, Normalstation und Nachsorge besonders häufig Zeit oder Informationen verloren?
Ramshorn-Zimmer: Bei jeder Übergabe können relevante Informationen verloren gehen. Es besteht dann immer die Gefahr, dass wichtige Befunde, Risikofaktoren und Therapieentscheidungen nicht vollständig weitergegeben werden. Wir haben deshalb in unserem Projekt zwei Übergänge in den Mittelpunkt gestellt: den Weg durch die frühe Versorgung – vom Rettungsdienst über die Notaufnahme bis auf die Intensivstation – und den Übergang von der stationären Behandlung in die ambulante Nachsorge.
Mit Blick auf den Faktor Zeit sehen wir Potenzial vor allem darin, dass bereits in der Notaufnahme eine ganz frühe Ersteinschätzung der Erkrankungsschwere erfolgt, auf Basis derer dann unmittelbar ein strukturiertes Maßnahmenbündel angestoßen wird. Im Falle einer Hochrisikokonstellation wird auch bereits in der Notaufnahme die molekulare Erregerdiagnostik mittels NGS angestoßen. Im Übergang von der stationären zur ambulanten Nachsorge fehlt es aktuell noch an strukturierten Informationen, zum Beispiel an Handreichungen für den Alltag.
„Eine Sepsis kann sich innerhalb kürzester Zeit vom Schneeball zur Lawine entwickeln und dramatisch verschlechtern.“
Fachlicher Leiter des GBA-Innovationsfondsprojekts „optiSEP“
An „optiSEP“ sind auch der AOK-Bundesverband und die AOK Rheinland/Hamburg beteiligt. Welche Rolle können Krankenkassen dabei spielen, um die Sepsisversorgung nachhaltig zu verbessern?
Ramshorn-Zimmer: Mithilfe der Krankenkassen lassen sich erfolgreich erprobte Konzepte schneller in die Regelversorgung überführen. Krankenkassen haben generell eine wichtige Brückenfunktion zwischen Forschung und Versorgung. Sie verfügen über umfangreiche Versorgungsdaten, die uns als Forschenden zunächst Versorgungsdefizite und Risikogruppen aufzeigen können. Später lässt sich die nachhaltige Wirksamkeit neuer Ansätze prüfen. Auch die Aufklärungsarbeit, die Krankenkassen bei ihren Mitgliedern leisten können, ist nicht zu unterschätzen.
Als Projekt, das aus dem Innovationsfonds des GBA finanziert wird, sehen wir uns in der Verpflichtung, nicht nur aus wissenschaftlicher Perspektive zu evaluieren, sondern die gewonnenen Erkenntnisse auch tatsächlich in eine dauerhafte Verbesserung der Versorgungsqualität einzubringen. Die selektivvertraglichen Regelungen, die wir für die Projektlaufzeit mit den beteiligten Krankenkassen schließen, sind dafür ein erster Schritt. Tragfähig und finanzierbar wird ein Konzept aber erst, wenn es über den Förderzeitraum und über die beteiligten Kassen und Standorte hinaus Bestand hat. Hier sind die Krankenkassen von Beginn an ein zentraler Partner an unserer Seite.
Was muss passieren, damit die Erkenntnisse möglichst schnell in der Regelversorgung und damit bei den Patientinnen und Patienten ankommen?
Brenner: Es braucht mehr Tempo. Wenn wir mit belastbarer Evidenz zeigen können, dass sich durch unsere Maßnahmen die Früherkennung und Behandlung verbessern lässt und möglicherweise sogar Krankenhauseinweisungen und Folgeschäden reduziert werden können, sollte der Weg vom Innovationsfonds in die Regelversorgung kürzer werden. Aktuell braucht es viel Zeit, vom erfolgreichen Studienende über die Empfehlung des GBA bis hin zu einem Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz.
Zu den Personen:
Dr. med. Alexandra Ramshorn-Zimmer, MHBA, Leiterin Klinisches Prozessmanagement, Bereich 6 – Medizinmanagement am Universitätsklinikum Leipzig. Sie hat die Konsortialführung des GBA-Innovationsfondsprojekts „optiSEP“ inne.
Univ.-Prof. Dr. med. Thorsten Brenner, MHBA, ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin des Universitätsklinikums Essen und fachlicher Leiter des GBA-Innovationsfondsprojekts „optiSEP“.
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