Schneller ankommen im Pflegeberuf
Der Pflegemangel in Deutschland führt dazu, dass Politik und Einrichtungen verstärkt auf Fachkräfte aus dem Ausland setzen. Doch der Einstieg ist für sie oft mit hohen Hürden verbunden – insbesondere die Gleichwertigkeitsprüfung der Abschlüsse gilt als langwierig. In München bündelt das Kompetenzzentrum Internationale Pflege (KiP) seit Herbst 2025 alle Prozesse und soll die Verfahren für ausländische Fachkräfte erleichtern. Dr. Susanne Herrmann, stellvertretende Gesundheitsdezernentin, und Petra Geistberger, Geschäftsführerin und Arbeitsdirektorin der München Klinik, erläutern im Interview die Vorteile des Projekts.
G+G: Der Fachkräftemangel in der Pflege ist seit Jahren bekannt. Was hat aus Ihrer Sicht den Ausschlag gegeben, jetzt mit dem Kompetenzzentrum für internationale Pflege (KiP) einen neuen Weg zu gehen?
Dr. Susanne Herrmann: Wir haben in München seit Längerem einen anhaltenden Fachkräftemangel in der Pflege. Deshalb haben wir vor knapp vier Jahren eine „Taskforce Pflege“ und einen Lenkungskreis ins Leben gerufen, der von der dritten Bürgermeisterin geleitet wird. Dieser verzahnt die Stadtpolitik mit der Stadtverwaltung, den Patientinnen- und Patientenorganisationen, dem Seniorenbeirat sowie den Beteiligungsunternehmen München Klinik gGmbH und Münchenstift. Ziel war es, zu prüfen, was wir als Stadt konkret tun können, anstatt die bestehenden Probleme lediglich zu beklagen. Eines der Projekte, das aus diesem Ansatz hervorgegangen ist, ist das KiP – das Kompetenzzentrum für internationale Pflege. Die Zahlen zeigen, dass wir deutlich mehr Fachkräfte für München gewinnen können, wenn wir sie gezielt im Anerkennungsverfahren unterstützen.
Sie sprechen von einem bundesweit einzigartigen Modellprojekt. Was unterscheidet das KiP konkret von bestehenden Anerkennungsangeboten in anderen Städten oder Bundesländern?
Herrmann: Für die formale Anerkennung von Abschlüssen ist das Landesamt für Pflege zuständig. Das KiP ist keine Behörde und erteilt keine Bescheide. Unser Ansatz ist ein anderer: Wir bieten Ausgleichsmaßnahmen wie etwa Vorbereitungslehrgänge und die Kenntnisprüfung an. Die Pflegekräfte beziehungsweise deren Arbeitgeber müssen sich also nicht selbst um einzelne Kurse kümmern – wir bündeln die Angebote und übernehmen die organisatorische Beratung und Begleitung. Ein zeitnaher und rascher Einstieg in die Maßnahmen soll dadurch möglich werden. Wir sehen uns damit auch nicht in Konkurrenz zu den bereits bestehenden Angeboten in München, sondern erweitern die Angebotspalette.
Petra Geistberger: Als gebürtige Österreicherin und ausgebildete Pflegekraft, die selbst nach Deutschland gekommen ist, weiß ich aus eigener Erfahrung, wie komplex ein Anerkennungsverfahren sein kann. Eine Behörde stellt fest, welche praktischen und theoretischen Inhalte noch fehlen, damit die Ausbildung als gleichwertig anerkannt wird. In der Phase zwischen Ankunft und Anerkennung sorgen wir dafür, dass die erforderlichen Schritte möglichst zügig umgesetzt werden. Für Menschen, die neu im Land sind und mit den hiesigen Verwaltungsstrukturen nicht vertraut sind, ist das eine große Herausforderung. Wir organisieren den gesamten Prozess bis hin zur Prüfung.
München investiert rund 2,9 Millionen Euro in das Projekt. Welchen konkreten Nutzen erhoffen Sie sich?
Herrmann: Wir gehen davon aus, dass wir durch internationale Pflegefachkräfte künftig mehr Bürgerinnen und Bürger in München versorgen können – unabhängig davon, in welcher Einrichtung sie tätig sind. Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Entlastung des Pflegesystems und stärken zugleich den Pflegeberuf insgesamt.
Können Sie konkrete Zahlen nennen?
Herrmann: Bereits jetzt kommen jährlich zwischen 400 und 500 internationale Pflegefachpersonen zur Unterstützung des Münchner Gesundheitssystems zu uns. Wir rechnen anhand der aktuellen und weiterhin steigenden Antragsstellungen auf Berufsanerkennung beim Landesamt für Pflege (LfP) damit, diese Zahl durch das KiP perspektivisch nahezu verdoppeln zu können. Denn wir sehen, dass deutlich mehr Pflegekräfte München als gewünschten Arbeitsort angeben. Für 2025 waren es rund 900 internationale Pflegefachpersonen, die einen entsprechenden Antrag auf Berufserlaubnis beim LfP mit dem beabsichtigten Arbeitsort München gestellt haben.
Das KiP ist an der München Klinik angesiedelt, einem Maximalversorger und dem größten kommunalen Klinikverbund Süddeutschlands. Setzen Sie bei der Akquirierung internationaler Pflegekräfte auf diese Strahlkraft?
Geistberger: Das KiP ist organisatorisch bei der München Klinik angesiedelt, arbeitet jedoch unabhängig vom regulären Klinik- und Schulbetrieb, mit eigener Organisationsstruktur und Drittmittelfinanzierung. Zudem sind Metropolregionen wie München oder Frankfurt bei der Akquise grundsätzlich im Vorteil, da sie für viele Menschen besonders attraktiv sind.
Bleiben die Pflegekräfte dann an der München Klinik, oder ziehen sie nach erfolgreicher Anerkennung weiter?
Geistberger: Das KiP ist ein Angebot für alle Träger der Akut- und Langzeitpflege und damit unabhängig von der München Klinik – auch wenn wir dieses Angebot natürlich auch selbst nutzen. Die Teilnehmenden des KiPs kommen also zum Großteil von anderen Trägern der Akut- und Langzeitpflege. Die Bindung von Pflegekräften ist generell eine Herausforderung. Das KiP trägt jedoch dazu bei, München als attraktiven Arbeitsort zu positionieren. Internationale Pflegekräfte erleben, dass sich die Landeshauptstadt aktiv um ihre Belange kümmert – sei es bei formalen Verfahren oder bei der Suche nach Sprachkursen. In den vergangenen Jahren haben wir hier gemeinsam mit dem Gesundheitsreferat viel erreicht. Auch wir als München Klinik konnten unseren Pflegebereich in den letzten zwei Jahren deutlich ausbauen.
Wie bringen Sie den internationalen Pflegekräften die nötigen Inhalte bei? Wie läuft ein „Zyklus“ am KiP konkret ab?
Geistberger: Wir arbeiten überwiegend mit einem Blended-Learning-Konzept, also einer Kombination aus Präsenzunterricht und E-Learning. Zudem bauen wir ein Simulationszentrum mit Schauspielpatientinnen und -patienten auf, in dem praktische Defizite gezielt trainiert werden können. Für Pflegekräfte mit geringem Anpassungsbedarf – etwa aus dem europäischen Ausland – bieten wir einen „Fast Track“ an. Wir begleiten alle Teilnehmenden bis zur Prüfung und führen Simulationsprüfungen durch. Darüber hinaus ermöglichen wir in bestimmten Fällen, ausschließlich die Prüfung abzulegen, wenn die theoretischen Voraussetzungen bereits in einem anderen Bundesland erworben wurden. Für Personen mit geringeren Sprachkenntnissen nutzen wir bestehende Sprachförderprogramme, etwa des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF).
Wie ist das Feedback der Pflegekräfte, die das KiP bereits durchlaufen haben?
Geistberger: Das Feedback hängt stark vom jeweiligen Herkunftsland und den Erwartungen ab. Manche sind beispielsweise überrascht, dass in Deutschland bestimmte Tätigkeiten der Grundpflege – etwa Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme oder Körperpflege – Teil des professionellen Pflegeverständnisses und der Ausbildung sind, während dies in ihren Herkunftsländern anders geregelt ist. Generell sind die Teilnehmenden aber froh, in uns einen Partner zu haben, der sie beim Anerkennungsverfahren unterstützt.
Welche Herausforderungen erleben Sie in der Praxis bei Integration und Anerkennung am häufigsten?
Geistberger: In der Einarbeitung zeigt sich häufig, dass Pflegekräfte aus bestimmten Kulturkreisen es nicht gewohnt sind, ihre individuellen Lernbedarfe offen zu kommunizieren. Wenn wir nachfragen, ob alles verstanden wurde, wird dies teilweise bejaht, obwohl später deutlich wird, dass noch Unsicherheiten bestehen. Deshalb testen wir derzeit digitale Lernprogramme, die beispielsweise Rückmeldung zur Aussprache oder zum Sprachgebrauch geben. Das kann helfen, Hemmschwellen abzubauen und den Umgang mit Fehlern konstruktiver zu gestalten.
Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit Pflegekräfte aus dem Ausland dauerhaft in ihrem Beruf und in der Region bleiben?
Herrmann: Als Stadt können wir unsere Stärke als attraktives Ballungszentrum ausspielen. München ist für viele internationale Fachkräfte ein interessanter Lebens- und Arbeitsort. Ein zentrales Thema ist der Wohnraum. Hier arbeiten wir eng mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft „Münchner Wohnen“ zusammen, um Wohnmöglichkeiten für Pflegekräfte zu schaffen. Zudem haben wir im Kreisverwaltungsreferat (KVR) eine „Fast Lane“ eingerichtet, um aufenthaltsrechtliche Verfahren für Beschäftigte im Pflegebereich zügig zu bearbeiten.
Wie profitieren aus Ihrer Sicht auch andere Träger und Einrichtungen in München vom KiP?
Geistberger: Wir sind überzeugt, dass alle Einrichtungen profitieren. Neben zwei Universitätskliniken gibt es in München im Bereich der Akutpflege rund 50 weitere Gesundheitsbetriebe sowie uns als großen kommunalen Träger. Im Bereich der Langzeitpflege gibt es noch weitaus mehr stationäre und teilstationäre sowie ambulante Einrichtungen und Dienste, die ebenso die Angebote des KiP in Anspruch nehmen können. Das bietet enormes Potenzial für Austausch und Kooperation. Bereits jetzt arbeiten wir in unseren Krankenpflegeschulen mit anderen Trägern zusammen. Letztlich profitiert die gesamte Pflegelandschaft in der Stadt davon, wenn mehr Pflegekräfte gut integriert und zufrieden in München tätig sind.
Welche Voraussetzungen müssten andere Städte und Kommunen erfüllen, um ein ähnliches Modell wie das KiP erfolgreich umzusetzen?
Herrmann: Solche Projekte erfordern zunächst finanzielle Mittel, sofern sie nicht durch Bund oder Land refinanziert werden. Es braucht politischen Rückhalt und die Unterstützung der kommunalen Verwaltung. Ebenso entscheidend ist ein geeigneter Kooperationspartner mit der Bereitschaft, gemeinsam Strukturen aufzubauen, anstatt isolierte Lösungen zu verfolgen oder Pflegekräfte langfristig vertraglich zu binden. Das würde aus unserer Sicht nicht funktionieren – der Arbeitsmarkt ist offen und wettbewerbsorientiert.
Geistberger: Ergänzend möchte ich betonen, wie wichtig eine leistungsfähige und kooperative Stadtverwaltung ist. In meiner langjährigen Tätigkeit in verschiedenen Städten habe ich erlebt, wie entscheidend inhaltliche Vorarbeit und schnelle Abstimmungsprozesse – auch mit Landesbehörden – sind. In München hat diese Zusammenarbeit auf hohem Niveau sehr gut funktioniert. Davon könnten andere Kommunen durchaus lernen.
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