Internationale Pflegekräfte halten
Pflegepersonal aus dem Ausland stabilisiert die Gesundheitsversorgung in Deutschland. Doch das Anwerben allein sichert noch keine Fachkräfte. Entscheidend ist, ob die Menschen gut ankommen und bleiben.
Ohne internationale Pflegekräfte wäre die Gesundheitsversorgung in Deutschland vielerorts kaum aufrechtzuerhalten. Fast jede fünfte der knapp zwei Millionen Pflegekräfte hat inzwischen eine ausländische Staatsangehörigkeit. Das zeigen Daten der Bundesagentur für Arbeit. In Krankenhäusern liegt ihr Anteil bei 17 Prozent, in der ambulanten und stationären Pflege bei 24 Prozent. Zugleich nimmt die internationale Konkurrenz um medizinisches Personal zu. Für Deutschland ist damit nicht nur die Rekrutierung, sondern auch die langfristige Bindung internationaler Pflegekräfte entscheidend.
Anwerben reicht nicht
Wer Fachkräfte gewinne, müsse sie auch „bestmöglich integrieren, dass sie möglichst lange bei uns bleiben“, unterstreicht die Pflegebevollmächtigte Katrin Staffler im ersten Teil ihrer bei YouTube abrufbaren Impulsreihe „Ankommen. Bleiben. Pflegen. Mit internationalen Pflegekräften die Versorgung sichern".
Julia Schmidt vom Deutschen Kompetenzzentrum für internationale Fachkräfte in den Gesundheits- und Pflegeberufen (DKF) stellt im Rahmen der Diskussionsrunde den „Werkzeugkoffer Willkommenskultur & Integration" vor. Das Online-Angebot unterstützt Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen dabei, internationale Anwerbung und betriebliches Integrationsmanagement systematisch aufzubauen. Der Werkzeugkoffer bündelt Informationen, Unterstützungsangebote und Beispiele guter Praxis in 15 Themenfeldern – von Anwerbung und Anerkennung über Onboarding und Sprachförderung bis hin zu Bindung und Konfliktprävention. Für Schmidt ist klar, dass Integrationsmanagement „eine Frage von Organisationskultur“ ist. Auch Sprachförderung müsse langfristig gedacht werden. Der Spracherwerb ende nicht „mit dem B2-Zertifikat“.
Integration beginnt vor der Einreise
Dass Integration möglichst früh starten sollte, macht Nora Schenderlein, Integrationsmanagerin bei der Vivantes Hauptstadtpflege, deutlich. Dort setzt die Begleitung bereits im Herkunftsland an: mit regelmäßigen Videokonferenzen, festen Ansprechpersonen und Informationen zum Start in Deutschland. Nach der Ankunft folgt die praktische Unterstützung – von der Abholung am Flughafen bis zur Begleitung in die Wohnung. In sogenannten „Family Sessions" können zudem Angehörige online Fragen stellen.
Dahinter steht ein Perspektivwechsel. „Wir holen ja keine Pflege“, sagt Schenderlein. Es gehe um Menschen, die ihr bisheriges Leben verlassen und in Deutschland neu anfangen. Antje Prütz vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) verdeutlicht, dass Integration aus ihrer Sicht eine Frage von Haltung ist. Am UKE werde bewusst von „Internationals“ gesprochen, weil Sprache „viel Stimmung“ gestalte. Entscheidend sei zudem der erste Eindruck: Wenn dieser misslinge, lasse sich das „nur schwer wieder gut machen“.
Vom ersten Kontakt bis in den Arbeitsalltag
Gute Integration beginnt also nicht erst am ersten Arbeitstag. Sie braucht Vorbereitung, verlässliche Ansprechpersonen und eine Teamkultur, die Vielfalt nicht dem Zufall überlässt. Unterschiedliche Praxisansätze zeigen, wie breit diese Aufgabe gefächert ist:
Ein Tandem-Programm der Universität Vechta setzt bewusst im Alltag an. Internationale Pflegekräfte – aktuell unter anderem aus dem Iran und Vietnam – werden dort mit Masterstudierenden zusammengebracht. Diese unterstützen bei Sprache, Behördengängen und praktischen Fragen des täglichen Lebens. Gleichzeitig werden die Studierenden zu interkulturellen Vermittlerinnen und Vermittlern ausgebildet.
Einen stärker strukturierten Weg verfolgt das Modellprojekt „INGA Pflege 3.0". Es begleitet ausländische Pflegefachkräfte bei der fachlichen Anerkennung, Sprachförderung und Zusammenarbeit im Team und unterstützt Einrichtungen dabei, tragfähige Integrationsstrukturen aufzubauen. Koordiniert vom DKF, wird es bis Oktober 2026 an fünf Pilotstandorten erprobt: der Charité Berlin, der DRK-Schwesternschaft Berlin, den Oberhavel Kliniken, dem Klinikverbund Gesundheit Nord Bremen und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Das Projekt verzahnt fachliches Lernen, Sprachförderung und angeleitete Praxis und bereitet die Teilnehmenden auf ihre Sprachprüfungen vor.
Auch die AOK-Initiative „Pflege.Kräfte.Stärken.“ nimmt die Organisation von Pflegearbeit in den Blick und bietet Einrichtungen sowie Pflegekräften praxisnahe Informationen und Impulse für den Alltag, mit einem Schwerpunkt auf Diversität. Der Ansatz macht deutlich: Internationale Teams stärken Einrichtungen vor allem dann, wenn Vielfalt aktiv gestaltet wird – durch Führung, die Diversität verankert, Diskriminierung entgegentritt und unterschiedliche Bedürfnisse im Arbeitsalltag berücksichtigt.
Wie langfristig Integration gedacht werden muss, zeigt das Universitätsklinikum Münster (UKM). Dort werden internationale Pflegefachkräfte bereits nach der Anwerbung auf ihren Start vorbereitet und anschließend verlässlich begleitet – von Videokonferenzen vor der Einreise über Unterstützung beim Ankommen bis zur Begleitung im Anerkennungsverfahren mit Praxisanleitung, Skillstagen und Reflexionsangeboten.
Faire Anwerbung bleibt Voraussetzung
Damit internationale Pflegekräfte tatsächlich ankommen und bleiben können, braucht es neben guter betrieblicher Integration auch faire Rahmenbedingungen. Mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das seit März 2020 gilt und ab 2023 schrittweise weiterentwickelt wurde, hat Deutschland den Zugang für qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland erleichtert. Für international ausgebildete Pflegekräfte ist der Weg nach Deutschland dadurch einfacher geworden, die fachlichen Anforderungen blieben jedoch bestehen.
Wer in Deutschland mit einer ausländischen Pflegeausbildung als Pflegefachperson arbeiten möchte, braucht die Anerkennung seiner beruflichen Qualifikation. Der Beruf ist hierzulande reglementiert. Erleichtert wurde vor allem der Ablauf: Mit einer sogenannten Anerkennungspartnerschaft können Fachkräfte aus Drittstaaten unter bestimmten Voraussetzungen einreisen und das Anerkennungsverfahren direkt in Deutschland durchführen.
Ebenso wichtig ist eine ethisch verantwortbare Anwerbung. Das Programm „Triple Win", eine Kooperation der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit, setzt auf nachhaltige Vermittlung von Pflegefachkräften aus Partnerländern wie Indonesien, Indien, Tunesien und den Philippinen. Ergänzend definiert das Gütesiegel „Faire Anwerbung Pflege Deutschland“ Standards für transparente Verfahren bei der Anwerbung von Pflegekräften aus Drittstaaten. Die Westbalkanregelung eröffnet Staatsangehörigen aus Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Nordmazedonien, Montenegro und Serbien einen kontingentierten Zugang zur Erwerbstätigkeit in Deutschland.
Die Verantwortung endet jedoch nicht an der deutschen Grenze. Wenn Pflege- und Gesundheitsfachkräfte aus dem Ausland angeworben werden, darf dies die medizinische Versorgung in den Herkunftsländern nicht schwächen. Genau daran orientiert sich der WHO-Kodex zur internationalen Rekrutierung von Gesundheitsfachkräften. Orientierung bietet dabei die WHO Health Workforce Support and Safeguards List 2023, die 55 Länder mit besonders ausgeprägten Herausforderungen bei der Gesundheitsversorgung umfasst. Die WHO empfiehlt, aus diesen Ländern keine aktive internationale Anwerbung von Gesundheitspersonal zu betreiben. Die nächste Aktualisierung ist laut WHO für 2026 vorgesehen.
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