Pflege braucht kurze Wege
Wenn Angehörige und ambulante Dienste an Grenzen stoßen, wenn Kommunen nach Lösungen suchen, entscheidet sich gute Versorgung oft im Kleinen: bei der Nachbarin, in der direkten Arbeit mit Patienten und im Netzwerk vor Ort. Drei AOK-Projekte zeigen, welche Impulse daraus für unser Gesundheitssystem entstehen können.
Falls die alleinlebende, 82-jährige Gisela Horn aus Bad Lausick in Sachsen einen Arzttermin hatte oder kurz zur Bank gehen wollte, um ihrem Enkelkind Geburtstagsgeld zu überweisen, dann war das für sie früher mit hohem Aufwand verbunden: Da sie nicht gut zu Fuß ist und schlecht sieht, musste sie ihre 50 Kilometer entfernt wohnende Tochter um Hilfe bitten. Doch diese ist wegen eigener Kinder und ihrer Berufstätigkeit nur eingeschränkt verfügbar, und der Pflegedienst, der die Seniorin im Haushalt unterstützt, ist nicht für solche Alltagsaufgaben beauftragt.
Seit einem Jahr bekommt Gisela Horn bei solchen Erledigungen nun Hilfe von einer Nachbarin. Und das nicht von irgendjemandem, sondern von einer offiziell als Nachbarschaftshelferin anerkannten und in der Online-Pflegedatenbank des Pflegenetzes Sachsen registrierten Person. Zuvor hatte die Nachbarin mehrere Grundkurse sowie Schulungen durchlaufen müssen.
Gisela Horn ist ein fiktives Beispiel. Es steht aber für eine sehr reale Herausforderung: Viele pflegebedürftige Menschen benötigen im Alltag Unterstützung, die weder Angehörige noch professionelle Pflegedienste jederzeit leisten können. Genau hier setzt die Nachbarschaftshilfe an.
Ehrenamt fördert Teilhabe
Dieses Engagement geht auf ein Projekt mit dem Namen „Nachbarschaftshilfe“ zurück, ein Angebot des Pflegenetzes Sachsen in enger Abstimmung mit dem sächsischen Sozialministerium und der AOK PLUS. Die Idee: Ehrenamtlich tätige Privatpersonen begleiten, entlasten und fördern soziale Teilhabe, übernehmen aber keine pflegerischen oder medizinischen Tätigkeiten.
Finanziert werden die Einsätze über den monatlichen Entlastungsbetrag der Pflegeversicherung in Höhe von 131 Euro, der insbesondere von Menschen mit Pflegegrad 1 und 2 zunehmend genutzt wird: Heute engagieren sich mehrere tausend anerkannte Nachbarschaftshelferinnen und -helfer in ihrer Umgebung vor Ort und schließen damit eine Versorgungslücke.
Das Beispiel aus Sachsen zeigt, wie gemeinsam mit lokalen Partnern Caring Communities entstehen, die sowohl zu den konkreten Bedürfnissen der Menschen als auch zu den jeweiligen Gegebenheiten vor Ort passen. Die AOK-Initiative „Pflege vor Ort“ zeigt genau diese Projekte auf, die darauf hinweisen, dass gute Pflege bereits heute möglich ist: mit regionaler Gestaltungskraft und praxisnahen, flexiblen Ansätzen jenseits starrer zentraler Vorgaben.
Die Initiative ist im Februar 2026 gestartet und zeigt auf einem neuen Webauftritt zugleich neue Wege auf, um den Herausforderungen in der Pflege zu begegnen. Das Motto „Für ein pflegefreundliches Deutschland“ soll dabei Anspruch und Ansporn zugleich sein, um die Pflege hierzulande zukunftssicher aufzustellen.
Der Druck auf das System wächst
Denn ein Blick auf die Zahlen von Gegenwart und Zukunft zeigt: Das Pflegesystem kommt zunehmend an seine Grenzen. Immer mehr Menschen in Deutschland sind auf Unterstützung angewiesen, um ihren Alltag zu meistern. 5,7 Millionen Menschen waren Ende 2023 laut Statistischem Bundesamt (Destatis) pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes. Das waren rund 15 Prozent mehr als zwei Jahre zuvor; Destatis verweist dabei auch auf Effekte des 2017 erweiterten Pflegebedürftigkeitsbegriffs. Die Vorausberechnungen zeigen zugleich: Allein aufgrund der Alterung der Bevölkerung könnte die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2055 auf rund 6,8 Millionen steigen. Wird zusätzlich angenommen, dass die Pflegequoten infolge des erweiterten Pflegebedürftigkeitsbegriffs noch bis 2027 weiter steigen, wären bis 2055 rund 7,6 Millionen Pflegebedürftige möglich.
Die Folgen der zunehmenden Zahl pflegebedürftiger Menschen sind erheblich und stellen das gesamte Versorgungssystem vor wachsende Herausforderungen. Der finanzielle Druck auf die Kranken- und Pflegeversicherung ist so hoch, dass Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) eine Reform der sozialen Pflegeversicherung (SPV) angekündigt hat, mit der diese finanziell entlastet und ein erwartbares Milliarden-Defizit verhindert oder abgemildert werden soll.
Schwere Schultern im Alltag
Weitere Folgen: Pflegende Angehörige sind stark belastet und geraten zunehmend in Konflikt, Beruf und Pflege zu vereinbaren. Und Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte sowie andere Gesundheitsberufe kämpfen mit zunehmenden Vorschriften, Bürokratie und Fachkräftemangel. Umso wichtiger werden verlässliche Versorgungsstrukturen, gute Unterstützung im häuslichen Umfeld, aber auch Prävention und Rehabilitation, damit Pflegebedürftigkeit möglichst vermieden, verzögert oder gut begleitet werden kann.
Die folgenden drei Beispiele stehen dabei für unterschiedliche Ansatzpunkte: „Nachbarschaftshilfe“ stärkt Alltag und soziale Teilhabe, „IstZeitPflege“ setzt auf mehr Flexibilität in der ambulanten pflegerischen Versorgung, und „ReGe Pflege“ soll die Zusammenarbeit vor Ort verbessern.
Zeit statt Schema F
Ein gelungenes Beispiel dafür, wie weniger zentralistische Vorgaben und ein gewisses Maß an Eigenverantwortung die Zufriedenheit für Pflegebedürftige und Pflegekräfte erhöhen können, ist das Projekt „IstZeitPflege“ der AOK Baden-Württemberg und der Caritas Hochrhein (Landkreis Waldshut) an der Grenze zur Schweiz. Bei dem Modellvorhaben können seit 2019 Pflegefachkräfte in Abstimmung mit den Patientinnen und Patienten entscheiden, welche Unterstützung konkret erforderlich ist – und rechnen ausschließlich die tatsächlich dafür benötigte Zeit ab. Vier Sozialstationen nutzen mittlerweile das Konzept.
„Wir können jetzt viel individueller auf jeden Einzelnen eingehen. Nach dem alten Modell ging so etwas nicht“, erläutert Pflegerin Sarah Neudecker von der Caritas-Sozialstation St. Martin. Durch das neue Modell bei „IstZeitPflege“ entstehe für die Pflegekräfte kein „Durchhetzen“ mehr. Die Zeit kann freier ausgestaltet werden und es bleibt mehr Zeit für individuelle Pflege, ohne dass es für die Patientinnen und Patienten teurer wird, denn der Stundensatz ist mit den Pflegekassen ausgehandelt.
Im alten Versorgungsmodell ist so etwas eigentlich nicht vorgesehen. Ungeachtet der individuellen Situation müssen die Pflegekräfte wegen der erforderlichen Abrechnung etwa beim Anziehen von Kompressionsstrümpfen nach „Schema F“ vorgehen. Der Fokus liegt aktuell auf dem Verrichtungsbezug, ein Wechsel zwischen den Systemen und Zuständigkeiten ist nicht vorgesehen.
Dabei zeigt das Beispiel aus Baden-Württemberg, wie durch ein Aufbrechen dieser Systemgrenzen dringend benötigte Pflegekräfte als Arbeitskräfte besser gefunden und vor allem gehalten werden können. Denn mit „IstZeitPflege“ sei, so das Feedback, die Zufriedenheit der Pflegekräfte deutlich gestiegen.
Wo Fäden zusammenlaufen
Angesichts der vielfältigen Herausforderungen in der Pflege ist klar, dass diese nicht von Kranken- und Pflegekassen alleine gemeistert werden können. Denn Pflege ist und bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Eine Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern, Kommunen sowie gesetzlicher Krankenversicherung (GKV) und SPV ist ein zentrales Anliegen der AOK-Gemeinschaft.
Das „Regionale Gesundheitsnetzwerk für Pflegebedürftige Daheim“ – kurz: „ReGe Pflege“ – der AOK Rheinland/Hamburg möchte genau das bewirken. Ziel ist es, pflegebedürftige Menschen im häuslichen Umfeld und ihre Angehörigen besser zu erreichen, ihre Lebensqualität nachhaltig zu stärken und präventive sowie gesundheitsfördernde Angebote systematisch auf kommunaler Ebene zu verankern.
Dazu werden in den Pilotregionen Aachen, Euskirchen und Wesel seit März 2024 verbindliche, regionale Gesundheitsnetzwerke aufgebaut, in denen neben kommunalen Gebietskörperschaften auch Wohlfahrtsverbände, Pflege- und Gesundheitseinrichtungen, Sportorganisationen sowie Interessenvertretungen älterer Menschen vertreten sind. Eine Kombination aus Organisationen, die zwar auch heute schon in vielen Punkten zusammenarbeiten, aber zwischen denen es oft noch an Kommunikation, Absprache und klaren Zuständigkeiten hapert. Bei „ReGe Pflege“ übernimmt eine regionale Koordinierungsstelle das Netzwerkmanagement, organisiert Veranstaltungen und sichert die Kommunikation.
„Der Mehrwert zeigt sich besonders in der besseren Vernetzung, der gezielten Vermittlung in passende Angebote – etwa im Bereich Bewegung, Begegnung oder Beratung – und in einer ganzheitlichen, alltagsnahen Unterstützung“, erläutert Sabine Deutscher, Mitglied des Vorstands der AOK Rheinland/Hamburg. Eine angemessene Pflege sei oft nur durch privates und familiäres Engagement möglich, da die meisten pflegebedürftigen Menschen zu Hause leben, so Deutscher. „Gleichzeitig ist diese Zielgruppe schwer zu erreichen – hier kommt den Kommunen eine zentrale Rolle zu. Werden kommunale Pflege- und Sozialstrukturen frühzeitig eingebunden, entstehen Vertrauen, Nähe und kurze Wege.“
Die Dimensionen der Pflege vor Ort
Wie die Beispiele aus Sachsen, Baden-Württemberg und Rheinland/Hamburg zeigen, gibt es seitens der AOK-Gemeinschaft bereits viele Ideen und Angebote, wie die Pflege bedarfsgerechter und effizienter werden und welche Impulse sie für die Ausgestaltung der Pflegereform geben kann. Die drei Projekte demonstrieren zugleich, dass Pflege vor Ort unterschiedliche Dimensionen hat: alltagsnahe Entlastung, flexible Leistungserbringung und verbindliche kommunale Vernetzung.
Die Reform der sozialen Pflegeversicherung sei keine einfache Aufgabe, machte Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, bereits zu Beginn der Pflege-vor-Ort-Kampagne deutlich. „Aber sie muss angesichts des finanziellen Defizits der SPV und der strukturellen Herausforderungen endlich vorankommen. Die Politik sollte dabei genau hinschauen, welche guten Lösungen tatsächlich bereits vorliegen – nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis.“
Hinter der Kampagne
Unter dem Motto „Pflege vor Ort – für ein pflegefreundliches Deutschland“ präsentiert die AOK-Initiative in einem neu geschaffenen Bereich des Online-Portals für Presse und Politik eigene Projekte aus den AOK-Regionen, mit denen jeweils konkrete Probleme in der Pflege aufgegriffen und erfolgreich gelöst wurden. Neben den über ein Dutzend vorgestellten und laufend ergänzten Projekten beinhaltet der Webauftritt auch Berichte über regionale Veranstaltungen zum Thema Soziale Pflegeversicherung (SPV). Zudem gibt es einen Überblick über die Vorschläge der AOK-Gemeinschaft zur Reform der SPV.
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