Studie: Was Chatbots in Gesundheitsfragen leisten
Viele Menschen fragen KI-Chatbots, um Krankheitssymptome einordnen zu können. Die Antworten der Sprachmodelle weisen aber Mängel auf, warnt Marvin Kopka. Der Psychologe und Medizininformatiker hat verschiedene Versionen von ChatGPT auf Genauigkeit und Konsistenz in Gesundheitsfragen untersucht.
Herr Dr. Kopka, vertrauen Sie in Gesundheitsfragen den Antworten Künstlicher Intelligenz (KI)?
Dr. Marvin Kopka: Grundsätzlich ja, aber mit Einschränkungen. Bei einfachen Fragen kann KI schon richtig liegen, etwa bei einem Foto einer Hautveränderung. Mir ist aber immer bewusst, dass das nicht so gut funktionieren muss wie bei einem Hautarzt, der sich das näher anschaut und interpretiert. Trotzdem bin ich überrascht, wie gut die Empfehlungen teilweise sind.
Wie stark nutzen Patientinnen und Patienten ChatGPT bereits für Gesundheitsfragen?
Kopka: Viele nutzen weiterhin Google. Dort bekommen sie inzwischen auch KI-Zusammenfassungen. Das kann sinnvoll sein, hängt aber stark davon ab, welche Quellen einbezogen werden. Generell gehen immer mehr Menschen in Richtung ChatGPT. In einer eigenen Befragung in Großbritannien haben wir gesehen: Bei Fragen mit geringem Risiko sind die Menschen eher bereit, KI zu nutzen, etwa um eine Krankheit besser zu verstehen. Bei Notfällen waren sie sehr skeptisch und wollten lieber bei den Ärzten bleiben.
Wie wichtig ist die Qualität der Symptomeingabe?
Kopka: Sehr wichtig. Wir haben für unsere Studie Fälle aus Onlineforen genutzt, in denen Patienten ihre Beschwerden für Ärzte beschrieben hatten. Da gab es Fälle mit wenig Informationsgehalt: Ich habe Halsschmerzen, was soll ich machen? Ohne Angaben dazu, seit wann oder wie lange, kann auch ChatGPT mit solchen Symptombeschreibungen wenig anfangen. Andere Fälle waren mehrere Seiten lang – da wird wahrscheinlich auch die Antwort besser. Ein grundsätzliches Problem bleibt: Patienten können sich nicht selbst medizinisch untersuchen, keine Blutwerte erheben oder Funktionstests durchführen. Das ist ihnen häufig bewusst – und dann gehen sie lieber zum Arzt, weil die KI eine Untersuchung nicht ersetzen kann.
Fragt ChatGPT ausreichend nach, um fehlende Informationen zu ergänzen?
Kopka: Eher nicht. In unseren Studien hat ChatGPT fast gar nicht von sich aus nachgefragt. Man gibt Informationen ein und bekommt daraus eine Empfehlung, egal wie detailliert die Angaben waren. Wenn fast alles fehlt, kommt vielleicht eine Rückfrage. Eine strukturierte Befragung, wie sie ein Arzt zur Krankengeschichte machen würde, findet fast nie statt. Technisch wäre das machbar. Nutzer könnten sogar selbst vorgeben: Stell mir erst Rückfragen, bevor du eine Empfehlung gibst. Wir haben das getestet und die Probanden fanden solche Rückfragen vertrauenswürdig.
Warum ist ChatGPT für die Patientensteuerung nur eingeschränkt geeignet?
Kopka: Ich würde niemandem empfehlen, ChatGPT einfach zu fragen: Ich habe diese Symptome, muss ich damit zum Arzt? Die Empfehlung ist fast immer, das lieber abzuklären. Das hat wenig Mehrwert. Das heißt aber nicht, dass ChatGPT generell nicht nützlich ist. Wenn jemand nach dem Sport Knieschmerzen hat, kann es helfen zu verstehen, dass eine Überlastung als plausible Erklärung infrage kommt. ChatGPT kann also Sinn aus Symptomen und Informationen machen und das Verständnis fördern. Aber für die konkrete Entscheidung, was man jetzt tun sollte, würde ich mich nicht darauf verlassen.
Kann ChatGPT zumindest zur passenden ärztlichen Fachrichtung lotsen oder den richtigen Zeitpunkt empfehlen?
Kopka: Den Zeitpunkt schon, wobei die Empfehlungen meist eher zu dringlich sind. Sie lauten häufig „morgen“ oder „in den nächsten Tagen“. Dass etwas nicht akut ist und auch in den nächsten Wochen oder sogar gar nicht abgeklärt werden muss, kommt meiner Erfahrung nach in den Antworten der Chatbots fast nie vor. Die Fachrichtung wird manchmal genannt, manchmal nicht. Man kann aber explizit fragen: Zu welcher Fachrichtung soll ich damit gehen?
„Eine strukturierte Befragung, wie sie ein Arzt zur Krankengeschichte machen würde, findet fast nie statt.“
Wie bewerten Patientinnen und Patienten die Antworten?
Kopka: Wir haben sehr unterschiedliche Reaktionen gesehen. Manche sagten, die Antwort passe überhaupt nicht zu ihrer Situation – etwa, wenn ChatGPT Hinweise für Beschwerden seit zwei Monaten gab, obwohl die Symptome erst seit einem Tag bestanden. Dann sank das Vertrauen. Andere sahen ihre eigene Einschätzung bestätigt oder lernten etwas Neues, das plausibel klang, und fanden die Antwort hilfreich. Eine dritte Gruppe wurde verunsichert. Vorher hielten sie ihre Beschwerden für harmlos, dann sahen sie viele Warnsignale oder schwierige medizinische Begriffe und wollten deshalb doch lieber zum Arzt.
Ihre Studie zur Eignung von ChatGPT in der Patientensteuerung nennt eine Treffergenauigkeit von 74 Prozent. Was bedeutet das?
Kopka: Das ist die Genauigkeit über alle Fälle hinweg: Wie oft entsprach die Empfehlung der vorher von Expertinnen und Experten festgelegten besten Lösung? Wir hatten typische Fälle für unterschiedliche Versorgungsstufen zusammengestellt – also Notfall, ärztliche Abklärung oder Selbstversorgung. Ein Ärztepanel hat bewertet, was jeweils angemessen wäre. Das war unser Goldstandard. Dann haben wir die verfügbaren Modelle automatisiert mit denselben Fällen abgefragt und verglichen. Ein großes Problem war, dass neuere Modelle zwar häufig richtig dazu rieten, zum Arzt zu gehen, aber viel seltener korrekt erkannten, wann Selbstversorgung ausgereicht hätte. Weil solche Fälle häufig sind, drückt das die Genauigkeit.
Können Sie einen typischen Fall nennen, in dem Selbstversorgung gereicht hätte?
Kopka: Ein Beispiel war: „Ich habe seit einem Tag ein bisschen Bauchschmerzen und Durchfall, kein Fieber und sonst nichts.“ Natürlich kann man damit zum Arzt gehen, etwa für eine Krankschreibung. Nach Einschätzung unseres Ärztepanels musste das aber nicht sofort ärztlich abgeklärt werden, sondern der Patient hätte ein oder zwei Tage abwarten können, ob Besserung eintritt. ChatGPT verwies dagegen auf mögliche Gefahren oder eine Infektion und empfahl, lieber einen Mediziner aufzusuchen und das abklären zu lassen.
Wie problematisch sind die inkonsistenten Antworten von ChatGPT?
Kopka: Das ist ein grundsätzliches Problem probabilistischer Systeme – also von Systemen, die Antworten auf Wahrscheinlichkeitsbasis erzeugen. Klassische zertifizierte Apps arbeiteten zumindest vor dem Einsatz großer Sprachmodelle häufig mit festen Entscheidungsbäumen und transparenten Algorithmen. Dieselbe Eingabe führte dabei zur selben Ausgabe und war nachvollziehbar. Bei Sprachmodellen ist das schon vom Design her anders. Dieselbe Eingabe kann unterschiedliche Antworten erzeugen. Besonders problematisch war, dass der Grad der Schwankung je nach Fall variierte. Einen Notfall erkannte das System fast immer, einen anderen nur ungefähr in der Hälfte der Abfragen. Dann weiß man nicht, was ein Patient am Ende empfohlen bekommt.
Wie könnte KI in der Patientensteuerung dennoch Nutzen bringen?
Kopka: Ich halte eine Kombination für sinnvoll: Im Hintergrund arbeitet ein zertifiziertes, nachvollziehbares System für die medizinische Ersteinschätzung, ein sogenannter Symptomchecker. Ein großes Sprachmodell wie ChatGPT sitzt als zusätzliche Schicht darüber und erklärt das Ergebnis laienverständlich. Das Grundproblem probabilistischer Antworten – unterschiedliche Ausgaben bei derselben Eingabe – wird sich bei Sprachmodellen nicht einfach auflösen. Deshalb sollte die eigentliche Entscheidung aus einem nachvollziehbaren Verfahren kommen. Das Sprachmodell kann dann beim Erklären helfen.
Mitwirkende des Beitrags
Autorin
Datenschutzhinweis
Ihr Beitrag wird vor der Veröffentlichung von der Redaktion auf anstößige Inhalte überprüft. Wir verarbeiten und nutzen Ihren Namen und Ihren Kommentar ausschließlich für die Anzeige Ihres Beitrags. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, sondern lediglich für eventuelle Rückfragen an Sie im Rahmen der Freischaltung Ihres Kommentars verwendet. Die E-Mail-Adresse wird nach 60 Tagen gelöscht und maximal vier Wochen später aus dem Backup entfernt.
Allgemeine Informationen zur Datenverarbeitung und zu Ihren Betroffenenrechten und Beschwerdemöglichkeiten finden Sie unter https://www.aok.de/pp/datenschutzrechte. Bei Fragen wenden Sie sich an den AOK-Bundesverband, Rosenthaler Str. 31, 10178 Berlin oder an unseren Datenschutzbeauftragten über das Kontaktformular.