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Viele Hürden für die Lebensretter im Kasten

02.10.2026 Agnes Tandler 6 Min. Lesedauer

Der plötzliche Herztod durch Kammerflimmern ist eine der häufigsten Todesursachen. Erste Hilfe mit einem Defibrillator kann in diesem Fall Leben retten. Doch niemand weiß, wie viele solcher Geräte es in Deutschland gibt und wo sie stehen. Die geplante Notfallreform soll dies ändern.

Eine weiße Box mit einem großen roten Herz und einem weißen Blitz darin hängt an der Wand. Unter dem Herz steht "AED". Die Box hat eine Tür, eine Person macht diese gerade auf.
Wo automatisierte externe Defibrillatoren im Notfall zu finden sind, ist oft unklar. Nun soll ein neues Konzept umgesetzt werden.

Jeder hat sie schon irgendwo gesehen: im Einkaufszentrum, auf dem Sportplatz oder einem Verwaltungsgebäude. Defibrillatoren sehen aus wie Stromverteiler-Kästen und können zur richtigen Zeit am richtigen Ort Leben retten. Doch bei einem Notfall können die wenigsten Menschen in Deutschland genau sagen, wo der nächste Defibrillator steht. Dies hat fatale Folgen. Denn bei einer Reanimation nach einem Herzstillstand zählt jede Sekunde. Jährlich sterben in Deutschland rund 100.000 Menschen an plötzlichem Herztod. Wenn Laien vor Ort sich erst auf die Suche nach einem AED-Gerät – einem automatisierten externen Defibrillator – begeben müssen, geht kostbare Zeit verloren. 

„Aktuell gibt es kein AED-Kataster in Deutschland und keine gesetzliche Verpflichtung zur Meldung eines Verkaufs oder Kaufs eines AEDs“, sagte der Sprecher des Deutschen Reanimationsregisters, Jan-Thorsten Gräsner G+G. Laut dem Jahresbericht des Registers, den die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) veröffentlichte, erlitten 2025 schätzungsweise rund 130.000 Menschen einen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb eines Krankenhauses. Bei etwa der Hälfte konnte der Rettungsdienst Wiederbelebungsmaßnahmen einleiten. Die Überlebensrate lag laut DGAI wie in den Jahren zuvor bei knapp elf Prozent. Der Einsatz von Defibrillatoren durch Ersthelfende blieb 2025 mit rund zwei Prozent der Reanimationsfälle unverändert niedrig. Die DGAI fordert seit langem Verbesserungen, wie etwa die Erfassung der vorhandenen AED-Geräte und den Ausbau eines Ersthelfer-Netzes.

Keine genauen Zahlen

Nach Schätzung des Bundesverbandes für Medizintechnik (BVMed) gibt es mehrere zehntausend AED-Geräte im öffentlichen Raum in Deutschland. „Eine belastbare bundesweite Zahl existiert leider nicht“, sagte Olaf Winkler, Referatsleiter für stationäre Gesundheitsversorgung, zu G+G. Zwar führe der Verein Definetz seit 2011 das größte deutsche Defibrillatoren-Kataster, allerdings beruhten die Daten auf freiwilligen Meldungen und erfassten nicht alle vorhandenen Geräte. Daher ließe sich die bundesweite Bestandszahl nur schätzen. Eine Studie für Berlin ging im Jahr 2022 von etwa 780 AED-Geräten im gesamten Stadtgebiet aus. 

Hohe Kosten, viele Pflichten

Das Aufstellen eines AED ist bislang freiwillig. Eine gesetzliche Verpflichtung zur Bereitstellung von Defibrillatoren in öffentlichen Gebäuden oder Verwaltungen existiert derzeit nicht. Es obliegt Städten, Kommunen oder Sportvereinen, ob sie sich dafür entscheiden und ob sie dafür Gelder haben oder Spender dafür finden. Ein AED-Gerät ist nicht gerade billig. Zwischen 1.500 und 3.000 Euro liegen alleine die Anschaffungskosten. Dazu kommen Wartungskosten und Bürokratie. Wer einen Defibrillator aufstellt, gilt als dessen Betreiber nach der Medizinprodukte-Betreiberverordnung (MPBetreibV) und muss bestimmte gesetzliche Pflichten erfüllen. Neben der ordnungsgemäßen Inbetriebnahme gehören dazu die Dokumentation in einem Medizinproduktebuch und regelmäßige Prüfungen des Gerätes. Angesichts des bürokratischen Aufwands scheuen sich viele, einen AED anzuschaffen.

Dazu kommt, dass in Deutschland viele AEDs nur zu bestimmten Zeiten zu erreichen sind. Die meisten AED-Geräte hängen in Arztpraxen, Firmen und öffentlichen Gebäuden, so dass sie oft nur werktags zwischen 8 und 17 Uhr verfügbar sind. „Viele AEDs sind nicht rund um die Uhr zugänglich. Ein Gerät, das beispielsweise in einem Gebäude hängt, kann nachts oder am Wochenende faktisch nicht verfügbar sein“, erläuterte Vanessa Marquardt von der Björn Steiger-Stiftung. Ein AED-Gerät sollte idealerweise drei bis maximal fünf Minuten nach dem Herz-Kreislauf-Stillstand zum Einsatz kommen. Die Stiftung fordere daher seit Jahren, dass neben jedem Feuerlöscher auch ein AED-Gerät steht. Allerdings ist das Aufstellen von Defibrillatoren, die 24 Stunden erreichbar sind, deutlich teurer, denn diese müssen in geschützten, alarmgesicherten und oft auch noch beheizten Gehäusen untergebracht werden, um sie vor Vandalismus, Diebstahl und Kälte zu schützen. All dies hemmt die Verbreitung.

Ausland als Vorbild

Verglichen mit anderen Ländern hat Deutschland bei der Laienreanimation Nachholbedarf. Nur in jedem zweiten Notfall starten Laien vor Ort einen Reanimationsversuch. In Nachbarländern wie Schweden, Dänemark oder den Niederlanden liegt die Quote deutlich höher zwischen 70 und 80 Prozent. Experten gehen davon aus, dass in Deutschland jedes Jahr rund 10.000 Menschenleben gerettet werden könnten, wenn ihnen bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand mit einer Reanimation sofort geholfen würde. 

Die Steiger-Stiftung verweist auf das Beispiel Dänemark. Mit rund 446 registrierten AEDs pro 100.000 Einwohner verfügt das Land über eine hohe Dichte an Defibrillatoren. Außerdem sind über das nationale Portal Hjertestarter.dk zehntausende Geräte öffentlich registriert und für die Rettungsleitstellen sichtbar. Die Zahl der AED-Geräte allein ist allerdings noch kein Garant für Erfolg. So schneidet etwa Japan, das Land mit der weltweit höchsten pro-Kopf-Dichte an AEDs, bei der Laienreanimation kaum besser ab als Deutschland. Zwar gibt es ein massives nationales Netz mit 700.000 öffentlich zugänglichen Geräten in Bahnhöfen, Metro-Stationen, Bürogebäuden, Schulen, Tempeln, Golfplätzen und sogar in Parks. Doch kulturelle Barrieren, etwa die Scheu, fremde Menschen zu berühren oder Fehler zu machen, schrecken Laien ab, Wiederbelebungsmaßnahmen zu starten. Länder wie die Niederlande, Dänemark und Schweden setzen daher auf breite Erste-Hilfe-Schulungen, um die Hemmschwelle für Laien zu senken, vor Ort auf einen Notfall zu reagieren. 

Notfallreform als Chance

Die von der Bundesregierung geplante Reform der Notfallversorgung könnte ein wichtiger Schritt sein, die Lage zu verbessern. Sie sieht die Schaffung eines bundesweit einheitlichen Katasters vor, in dem alle öffentlich zugänglichen Defibrillatoren verpflichtend erfasst werden. Das Register soll zudem digital mit den Rettungsleitstellen verknüpft werden, so dass das Personal in den Leitstellen sehen kann, ob sich ein AED in der Nähe des Notfallortes befindet, und Anrufer darauf hinweisen kann. Die Reform soll erstmals auch Ersthelferalarmierungsapps bundesweit als Standard verankern, so dass eine Leitstelle Ersthelfer in der Nähe zum Notfallort schicken kann. „Entscheidend wird sein, ob Register, Leitstellen, Ersthelfer-Apps und öffentlich zugängliche AEDs tatsächlich bundesweit zusammengeführt werden“, so der BVMed.

Auch die Steiger-Stiftung ist positiv. „Die Reform schafft wichtige organisatorische und digitale Voraussetzungen, um die Anzahl und den Einsatz von AEDs zu erhöhen“, betont sie. Die geplante Gesetzgebung würde auch bürokratisch aufwendige sicherheitstechnische Kontrollen für reine Laien-AEDs abschaffen. „Dies senkt für Kommunen, Vereine und Unternehmen die Hürde, ein Gerät anzuschaffen“, machte Marquardt deutlich.  

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Agnes Tandler

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