Gesundheitliche Hilfe im Schulalltag
Ob Bauchweh, Sportverletzungen oder Atemnot: Gesundheitsprobleme gehören zum Schulalltag. Doch Deutschland hat so gut wie keine Gesundheitsfachkräfte, die an den mehr als 30.000 Schulen helfen und Eltern und Lehrern mehr Sicherheit geben können. Experten fordern, diese Lücke zu schließen und sogenannte School Nurses flächendeckend zu etablieren. Schulgesundheitspflege könne neben der akuten Versorgung kranker Kinder auch zur Gesundheitsförderung und Prävention beitragen, argumentieren sie.
Um die 150 Schulgesundheitspflegefachkräfte arbeiten in Deutschlands an öffentlichen Schulen, wie der Bericht eines interdisziplinären Expertenrats darlegt. Die meisten von ihnen sind nur im Rahmen von Modellprojekten tätig. Mit 50 School Nurses liegt Hessen vorne. Sechs Bundesländer, darunter die beiden bevölkerungsreichsten Länder Bayern und Nordrhein-Westfalen, haben keine. Dagegen arbeiten an den meisten privaten Schulen in Deutschland School Nurses. In Deutschland „sind wir blank“, sagte Heidrun Thaiss, Professorin für Health Promotion an der TU München und Mitglied des Expertenrates, unlängst bei einer Veranstaltung in Berlin. Sie verwies auf das Nachbarland Belgien, das zwölf Millionen Einwohner und 3.300 Schulgesundheitsfachkräfte habe. Auch in vielen anderen europäischen Ländern gehörten die School Nurses zum Alltag.
Vielzahl von Aufgaben neben der rein medizinischen Versorgung
Gesundheitsfachkräfte an Schulen leisten Erste Hilfe bei Verletzungen und plötzlich auftretenden Erkrankungen. Sie betreuen aber auch chronisch kranke Kinder, die beispielsweise an Asthma oder Diabetes-Typ 1 leiden. Der Bericht streicht heraus, dass die School Nurses auch eine Vielzahl von Aufgaben neben der rein medizinischen Versorgung erfüllen. Sie setzen etwa Gesundheitsförderungs- und Präventionsmaßnahmen um, stärken gesundheitsbewusstes Verhalten, beraten Schüler, Eltern und Lehrkräfte und ermöglichen auch den Zugang zu Gesundheitsleistungen, etwa von sozial benachteiligten Kindern.
„Gesundheit wartet nicht, bis die Schule aus ist“, betont Nadine Haunstetter, Schulgesundheitsfachkraft in Stuttgart. „Wir machen sehr viel Prävention. Vorsorge beginnt nicht erst mit 35.“ Haunstetter verweist neben der Vielseitigkeit ihrer Arbeit auch auf die Entlastungsfunktion des Berufs. Gesundheitsfachkräfte könnten gesundheitliche Probleme einschätzen. So könnten unnötige Arztbesuche oder Rettungseinsätze vermieden werden. Auch Eltern und Lehrkräfte würden auf diese Weise entlastet.
School Nurses reduzieren Gesundheitskosten
Untersuchungen zeigen, dass der Einsatz von School Nurses Gesundheitskosten senkt. Dies belegen auch Evaluierungen von Modellprojekten in Deutschland, die von den Unfallkassen der Länder Brandenburg und Hessen und dem Hessischen Kultusministerium vorgenommen wurden. In hessischen Gymnasien konnten die Einsätze der Rettungswagen um 46 Prozent reduziert werden. An hessischen Gesamtschulen verminderten sich die Einsätze um 64 Prozent. Auch an Brandenburger Grundschulen mit School Nurses wurden im Schnitt weniger Rettungswagen gerufen. Die Einsätze sanken um 16 Prozent. An den Oberschulen waren 13 Prozent weniger Einsätze pro 100 Schüler im Jahr notwendig.
Auch fielen in Schulen mit Schulgesundheitspflegekräften weniger Heilbehandlungskosten bei einem Unfall an. An hessischen Schulen mit einer School Nurse war der Aufwand im Durchschnitt 14 Prozent geringer als an den Vergleichsschulen. Eine Studie der Universität Mainz an 24 Grundschulen in Rheinland-Pfalz sieht Belege für eine deutliche Verbesserung von Gesundheitskompetenz bei Schülerinnen und Schülern, wenn in ihrer Schule Fachpersonal arbeitet. Sechs Monate nach Beginn des Projektes stieg die Kompetenz um 57 Prozent, nach einem Jahr lag sie um 75 Prozent höher.
Hilfe für chronisch kranke Kinder
„Die Evidenz für den positiven Effekt von Schulgesundheitsfachkräften in Deutschland ist hoch“, sagte Professor Andreas Neu, Kinderdiabetologe und Vorstandsmitglied der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Rund 15 Prozent aller Schülerinnen und Schüler seien von chronischen Krankheiten betroffen. Die Belastungen für betroffene Familien seien oft hoch. Als exemplarisch nannte Neu Diabetes Typ 1. Gerade jüngere Kinder seien in der Regel mit dem Management der Krankheit überfordert. Auch Lehrkräfte könnten und wollten diese Verantwortung nicht übernehmen. Nach einer solchen Diagnose würden 15 Prozent der Mütter ihre Berufstätigkeit aufgeben und zwölf Prozent reduzierten ihre Arbeitszeit. Eine School Nurse könne Kinder, Eltern und Lehrer im Umgang mit der Erkrankung unterstützen, Symptome für Über- und Unterzuckerung erkennen und bei Notfällen rasch handeln.
Bundesweite Etablierung gefordert
Der Expertenrat fordert eine bundesweit verlässliche, gesetzlich verankerte und dauerhaft finanzierte Schulgesundheitspflege. Dazu gehörten einheitliche Qualifikationsstandards, klare Aufgabenprofile, rechtliche Sicherheit, wissenschaftliche Evaluation und eine enge Einbindung in multiprofessionelle Teams sowie den Öffentlichen Gesundheitsdienst. Für die Finanzierung schlägt der Rat eine Kostenbeteiligung von Bund, Ländern, Kommunen, Krankenkassen, Unfallkassen und Arbeitgebern vor. Die Schulgesundheitspflege erfährt momentan eine erhebliche Aufmerksamkeit. In einem Memorandum fordern auch der BKK-Dachverband, die Bundesschülerkonferenz, der Bundeselternrat und der Deutsche Pflegerat die bundesweite Etablierung von Schulgesundheitsfachkräften.
Mitwirkende des Beitrags
Agnes Tandler
Autorin
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