Artikel Versorgung

Die stille Bedrohung

24.06.2026 Martina Merten 8 Min. Lesedauer

Die metabolische Fettleber betrifft Millionen Menschen, bleibt aber oft außerhalb klarer Versorgungsstrukturen. Nach der Anerkennung durch die Weltgesundheitsversammlung stellt sich auch für Deutschland die Frage, wie Prävention, Früherkennung und fachübergreifende Behandlung besser zusammenspielen können.

Ein Arzt im weißen Kittel erklärt während einer medizinischen Beratung einem Patienten ein anatomisches Modell von Leber und Bauchspeicheldrüse und zeigt dabei mit einem Stift auf die Leber.
Die Fettleber wird vom unterschätzten Zufallsbefund zum Public-Health-Thema: Prävention, Früherkennung und Versorgung sollen besser zusammenspielen.

Nichtübertragbare Erkrankungen (NCDs) führten weltweit lange ein Schattendasein. Aktionspläne der Weltgesundheitsorganisation WHO haben dies schrittweise ändern können. Nun ist ein weiterer Meilenstein gelungen: Ende Mai hat die Weltgesundheitsversammlung WHA die metabolische Fettlebererkrankung als eine der am schnellsten wachsenden globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts im NCD-Bereich anerkannt – und damit eine große Lücke geschlossen, sagen Experten. Auch für Deutschland ist das relevant: Hier ist bereits heute jeder vierte Erwachsene von einer metabolischen Fettleber betroffen. Zugleich bleibt die Erkrankung häufig unerkannt, fällt zwischen verschiedene Fachdisziplinen und kann langfristig erhebliche Folgekosten verursachen.

Weltweit ist eine von drei erwachsenen Personen von einer metabolischen Fettleber betroffen – und weiß dies im Zweifelsfall nicht einmal. Fachkreise bezeichnen die metabolische Fettleber als MASLD (siehe Infokasten). 

„Es ist eine weitgehend unerkannte Krankheit“, unterstreicht Jeff Lazarus, Professor an der CUNY Graduate School of Public Health and Health Policy in New York. Dabei hängt sie mit den großen gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit zusammen: Fettleibigkeit, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Gerade deshalb rückt die Erkrankung zunehmend auch als versorgungspolitisches Thema in den Blick: Es geht nicht nur um die Leber, sondern um Prävention, Früherkennung und die bessere Verzahnung der Versorgung.

Risiko ohne Schmerz

Für Lazarus und seine Mitstreiter am Barcelona Institute for Global Health und dem dortigen Thinktank für steatotische Lebererkrankungen/SLD, dem er vorsteht, war daher der 22. Mai ein ganz besonderer Tag: An diesem Freitag hat die WHA, das höchste Entscheidungsorgan der WHO, steatotische Lebererkrankungen als wachsende globale Bedrohung anerkannt. Gleichzeitig hat sie alle Mitgliedstaaten dazu aufgerufen, die metabolische Fettlebererkrankung in ihre nationalen Strategien zur Bekämpfung chronischer Erkrankungen aufzunehmen – „eine unverzichtbare Grundlage für Prävention, Früherkennung, integrierte Versorgung und politische Rechenschaftspflicht“, findet Public-Health-Experte Lazarus. Die internationale Anerkennung setzt damit einen politischen Rahmen für eine Frage, die sich auch in Deutschland stellt: Wie lässt sich eine häufige, aber lange symptomlose Erkrankung früher erkennen und sinnvoll in bestehende Präventions- und Versorgungsstrukturen einbinden?

Obwohl die Prävalenz der vielschichtigen Erkrankung für sich spricht, führt sie bislang eher ein Schattendasein. Ihre Symptomlosigkeit macht sie zum Feind der Patienten, aber auch vieler Ärzte: „Aufgrund der fehlenden Schmerzen bei den Patienten ist es meist ein Zufallsbefund“, sagt Münevver Demir gegenüber G+G. Die Fachärztin für Innere Medizin und Gastroenterologie ist leitende Oberärztin und Standortleiterin am Campus Virchow-Klinikum der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Ihrer Ansicht nach mangelte es lange an interdisziplinären Leitlinien. „Die Verzahnung der verschiedenen Fachrichtungen – Diabetologie, Kardiologie und Hepatologie – funktionierte nicht.“ Seit 2024 gibt es eine europäische Leitlinie zur MASLD; diese gilt als wissenschaftliche Basis für evidenzbasiertes Handeln und wird von den nationalen Fachgesellschaften der Mitgliedstaaten adaptiert und in nationale Leitlinien überführt.

„Aufgrund der fehlenden Schmerzen bei den Patienten ist es meist ein Zufallsbefund.“

Münevver Demir

Leitende Oberärztin und Standortleiterin für Gastroenterologie am Campus Virchow-Klinikum der Charité

Versorgung ohne Lotsen

Fehlende Verzahnung kritisiert auch Scott Isaacs, Endokrinologe von der Emory University School of Medicine in Georgia. „Es handelt sich um eine systemische Erkrankung, die einen ganzheitlichen Ansatz erfordert“, sagt Isaacs. Das bedeute auch mehr Fortbildung an vorderster Front. „Wir als Ärzte müssen die Erkrankung besser diagnostizieren können“, und dann in Abstimmung mit Kollegen behandeln, ergänzt Holly Lofton, Internistin und Leiterin eines medizinischen Gewichtsmanagementprogramms an der NYU Grossman School of Medicine. Es gebe nicht die eine Fachrichtung, die für SLD-Patienten zuständig sei, bestätigt Lofton die Einschätzung der deutschen Gastroenterologin Demir. 

Für die Versorgung bedeutet das: Hausärztliche, diabetologische, kardiologische und hepatologische Perspektiven müssten stärker zusammengedacht werden – vor allem bei Patientinnen und Patienten mit Adipositas, Diabetes oder anderen metabolischen Risikofaktoren.

Das Problem ist jedoch nicht allein von der Ärzteschaft zu lösen. Auch die Politik ist nun an der Reihe. Denn es scheitert nicht nur am Erkennen der Erkrankung und an der Absprache zwischen den Fachrichtungen. Auch Fragen der Versorgung und Finanzierung sind vielerorts noch ungeklärt – so auch in den Vereinigten Staaten, erklärt SLD-Thinktank-Ko-Direktor Naim Alkhouri. Der Leiter des Fettleberprogramms am Institut für klinische Forschung in Ohio sieht den Staat und Versicherungen in der Pflicht, SLD in die Leistungskataloge aufzunehmen. „Liver Health Covered for All“ – angelehnt an Universal Health Coverage – lautet das Ziel seiner Ideenfabrik. Auch in Deutschland stellt sich die Frage, welche Rolle nichtinvasive Verfahren wie der FibroScan in der Früherkennung und Risikostratifizierung von SLD spielen sollten. Solche Verfahren können Hinweise auf eine fortgeschrittene Fibrose geben; ihre Einbindung in die Regelversorgung hängt jedoch von Indikation, Nutzenbewertung und Versorgungsbedarf ab. Für Demir verweist die Debatte auf ein grundsätzliches Problem: Früherkennung, fachübergreifende Steuerung und Finanzierung werden bei SLD bislang nicht systematisch zusammengedacht.

Dass politischer Wille entscheidend sein kann – vor allem in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen –, zeigt das Beispiel Ägypten. Zehn Prozent aller Ägypter zwischen 15 und 59 Jahren, so ging aus der dortigen Bevölkerungs- und Gesundheitserhebung aus dem Jahr 2008 hervor, waren mit Hepatitis C infiziert – einer Viruserkrankung, die zu einer Leberentzündung führt. Eine Regierungskommission beschloss, die Preise für das verfügbare Lebermedikament zu senken. Weitere Investitionen in die lokale Herstellung des Präparats, dadurch bedingte weitere Preissenkungen und die Ausstattung vieler Kliniken mit Hepatitis-Zentren brachten weitere Erfolge. 

Der Durchbruch, erzählt Mohamed Hassany, Referent des Gesundheitsministers für Projekte und Initiativen im Bereich der öffentlichen Gesundheit im Ministerium für Gesundheit und Bevölkerung (MoHP), gegenüber G+G, kam durch einen großen Weltbankkredit im Jahr 2018: Mithilfe dieses Geldes konnte die Regierung in groß angelegte Aufklärungskampagnen investieren. Die Erfolge bezogen sich zunächst auf Hepatitis C: Die Prävalenz fiel von zehn auf 0,38 Prozent bis 2022, die durch Hepatitis C verursachte Todesrate sank gegenüber 2018 um 55 Prozent. Für die Debatte um steatotische Lebererkrankungen ist das Beispiel relevant, weil es zeigt, wie Lebergesundheit durch politische Priorisierung, Finanzierung, Aufklärung und systematische Früherkennung auf die Public-Health-Agenda gehoben werden kann. Die Regierung Ägyptens arbeitet derzeit an einer standardisierten, bevölkerungsbezogenen Erhebung (STEPS survey 2026), mit der die Risikofaktoren für NCDs erfasst werden. Sie beinhaltet Kennzahlen wie Tabakkonsum, Adipositas, Blutdruck und Cholesterinwerte. Eine erste solche Erhebung wurde 2017 durchgeführt.

Der lange Weg auf die Weltgesundheitsagenda

Bis 2010 standen global vor allem Infektionskrankheiten im Fokus. Erst 2013 legte die Weltgesundheitsorganisation WHO mit ihrem NCD-Aktionsplan 2013–2020 konkrete Ziele zur Senkung der vorzeitigen Sterblichkeit durch nichtübertragbare Krankheiten vor. Im Mittelpunkt standen Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Atemwegserkrankungen und Diabetes; die Fettleber wurde nicht genannt. Zu den WHO-Instrumenten gehörten die „Best Buys“ – wissenschaftlich fundierte, kosteneffektive Maßnahmen gegen chronische Erkrankungen.

2019 verlängerte die WHO den Aktionsplan bis 2030. Auch darin spielte die steatotische Lebererkrankung (SLD) zunächst keine Rolle. Stärker berücksichtigt wurden nun unter anderem psychische Gesundheit, neurologische Erkrankungen, Luftverschmutzung und Zahngesundheit.

Der politische Durchbruch kam am 22. Mai 2026 bei der 79. Weltgesundheitsversammlung: Stoffwechsel- und Lebererkrankungen wurden offiziell als eine der am schnellsten wachsenden globalen NCD-Herausforderungen anerkannt und in den globalen NCD-Aktionsplan integriert. Nun ist es an den Mitgliedstaaten, SLD in nationale Präventions- und Kontrollprogramme aufzunehmen.

Auch wissenschaftlich rückt das Thema stärker in den Fokus: „The Lancet“ veröffentlicht eine vierteilige Reihe zu Fettlebererkrankungen – darunter Einblicke in Versorgungsmodelle für MASLD/MASH, politische Lösungsansätze in Europa, in die Alkoholreduktion bei alkoholbedingter Fettleber sowie Hepatitis B und C im Kontext von SLD.

Kosten ohne Vorsorge

Stichwort Kosten. Einer kürzlich veröffentlichten Studie in der Zeitschrift „Clinical Gastroenterology and Hepatology“ zufolge, in der Wissenschaftler die voraussichtlichen klinischen, humanitären und wirtschaftlichen Auswirkungen von MASH-Erkrankungen untersuchten, tun Länder gut daran, in die Prävention zu investieren: Die direkten jährlichen medizinischen Kosten werden sich in Deutschland der Studie nach voraussichtlich von 0,83 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021 auf 1,92 Milliarden US-Dollar im Jahr 2040 mehr als verdoppeln – damit liegt Deutschland zwar hinter den USA, Brasilien und Japan, aber leicht vor Großbritannien, Italien, Frankreich und Spanien. Für das deutsche Gesundheitssystem stellt sich damit nicht nur eine medizinische, sondern auch eine ökonomische Frage: Je später fortgeschrittene Leberveränderungen erkannt werden, desto größer können Behandlungsaufwand, Folgeerkrankungen und Versorgungskosten werden. Prävention und frühe Risikostratifizierung sind deshalb nicht allein individuelle Gesundheitsfragen, sondern auch Fragen der langfristigen Systembelastung.

José Maria Prats hätte von Prävention profitiert. Mit 38 erfuhr der ehemalige Navy-Pilot, dass er an einer metabolischen Fettleber erkrankt war. Stress im Beruf, ungesunde Ernährung und Gewichtszunahme taten ihr Übriges. Die Erkrankung schritt fort, es kam zur Leberfibrose, dann zur Zirrhose. Prats erhielt eine neue Leber. „Heute, mit 67 Jahren, beinahe 30 Jahre später, kann ich endlich normal leben. Heute weiß ich, wie ich gesund lebe.“

Prävalenz und Nomenklatur der Fettlebererkrankungen

Steatotische Lebererkrankungen (SLD) umfassen verschiedene Formen einer verfetteten Leber. Dazu zählt MASLD, die Metabolic Dysfunction-Associated Steatotic Liver Disease, also eine mit Stoffwechselstörungen verbundene Fettleber. Die entzündliche Verlaufsform innerhalb dieses Spektrums heißt MASH, Metabolic Dysfunction-Associated Steatohepatitis.

Alkoholbedingte Lebererkrankungen werden als Alcohol-Associated Liver Disease (ALD) bezeichnet. Kommen erhöhter Alkoholkonsum und metabolische Risikofaktoren wie Adipositas oder Diabetes zusammen, spricht man von MetALD.

Weltweit leben rund 30 Prozent der Erwachsenen mit MASLD; bei Menschen mit Adipositas sind es etwa 57,5 Prozent. In Deutschland ist derzeit etwa jeder vierte Erwachsene betroffen. Bis 2030 rechnet die Deutsche Leberhilfe mit einem Anstieg auf rund 30 Prozent.

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