Caring Communities: Praxisbeispiele machen Mut für neue Wege in der Pflege
Füreinander da sein, zuhören und helfen – sorgende Gemeinschaften sind Grundlage einer guten Versorgung für pflegebedürftige und sterbende Menschen. Die Umsetzung des Konzepts der Caring Communities ist eine Frage der Haltung und der Strukturen, so das Fazit einer Tagung in Hannover. Beispiele aus der Praxis zeigen, dass die Idee an bestehende Netzwerke anknüpfen kann.
Nachbarn einer Pflegeeinrichtung in Linn fragten, ob sie in ihrer Wohnung Hilfe aus dem Heim bekommen könnten. Das war der Anfang eines Weges, auf dem sich die Städtischen Seniorenheime Krefeld zu Quartierszentren weiterentwickelten. Vor rund 15 Jahren eröffnete ein „sektorenverbindender Vertrag“ zwischen dem Träger der Einrichtungen und den Pflegekassen Möglichkeiten, ambulante und stationäre Angebote in der Regelversorgung zusammenzuführen. Heute haben Menschen aus dem Krefelder Stadtteil im „Quartierszentrum Linn“ Zugang zu Beratung, hauswirtschaftlichen Leistungen, Tagespflege oder allgemeinen Pflegeleistungen. Sie gehen in die Einrichtung zum Frühstück oder Mittagessen und treffen sich dort zum Boulespielen oder zu Spaziergängen.
Dieses Beispiel illustriert, wie eine Caring Community, eine sorgende Gemeinschaft, von einem Pflegeheim ausgehend entstehen kann. Mitarbeitende der Städtischen Seniorenheime Krefeld stellten ihr Konzept in einem von insgesamt fünf Workshops auf der Tagung „Caring Communities – Sorge braucht Gemeinschaft“ vor. Zu der Veranstaltung hatte der Landesstützpunkt Hospizarbeit und Palliativversorgung Niedersachsen (LSHPN) anlässlich seines zehnjährigen Bestehens gemeinsam mit der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen/Bremen, der Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit Niedersachsen sowie der Hochschule Hannover eingeladen.
Großes Ohr und großes Herz
Fachkräftemangel, steigender Pflegebedarf, fehlende Mittel in der Pflegeversicherung: Angesichts großer finanzieller und struktureller Herausforderungen in der Pflege rückt die Idee der Caring Communities auch in Deutschland stärker ins Blickfeld. Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD zur laufenden Legislaturperiode heißt es: „Wir entwickeln das Hospiz- und Palliativgesetz im Sinne der sorgenden Gemeinschaften weiter.“ Menschen, die ehrenamtlich füreinander Verantwortung übernähmen, seien Grundlage für Caring Communities, betonte Dr. Gesa Schirrmacher, stellvertretende Staatssekretärin im Sozialministerium Niedersachsen. „Gute Sorge ist nicht allein Aufgabe professioneller Dienste.“ Die Hospizarbeit lebe den Grundgedanken der Caring Communities schon lange vor, so Schirrmacher. Dr. Rainer Prönneke, Vorsitzender des LSHPN, sagte: „Zeitspende ist das Wichtigste unter dem, was wir Gutes tun können.“ Und: „Lebenssinn entsteht daraus, etwas Sinnvolles für andere zu tun.“
Basis dafür sei „radikales Zuhören“, so Professor Dr. Klaus Wegleitner, Soziologe und Sorgeforscher an der Universität Graz. Er plädierte in seinem Vortrag für „mehr offene Räume, in denen sich Menschen zuhörend begegnen können“. Wegleitner: „Gelingende Caring-Community-Prozesse sind geprägt von einem großen Ohr und einem großen Herz.“ Gleichwohl brauche Solidarität „politische Bedingungen, die dafür sorgen, dass wir uns umeinander kümmern können“. Zudem sieht der Sorgeforscher die Gefahr, dass mit den Caring Communities die Sorgelast auf die Ehrenamtlichen und Laien verlagert werde. Auch gelte es, Lebensunterschiede stärker in den Blick zu nehmen: „Was bedeutet eine sorgende Gemeinschaft etwa für obdachlose Menschen?“ Das Ziel sei, nicht die Adressaten von Hilfe zu suchen, sondern zu fragen: „Wer lebt in einem Sozialraum und wie können wir uns als Gemeinschaft organisieren?“ Dann würden auch ältere und kranke Menschen nach dem betrachtet, was sie in die Gemeinschaft einbringen könnten, „zum Beispiel Lebensweisheit“.
Baustein zukünftiger Versorgung
Auf dem Podium diskutierten Expertinnen aus Wissenschaft und Praxis, was Caring Communities ausmacht. Sie bildeten ein „Netzwerk aus Ehrenamt, Nachbarschaft und Professionellen“, so Allgemeinärztin Claudia Kahle als Vertreterin der Ärztekammer Niedersachsen. Das müsse über eine Vernetzungsstelle mit möglichst einer Telefonnummer und einem Ansprechpartner koordiniert werden. Das bestätigte Dr. Birgit Weihrauch, geschäftsführende Vorständin des Vereins Caring Community Köln. „Was wir in der Hospizbewegung gelernt haben, müssen wir auf eine öffentliche, eine institutionelle Ebene heben.“ Auch Brigitte Käser, Geschäftsführerin Gesundheitsmanagement ambulant bei der AOK Niedersachsen sieht „nachhaltige, professionelle Strukturen im Konzept der Caring Communties für unabdingbar“. „Wir müssen die kommunale Sorge für Einwohnerinnen und Einwohner mehr in den Fokus rücken“, so Käser.
Laut Dr. Christiane Rentzsch, Stadträtin in Braunschweig und Mitglied der AG Kommunale Spitzenverbände Niedersachsen, „passiere schon viel in den Kommunen“. In jedem Bezirk Braunschweigs solle ein Nachbarschaftszentrum etabliert werden. Sie berichtete zudem von „präventiven Hausbesuchen“, die allen Bürgerinnen und Bürgern über 70 angeboten würden. „Wir müssen die Angebote, die wir haben, verstetigen.“ AOK-Expertin Käser sieht Caring Communities als „einen Baustein der zukünftigen Organisation von Versorgung, auch Primärversorgung“. Dabei gehe es um Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Berufsgruppen im Gesundheitswesen und Ehrenamtlichen. Käser erinnerte in diesem Zusammenhang an die Gemeindeschwester, die es früher auf jedem Dorf gegeben habe: „Das war das personifizierte Netzwerk, an der ging nichts vorbei.“
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