Arbeiten mit Krankheit als neue Realität
Gesund arbeiten bis zur Rente – so lautet der Wunsch der meisten Beschäftigten. Und auch die Politik definiert dies gemeinhin als Normalfall. Doch für viele ältere Arbeitnehmende bleibt das Modell ein Wunschtraum, wie Professor Hans Martin Hasselhorn von der Bergischen Universität Wuppertal (BUW) betont. Die Gesellschaft müsse einer neuen Normalität ins Auge sehen.
„Erwerbstätigkeit mit Krankheit ist inzwischen Realität in den Betrieben“, sagt Hasselhorn, der den Lehrstuhl für Arbeitswissenschaft an der BUW leitet, zu G+G. Der Grund: Die Gruppe der Arbeitnehmenden wird immer kleiner und älter. Anders als früher würden ältere Beschäftigte mit gesundheitlichen Einschränkungen auch nicht mehr so oft im Rahmen von Frühverrentungsprogrammen vorzeitig in den Ruhestand geschickt.
Sieben Millionen Ältere arbeiten mit angeschlagener Gesundheit
Der Wissenschaftler und sein Team beobachten seit 2011 ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Rahmen der „lidA-Studie“ („leben in der Arbeit“) auf ihrem Weg in den Ruhestand. In der aktuellen Befragung (2022/23) zeigte sich, dass sich 62 Prozent der älteren Beschäftigten bei anstrengenden Tätigkeiten durch ihren Gesundheitszustand im Alltag beeinträchtigt fühlen. Nur etwa jeder Zweite bezeichnete die eigene Gesundheit als „gut“ oder „sehr gut“ (53 Prozent). 47 Prozent beschrieben sie als sehr schlecht, schlecht oder zufriedenstellend. „Das bedeutet, dass sieben der 15 Millionen Beschäftigten zwischen 50 und 64 Jahren erwerbstätig sind, obwohl ihre Gesundheit nicht gut ist“, rechnet Hasselhorn vor.
In der Gruppe derjenigen, die über acht Jahre konstant keine gute Gesundheit berichteten, finden sich vermehrt ältere Beschäftigte (Jahrgang 1959) sowie Menschen mit niedrig qualifizierten beziehungsweise manuellen Tätigkeiten. Nur ein Drittel aller Berufstätigen im Fahrzeugbau etwa weist laut „lidA“-Erhebung eine (sehr) gute Gesundheit aus. Nicht viel höher ist der Wert bei Lagerarbeitern, bei Fachkräften auf dem Bau, in Forst und Gartenbau sowie in der Altenpflege. Dagegen liegt der Anteil bei akademischen Berufen, die mit Menschen arbeiten (etwa Ärztinnen und Ärzten), bei 69 Prozent. Auf ähnlich hohe Werte (67 Prozent) kommen Beschäftigte im Bereich Controlling/Revision, Steuerberaterinnen, Lehrer und Beschäftige in der Unternehmensorganisation und -strategie.
„Oft helfen schon Kleinigkeiten“
„Betriebe sollten sich darauf einstellen, dass ihre älteren Mitarbeitenden auch gesundheitliche Einschränkungen haben“, fordert Hasselhorn. Die meisten Älteren könnten trotz Einschränkungen ihre Arbeit aber gut erledigen und wiesen keine erhöhten Fehlzeiten auf. Aber manche benötigten früher oder später Hilfe, um ihre Arbeit gut zu schaffen. Oft seien schon Kleinigkeiten hilfreich, wie etwa die ergonomische Anpassung des Arbeitsplatzes oder flexiblere Arbeitszeiten. „Die Kunst ist, es Menschen zu ermöglichen, trotz Krankheit gut und zufrieden bis zur Rente zu arbeiten.“ Dazu komme es auf eine „gute Führung“ der älteren Beschäftigten an. Aber auch Prävention im Betrieb während des gesamten Erwerbslebens sei wichtig.
Ein Problem sieht Hasselhorn darin, dass sich viele Beschäftigte mit angeschlagener Gesundheit nicht trauten, diese im Betrieb anzusprechen. „Sie glauben, sie wären mit ihren Problemen allein und müssten bei ihrer Arbeit selber damit zurechtkommen.“ Idealerweise redeten Beschäftigte mit ihren Vorgesetzten über die Einschränkungen und erörterten, wie sich die Arbeit anpassen lässt. Allerdings könnten nicht alle Beschäftigte davon ausgehen, dass ihnen daraus keine Nachteile erwüchsen. Die letzten Arbeitsjahre würden von vielen leider oft nur als „Übergang“ angesehen. Gut für die Beschäftigten wie die Betriebe wäre es dagegen, wenn die Arbeit so gestaltet wäre, dass sie zu „wertvollen Lebensjahren“ würden, hält Hasselhorn entgegen.
Niederlande als Vorbild
Die Befragungswelle 2022/2023 habe gezeigt, dass jeder sechste Erwerbsminderungsrentner auch deswegen früh aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sei, weil er sich aus dem Arbeitsleben herausgedrängt fühlte, vor allem von der Führungsebene. Wer mit seinen gesundheitlichen Problemen daher nicht gleich zum Vorgesetzten oder Schwerbehindertenbeauftragten gehen wolle, der könne sich auch an den Betriebsarzt oder die Betriebsärztin werden, rät Hasselhorn. Sie stünden unter Schweigepflicht und könnten viel bewegen.
Der Forscher fordert, die arbeitswissenschaftliche Forschung in Deutschland müsse sich vermehrt dem Thema „Arbeiten mit Krankheit“ widmen. Politik und Betriebe sollten Entscheidungen vermehrt auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse treffen können. Die Niederlande seien da deutlich weiter. Die Arbeitgeber müssten ihren Beschäftigten dort etwa im Krankheitsfall den Lohn für zwölf Monate weiterbezahlen. Dadurch hätten sie ein großes Interesse, dass die Beschäftigten nicht krankheitsbedingt ausfielen – und wenn doch, dass sie möglichst schnell wieder in den Betrieb zurückkehrten. „Daher wird dort schon früh in der Zeit der Arbeitsunfähigkeit ein Konzept zur Wiedereingliederung erarbeitet“, so Hasselhorn. In Schweden sei es ähnlich. Deswegen empfehle er das Modell auch für Deutschland. Wichtig sei, dass es für alle Beteiligten – für den Betrieb ebenso wie für die betroffenen Beschäftigten und die Krankenkassen – einen „wirklichen Anreiz“ gebe, die Arbeitsunfähigkeit frühzeitig und nachhaltig zu beenden. Das sei heute überhaupt nicht der Fall.
Betriebliche Gesundheitskultur etablieren
Betriebliche Maßnahmen zur Förderung von Gesundheit und Arbeitsfähigkeit würden von fast allen Beschäftigten, die sie erhielten, als hilfreich bewertet, fügt der Experte hinzu. Doch obwohl sich zwei Drittel aller älteren Beschäftigten solche Maßnahmen wünschten, habe nur jeder sechste welche angeboten bekommen. Seit 2004 sind Arbeitgeber beispielsweise verpflichtet, Beschäftigten, die innerhalb von zwölf Monaten länger als 30 Tage arbeitsunfähig gemeldet waren, ein betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) anzubieten. Die Wuppertaler Studie zeigt jedoch, dass nur ein Drittel der Berechtigten von der Geschäftsführung proaktiv ein BEM-Angebot erhalten hat. Besonders selten bekamen Beschäftigte eine Offerte, wenn sie in mittleren und kleineren Betrieben tätig waren.
Hasselhorn betont, wie wichtig die „betriebliche Gesundheitskultur“ ist. Damit ist gemeint, dass eine Firma der Gesundheit der Beschäftigten einen hohen Stellenwert beimisst. „Wenn die Beschäftigten spüren, dass dies der Fall ist, wollen und können sie länger arbeiten, selbst wenn sie gesundheitliche Einschränkungen haben.“
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