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Automatisierung im Gesundheitswesen

24.08.2026 Stefanie Roloff 5 Min. Lesedauer

Technische Lösungen wie digitale Check-ins, automatisierte Messstationen oder KI-gestützte Dokumentation sollen Praxen und Kliniken im Alltag entlasten. Doch nicht jede Anwendung spart tatsächlich Zeit und die medizinische Verantwortung bleibt beim Menschen.

An einem Automaten steht "Self Check-in".
Self Check-in-Automaten können die Anmeldung in Arztpraxen beschleunigen.

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) übernehmen zunehmend standardisierbare Aufgaben im Versorgungsalltag. Das soll Ärztinnen und Ärzte sowie Medizinische Fachangestellte (MFA) von Routinen entlasten und mehr Zeit für persönliche Betreuung und medizinische Aufgaben schaffen. Ob das gelingt, hängt vor allem davon ab, wie gut sich die Systeme in bestehende Abläufe integrieren lassen. Das zeigen Beispiele aus dem Versorgungsalltag.

Gesundheitsautomat erhebt Vitalwerte

Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) testet seit Ende Juni 2026 am Campus Kiel eine digitale Messkabine in der Interdisziplinären Notaufnahme. Patientinnen und Patienten können dort vor der Ersteinschätzung, der sogenannten Triage, selbstständig Vitalwerte wie Blutdruck, Puls, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, Temperatur und Gewicht erfassen lassen. Welche Personen dafür geeignet sind, entscheidet geschultes Personal bereits bei der Anmeldung. Die Messwerte werden direkt in das Krankenhausinformationssystem übertragen und stehen dem Pflegepersonal damit schon zu Beginn der Ersteinschätzung zur Verfügung. Die medizinische Beurteilung und die Entscheidung über die weitere Versorgung bleiben jedoch Aufgabe des Notaufnahmepersonals.

„In der Notaufnahme zählt ein schneller, strukturierter und zuverlässiger Überblick über den Zustand unserer Patientinnen und Patienten“, sagt Dr. Domagoj Schunk, Leiter der Interdisziplinären Notaufnahme am UKSH, Campus Kiel. Jede Information, die frühzeitig vorliege, helfe dabei, „die Situation eines Menschen besser einzuordnen“. Im Pilotprojekt solle deshalb geprüft werden, ob der Gesundheitsautomat das Personal im Arbeitsalltag tatsächlich entlastet, „damit mehr Zeit für den Menschen bleibt“. Das UKSH untersucht zudem, wie gut Patientinnen und Patienten damit zurechtkommen. 

Self Check-in statt Empfangstresen

Auch in Arztpraxen werden administrative Abläufe automatisiert. Im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) von Dr. Moritz Kaiser in Regensburg etwa melden sich Patientinnen und Patienten an Terminals selbst an. „Wir sind vermutlich Deutschlands erste Facharztpraxis, die vollständig ohne klassisches Anmeldepersonal arbeitet“, schreibt Kaiser auf LinkedIn. Das Konzept gelte inzwischen „an allen Standorten, fächerübergreifend“.

Der Self Check-in ist Teil eines digitalisierten Patientenwegs. Termine können online über die Webseite der Praxis gebucht werden. Vor Ort checken sich die Patientinnen und Patienten selbst ein, werden automatisiert aufgerufen und gehen selbstständig zum richtigen Behandlungszimmer. „Unser Team sitzt nicht mehr an der Anmeldung, sondern dort, wo menschliche Kompetenz wirklich zählt“, so Kaiser. Viele Patientinnen und Patienten empfänden den Ablauf als angenehmer als eine klassische Anmeldung „mit Wartebereich und Schlangenbildung“.

Eine Ärztin sitzt einer Patientin gegenüber und hört zu. In ihrer Hand hält sie ein Smartphone, auf dessen Bildschirm ein Mikrofon-Symbol zu sehen ist.
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Medizinische Analyse eines menschlichen Körpers auf einem transparenten Bildschirm.
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Künstliche Intelligenz schreibt mit

Der Würzburger Hausarzt Dr. Florian Rasche entwickelt unter dem Namen Asklaion kostenlose Anwendungen für den Praxisalltag. „Asklaion Medical Scribe“ beispielsweise transkribiert Arzt-Patienten-Gespräche und erstellt daraus automatisch eine Zusammenfassung, die anschließend in das Praxisverwaltungssystem übernommen und bearbeitet werden kann. Nach Angaben von Asklaion erfolgt die Verarbeitung lokal – „keine Daten verlassen die Praxis“.

Für medizinische Entscheidungen ist die Anwendung nicht vorgesehen. Asklaion weist darauf hin, dass die Software kein Medizinprodukt ist und „ausschließlich organisatorischen und administrativen Zwecken“ dient. Auch andere Anwendungen zielen auf Routinetätigkeiten. „FaxFinity“ analysiert beispielsweise eingehende Faxe und benennt Dateien automatisch nach ihrem Inhalt. „Das eigentliche Lesen und Verarbeiten muss weiterhin ein Mensch übernehmen“, heißt es auf der Webseite.

Entlastung muss sich im Alltag zeigen

Ob Automatisierung tatsächlich entlastet, wird erst im Arbeitsalltag deutlich. Eine im April 2026 im Fachjournal JAMA veröffentlichte Beobachtungsstudie untersuchte 8.581 ambulant tätige Behandelnde an fünf akademischen Gesundheitseinrichtungen in den USA. 1.809 von ihnen hatten Zugang zu KI-gestützten Dokumentationsassistenten. Dieser Zugang war mit durchschnittlich 13,4 Minuten weniger Zeit im elektronischen Dokumentationssystem und 16 Minuten weniger Dokumentationszeit je acht Stunden geplanter Patientenversorgung verbunden. Die Zahl der Patientenkontakte stieg um durchschnittlich 0,49 pro Woche. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lässt sich daraus kein unmittelbarer Ursache-Wirkungs-Zusammenhang ableiten. Die Ergebnisse sprechen für eine moderate Entlastung bei der Dokumentation, zeigen aber zugleich, dass daraus nicht automatisch deutlich mehr Patientenkontakte entstehen.

Wie solche Systeme in den Klinikalltag eingebunden werden können, zeigt auch das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Dort unterstützt die KI-Anwendung „ARGO Clinical Letters“ Ärztinnen und Ärzte seit Mitte 2024 bei der Ausarbeitung von Arztbriefen. Das System erstellt auf Basis vorhandener Patientendaten einen Entwurf, der anschließend von den behandelnden Ärztinnen und Ärzten kontrolliert und bei Bedarf angepasst wird.

Professor Dr. Christian Gerloff, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), verweist im Zukunftsplan 2050 des Krankenhauses auf die Bedeutung einer patientenorientierten Digitalisierung. „Das UKE wird digitaler werden. Aber die Digitalisierung hat keinen Selbstzweck. Jede Maßnahme wird sich am Nutzen für unsere Patient:innen messen lassen müssen.“

Menschliche Kontrolle bleibt entscheidend

„Nicht jede digitale Neuerung ist automatisch ein Gewinn für die Versorgung“, sagte Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, beim 130. Deutschen Ärztetag im Mai 2026 in Hannover. Die Delegierten sprachen sich dafür aus, neben dem medizinischen Nutzen auch die organisatorischen und zeitlichen Auswirkungen von KI auf Abläufe in Praxen und Kliniken zu untersuchen. Dabei sollen auch Risiken durch Fehlinterpretationen, übermäßiges Vertrauen und Automationsbias berücksichtigt werden. Bei Hochrisiko-KI-Systemen soll die Entscheidungshoheit beim Menschen bleiben. Ärztinnen und Ärzten müsse es möglich sein, „die Ausgabe des Systems außer Acht zu lassen“ und „den Betrieb unterbrechen zu können“, heißt es in einem Beschluss.

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