Primärversorgung: Ärzte warnen vor „Riesenbauchlandung“
Fach- und Hausärzte sind sich uneins über ihre Rolle in dem von der Bundesregierung geplanten Primärversorgungssystem. Der Virchowbund warnte heute vor einem starren Hausarzt-Modell als Tor zur Versorgung. Damit drohe Patienten ein Flaschenhals, weil die Praxen überrannt würden, sagte der Vorsitzende Dirk Heinrich bei der Hauptversammlung des Verbandes. Hausärzte seien auch „keine Disko-Türsteher“ des Gesundheitssystems. Dagegen will der Hausärzteverband Haus- und Kinderärzte als erste Anlaufstelle festlegen. Unterdessen könnte sich der avisierte Gesetzentwurf zur Primärversorgung weiter verzögern. Die Berichterstatterin für die ambulante Versorgung der SPD-Bundestagsfraktion, Lina Seitzl, nannte nun als Termin „noch vor Weihnachten“. Eigentlich war der Referentenentwurf bereits für Sommer angekündigt, zuletzt hieß es bis Ende November.
Heinrich machte sich für eine verpflichtende digitale Ersteinschätzung und für einen steuernden Koordinationsarzt stark. Dieser sei in der Regel der Hausarzt, könne aber bei chronisch oder komplex erkrankten Patienten auch ein Facharzt sein. Er forderte, Patienten finanziell zu sanktionieren, die ohne medizinische Not von den vorgegebenen Versorgungspfaden abwichen. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, warnte vor einer „Riesenbauchlandung“, sollte das Gesetz nicht gut gemacht sein. Zugleich dämpfte er Hoffnungen, die Primärversorgung werde die Zahl der Facharztbesuche spürbar senken. Heinrich verwies auf Umfragen, nach denen in Ländern mit Primärversorgung sogar mehr Patienten über zu lange Wartezeiten klagten als in Deutschland. Als „Märchen“ stufte er auch Aussagen des Hausärzteverbandes ein, hausärztliche Primärversorgungspraxen könnten künftig 80 bis 90 Prozent der Patientenanliegen abschließend behandeln.
Unterdessen brodelt der Unmut in der Ärzteschaft über die jüngsten Spargesetze und den Schlingerkurs etwa bei den Hybrid-DRGs weiter. Die Ärzte trauten der Politik „nicht mehr über den Weg“, sagte Heinrich. Ellen Lundershausen, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, bestätigte das. „Den Kollegen steht es bis oben hin.“ Es gebe Regionen, in denen Ärzte ihre Kassenzulassung zurückgäben, berichtete Gassen. „Wenn uns die Praxen wegbrechen, dann können wir nicht mehr sicherstellen.“ Seitzl und der Unions-Gesundheitsexperte Hans Theiss verteidigten hingegen die schwarz-rote Politik. Theiss mahnte, die ohnehin schwierige Debatte nicht weiter aufzuheizen. „Wer in der Gesundheitspolitik Beifall erwartet, der ist da falsch“, meinte Seitzl.
Parallel zum Virchowbund tagt heute und morgen auch die Hauptversammlung der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Ein Hauptthema ist der Umgang mit medizinischen Desinformationen und Deep Fakes in sozialen Medien. (cm)
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