Artikel Prävention

Mehr Schutz vor Demenz – Jeder kann sein Risiko senken

05.11.2026 Thorsten Severin 6 Min. Lesedauer

Die Daten lassen aufhorchen: Rund 1,78 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung leben in Deutschland – die meisten mit Alzheimer. Bis 2050 wird sich nach aktuellen Berechnungen des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) die Zahl auf 2,3 bis 2,6 Millionen erhöhen. Doch auch wenn Demenz bislang nicht heilbar ist, so kann jeder Mensch einiges tun, um die heimtückische Krankheit zu verhindern. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind 45 Prozent aller Fälle auf vermeidbare Risikofaktoren zurückzuführen. Nicht zuletzt die Politik ist gefordert.

Drei ältere Menschen sitzen gemeinsam an einem Holztisch und spielen ein Brettspiel. In der Mitte beugt sich ein grauhaariger Mann mit Bart lächelnd über das Spiel.
Gemeinsames Spielen fördert geistige Aktivität und soziale Teilhabe – und kann so das Demenzrisiko senken.

Viele der änderbaren Risikofaktoren für Demenz decken sich mit denen anderer nicht-übertragbarer Krankheiten: Übergewicht, Rauchen oder Bewegungsmangel etwa. Die WHO rät in ihren jüngst überarbeiteten Leitlinien daher dazu, auf den Konsum von Tabak vollständig zu verzichten, sich regelmäßig zu bewegen und sich gesund und ausgewogen zu ernähren. Alkohol sei keineswegs förderlich, auch nicht in kleinen Mengen. Die dauerhafte Einnahme der Vitamine B und E, von Omega-3-Fettsäuren oder Multivitamin- beziehungsweise Mineralpräparaten wird außer bei einem Mangel ebenfalls nicht empfohlen.

Kognitive Aktivität zur Demenzvorsorge

Anders als in den ersten Leitlinien aus dem Jahr 2019 führen die Experten nun „kognitive Aktivität“ als wichtige Maßnahme im Kampf gegen Demenz an. Dazu zählen geistige Anregungen, etwa in Form von Lesen, Erzählen, Spielen oder anderen anspruchsvollen Tätigkeiten. Auch ein gezieltes kognitives Training kann älteren Menschen helfen. Dringend empfohlen werden soziale Teilhabe und Maßnahmen gegen soziale Isolation.

Neben Übergewicht und Adipositas nennt die WHO als medizinische Risikofaktoren für Demenz außerdem Diabetes, Bluthochdruck und erhöhte Blutfette. Ein Hörverlust sollte unbedingt untersucht und beseitigt werden. Hörgeräte können das Demenzrisiko verringern. Auch Depressionen sollten stets behandelt werden, sei es durch Psychotherapien oder Antidepressiva.

Wichtig ist es den neuen Leitlinien zufolge auch, dass Schlaganfälle entsprechend der WHO-Empfehlungen behandelt, Sehbeeinträchtigungen und Schlafstörungen beseitigt werden. Allerdings ist nicht immer eindeutig erwiesen, dass alle diese Maßnahmen wirklich Demenz verhindern können.

Luftverschmutzung rückt in den Fokus

Stärker in den Fokus rückt neuerdings das Thema Luftverschmutzung. Werde die Belastung in der Außenluft wie auch im Haushalt gesenkt, könne dies das Risiko für kognitiven Abbau und Demenz verringern, schreibt die WHO. 

„Wir wissen heute mehr denn je darüber, was das Demenzrisiko beeinflusst, und diese Leitlinien setzen das Wissen in konkrete Maßnahmen um“, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Ghebreyesus bei der Vorstellung der Leitlinien im Sommer. Es stünden damit klare, evidenzbasierte Empfehlungen zur Verfügung, die unmittelbar in die Praxis umgesetzt werden könnten.

Professor René Thyrian vom DZNE hält es mit Blick auf Deutschland für besonders effektiv, Hörschwierigkeiten und Depressionen zu behandeln sowie die Herzgesundheit, etwa durch mehr Bewegung, zu verbessern. „Wir denken zudem, dass soziale Teilhabe einen umfassenden Effekt haben könnte“, so das Vorstandsmitglied der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zu G+G. Doch gerade hieran mangelt es vielen alten Menschen, wie Studien zeigen.

„Demenzprävention ist nicht nur eine Aufgabe jedes Einzelnen, sondern auch und besonders der Politik.“

René Thyrian

Vorstandsmitglied der Deutschen Alzheimer Gesellschaft

An einzelnen Risikofaktoren ansetzen

Dem Einzelnen rät der Wissenschaftler, bei demjenigen Risikofaktor anzufangen, der für ihn persönlich am „einfachsten“ zu vermeiden sei. „Das erhöht die Erfolgschancen, sich auch anderer Risikofaktoren anzunehmen.“

Thyrian sieht im Kampf gegen Demenz durchaus Fortschritte. „Wir stellen fest, dass die Gesellschaft offenbar insgesamt gesünder wird.“ Der durchschnittliche Beginn der Erkrankung verschiebe sich dadurch tendenziell in ein höheres Alter. Dass die Zahl der Betroffenen dennoch deutlich wachse, sei auf die steigende Lebenserwartung zurückzuführen. Soll heißen: Immer mehr Menschen erreichen ein Alter, in dem eine hohe Wahrscheinlichkeit für Demenz besteht.

Der Experte verweist auf viele Präventionsprogramme, etwa von Krankenkassen, die in verschiedenen Bereichen ansetzen – beim Hören und Sehen, bei der Blutdruckkontrolle, der Verringerung von Übergewicht und der Vermeidung und Behandlung psychischer Leiden. „Die Wirksamkeit ist sehr gut, aber viele Menschen, die davon profitieren könnten, nehmen die Angebote leider nicht in Anspruch.“ Daher sei es wichtig, aufzuklären, die Menschen zur Teilnahme zu motivieren und einen einfachen Zugang zu Programmen zu schaffen, sagt Thyrian. Bei den Hilfen gegen soziale Isolation und Einsamkeit im Alter bestehe beispielsweise noch viel Luft nach oben. Und Umweltfaktoren, wie etwa die Luftverschmutzung, bekämen als Auslöser für Demenz erst neuerdings stärkere Beachtung. 

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Auch Politik ist gefragt

Klare Erwartungen hat der Experte an die Regierung. „Demenzprävention ist nicht nur eine Aufgabe jedes Einzelnen, sondern auch und besonders der Politik.“ Zum einen müssten gesellschaftliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit individuelle Prävention möglich sei. Dazu gehöre der Zugang zu Beratung, Behandlung, Fitnesskursen und Mobilität. Zum anderen könne Politik auch selbst im Rahmen ihrer Public Health Bemühungen Prävention steuern. Wichtige Maßnahmen seien hier die beschlossene Erhöhung der Tabaksteuer und die geplante Abgabe auf stark zuckerhaltige Getränke. Insgesamt müsse mehr Prävention im Gesundheitswesen installiert werden. Kommunen müssten demenzfreundlicher werden. „Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit sind dabei sehr bedeutsam. Prävention ist gerade in vulnerablen Gruppen besonders wichtig, kommt dort aber häufig nicht an“, erläutert Thyrian. Wichtig sei es nicht zuletzt, die An- und Zugehörigen Erkrankter in den Blick zu nehmen. Auch für sie sei Gesundheitsprävention enorm wichtig, zumal sie ein Interesse daran hätten, möglichst lange gemeinsam mit dem Betroffenen zu leben.

Datengetriebene Prävention als Hoffnung

Viel hält der Forscher von der sogenannten datengetriebenen Demenzprävention, die eine moderne und effektive Art sei, Vorbeugung gezielt zu planen. Dabei werden Routinedaten der Krankenkassen herangezogen und mit statistischen Modellen und Algorithmen ausgewertet. So ließen sich Personengruppen identifizieren, die ein erhöhtes Demenzrisiko hätten. Sie könnten dann etwa proaktiv aufgeklärt werden. Auch die Wissenschaftsakademien acatech, Leopoldina und Akademieunion machten kürzlich in einer Stellungnahme deutlich, dass Gesundheitsdaten eine bessere individuelle Risikoeinschätzung und zugleich eine intensivere Erforschung der Krankheitsbilder ermöglichen. 

Weltweit lebten laut WHO im Jahr 2021 rund 57 Millionen Menschen mit Demenz. Die Erkrankungen dieses Spektrums kommen nicht allein bei Menschen im hohen Alter vor. Fast fünf Prozent aller Betroffenen in Deutschland seien jünger als 65 Jahre – also rund 85.000 Personen, hat die Deutsche Alzheimer Gesellschaft ermittelt. Sie und ihre Mitgliedsgesellschaften bieten Betroffenen eine ganze Reihe von Angeboten zur Beratung und Unterstützung an. Aufgrund des demografischen Wandels werde die Zahl der Erkrankten weiter steigen, sagt Thyrian voraus. „Lebenslange Prävention ist daher das A und O.“

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