Den Wert von Impfungen stärker hervorheben
Immer weniger Menschen in Deutschland lassen sich impfen. Und dies, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung einer Impfung positiv gegenübersteht, wie jüngst eine Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) darlegte. Falschinformationen, Mythen und Angst vor Nebenwirkungen sorgen für Misstrauen und Verunsicherung. Doch es gibt Experten zufolge Wege, die analogen und digitalen Hürden zu überwinden und durch neue Ansätze die Impfbereitschaft zu steigern.
„Die empfohlenen Impfungen für Erwachsene werden zu selten genutzt“, schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) in seiner Studie zum Impfverhalten in Deutschland (IMPRESS). In der Saison 2024/2025 hätten sich lediglich 34 Prozent der Menschen ab 60 Jahren gegen Influenza schützen lassen – der tiefste Stand seit 17 Jahren. In der vorhergehenden Saison seien es noch 38 Prozent gewesen. Dies liegt weit unterhalb der von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Quote von 75 Prozent.
„Deutschland verfehlt seit Jahren die von der WHO empfohlenen Impfquoten,“ sagt Professor Reinhold Roski zu G+G. Die Realität sei ernüchternd. Der Experte und Herausgeber des “Monitor Versorgungsforschung” sieht Defizite bei der bisherigen Impfkommunikation. Die Zusatznutzen einer Impfung, nämlich der Schutz vor Sekundärkomplikationen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Demenz, würden viel zu wenig thematisiert. Dieser Ansatz könnte gerade bei Älteren und Risikogruppen wirken. „Diese Gruppen profitieren am meisten von Impfungen, werden aber mit einer auf Gemeinschaftsschutz ausgerichteten Botschaft nicht ausreichend angesprochen.“
Impfungen vermeiden Folgekomplikationen
Dr. Carolin Fleischmann vom Universitätsklinikum Jena legte unlängst bei einem Kongress in Berlin den Zusammenhang zwischen Infektionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen dar. Im ersten Monat nach einer Grippe habe ein Patient ein fünffach erhöhtes Schlaganfallrisiko, das Risiko für einen Herzinfarkt sei viermal so hoch. Auch andere Virusinfektionen wie Herpes zoster oder Corona steigerten die Wahrscheinlichkeit für eine kardiovaskuläre Komplikation deutlich. „Impfungen schützen über die Infektionsprävention hinaus vor kardiovaskulären Erkrankungen“, resümierte sie. Die Evidenz sei unterschiedlich stark, es zeige sich jedoch konsistent ein präventiver Effekt der Immunisierungen, besonders bei Risikogruppen.
Eine Umfrage unter älteren beziehungsweise vorerkrankten Patienten in Deutschland habe jedoch ergeben, dass nur 40 Prozent von ihnen über diesen Schutz informiert seien, führte Fleischmann aus. Sie verwies auf die „Nudge-Flu“-Studie aus Dänemark. Dort seien Influenza-Impfraten gestiegen, wenn Menschen in einer elektronischen Mitteilung über die kardiovaskulären Vorteile informiert worden waren. Das Wissen um diesen Zusatznutzen sollte daher bei Impfberatung und für Kampagnen genutzt werden.
„Impfungen sind eine Investition“, sagte Dr. Maike Schmitt vom Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR in Darmstadt. Unzureichende Impfquoten erzeugten erhebliche Kosten auch jenseits der individuellen Krankheitslast, etwa durch Einbußen bei der Produktivität. „Wenn die Gesundheit nicht läuft, dann haben wir in der Wirtschaft Probleme“, mahnte die Wirtschaftswissenschaftlerin.
Leere Kassen, Impfungen sparen Geld
Die sinkenden Impfraten in Deutschland seien eine „Katastrophe“, sagte die Infektiologin Irit Nachtigall bei der Tagung. Internationale Modellierungen zeigten, dass Impfungen gegen Humane Papillomviren (HPV), Pneumokokken, Influenza, Corona, das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) oder Meningokokken nicht nur Krankheitslast und Sterblichkeit deutlich reduzierten, sondern langfristig erhebliche direkte und indirekte Kosten einsparten. Besonders ausgeprägt sei der wirtschaftliche Nutzen bei älteren Menschen und Risikogruppen, weil Krankenhauseinweisungen, Intensivbehandlungen und Langzeitfolgen verhindert werden könnten. „Impfen ist nicht nur medizinisch sinnvoll, sondern auch gesundheitsökonomisch tragfähig und gesellschaftlich hochrentabel“, betonte die Professorin von der Medical School Berlin. Die Krankenkassen müssten ihre Versicherten gezielter ansprechen. Nachtigall verwies auf das Beispiel Israels. Große Versicherer wie Clalit würden automatisch Erinnerungsschreiben für Routineimpfungen etwa gegen Grippe per E-Mail oder SMS verschicken. „Wir müssen mehr präventiv tun. Die Kassen sind leer.“
Impfungen einfacher machen
Der Hausarzt und Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Schneider-Rathert sieht vor allem analoge Hindernisse beim Impfen. Als Hausarzt bekomme er „pro Impfung ungefähr zehn Euro“, berichtete er in Berlin. Die Zeit, die er für die Aufklärung von Patientinnen und Patienten brauche, könne er nicht abrechnen. Hier müsse es dringend eine Pauschale geben. Auch der einfache Bezug von Vakzinen sowie weniger Bürokratie seien wichtig, um das Impfen in der Hausarztpraxis einfacher zu machen. Die meisten Impfungen würden schließlich dort stattfinden.
Mitwirkende des Beitrags
Agnes Tandler
Autorin
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