Training mit Balance-Pads: Physiotherapeutin Anja Hofmann testet, wie Hubert Zerbin heikle Situationen meistert.
Reportage Versorgung

Schritt für Schritt zurück ins Leben

20.05.2026 Frank Brunner 8 Min. Lesedauer

In Sachsen-Anhalt erproben AOK und Goitzsche-Klinikum ein Ambulant-Geriatrisches Zentrum, das ältere Menschen auffängt, bevor aus Unsicherheit Pflegebedürftigkeit wird. Das Ziel: dass sie möglichst lange in den eigenen vier Wänden bleiben können.

Hubert Zerbin setzt den Fuß vorsichtig nach vorn, tastet sich Schritt für Schritt voran. Der Untergrund gibt nach, zwingt ihn, das Gewicht neu zu verlagern. Kurz verliert er die Balance, fängt sich wieder, sucht Halt am Geländer. „Ganz ruhig, lassen Sie sich Zeit“, sagt eine Stimme neben ihm. Zerbin atmet hörbar aus. „Geht schon“, sagt er leise. Dann wagt er den nächsten Schritt. Noch einen. Und noch einen. Doch die Fläche unter seinen Füßen bleibt instabil, jeder Tritt muss sitzen. Zerbin ist hochkonzentriert, er darf nicht abrutschen, nicht wegknicken.

Was wie ein Aufstieg in schwierigem Gelände wirkt, spielt sich im Flur des Ambulant-Geriatrischen Zentrums (AGZ) des Goitzsche-Klinikums Bitterfeld-Wolfen ab. Das Krankenhaus ist für die Region ein zentraler Versorger: rund 400 Betten, etwa 20.000 stationäre und 25.000 ambulante Patienten im Jahr. Der Einzugsbereich reicht weit über Bitterfeld-Wolfen hinaus und umfasst mehr als 150.000 Menschen.

Körper und Geist im Blick

Es ist ein Dienstagvormittag Ende April, Zerbins letzter Tag in der Tagesklinik. Seit anderthalb Wochen ist der 81-Jährige hier. Dass er es bis an diesen Ort geschafft hat, war bis vor wenigen Wochen kaum vorstellbar. Zweimal hat sein Herz aufgehört zu schlagen. Zweimal brach er bewusstlos zusammen. Zweimal holten Ärzte ihn ins Leben zurück. In der Tagesklinik wird sein Zustand täglich beobachtet, getestet, neu eingeschätzt. Die Balance-Pads unter seinen Füßen simulieren einen instabilen Untergrund, um die Gleichgewichtsfähigkeit zu schulen. Schritt für Schritt zurück ins Leben – zurück nach Hause, in die eigenen vier Wände in Sandersdorf, einer kleinen Gemeinde mitten im ehemaligen Braunkohleabbaugebiet, gut zehn Kilometer von Bitterfeld-Wolfen entfernt. Heute will das Team testen, ob Zerbin schon allein, ganz ohne Rollator, laufen kann.

„Wir konzentrieren uns unter fachärztlicher Anleitung insbesondere auf Mobilität, Selbsthilfefähigkeit, Kognition und Emotion“, sagt Roberto Schnabel, Diplom-Mediziner, Chefarzt der Klinik für Geriatrie und Allgemeinmedizin. Ziel sei es, Pflegebedürftigkeit zu vermeiden. Ältere Menschen sollen so lang wie möglich in ihrem gewohnten häuslichen Umfeld verbleiben oder dorthin zurückkehren können.

Dass Hubert Zerbin hier so betreut wird, ist keine Selbstverständlichkeit. „Aktuell haben wir in Sachsen-Anhalt fünf Tageskliniken, laut Krankenhausplan müssten es zwölf sein“, sagt Anja Gebühr. Sie arbeitet bei der AOK Sachsen-Anhalt als Fachberaterin für strategisches Krankenhaus- und Verhandlungsmanagement. Sie hat das Projekt mitinitiiert und begleitet es bis heute.

Mehr Sektoren für Senioren

Der Anstoß kam 2023 aus Gesprächen zwischen der AOK Sachsen-Anhalt und dem Landesverband Geriatrie. Das geriatrische Konzept des Landes stamme noch aus dem Jahr 2009, sagt Gebühr. Die AOK habe deshalb gemeinsam mit dem Landesverband geprüft, wie eine sektorenübergreifende Versorgung älterer Menschen praktisch funktionieren könnte. „Stationär sind wir im Land gut aufgestellt“, sagt Gebühr. „Aber ambulante, teilstationäre und rehabilitative Angebote sind nicht ausreichend abgebildet.“ Corona habe die Lage verschärft: Viele Tageskliniken mussten schließen und öffneten danach nicht wieder.

Genau an dieser Lücke setzt das Modellprojekt an. Aus einer geriatrischen Tagesklinik wird ein Ambulant-Geriatrisches Zentrum. Früher kamen Patienten normalerweise aus der stationären Akutgeriatrie in die Tagesklinik. Nun gibt es drei Zugangswege: aus der Akutgeriatrie, aus anderen stationären Fachabteilungen und aus dem ambulanten Bereich, etwa auf Überweisung von Hausärzten.

Wege in den Alltag

Für jeden Patienten erstellen die Ärzte einen individuellen Behandlungsplan. Diagnostiziert und behandelt werden typische geriatrische Probleme: Gangunsicherheit, kognitive Einschränkungen, Depressionen, Schmerzen, Mangelernährung, Schluckstörungen, Inkontinenz, Mehrfachmedikation. Auch Fragen wie diese gehören zur Medizin dieses Ortes: Kann jemand zu Hause Treppen steigen? Passt der Rollator? Sind Angehörige erreichbar?

Zerbins Übungseinheit neigt sich dem Ende zu. Noch immer stehen seine Füße auf den Gummikissen. „Verlagern Sie Ihr Gewicht, von rechts nach links, von links nach rechts“, sagt Physiotherapeutin Anja Hofmann. Noch sichert sie ihn mit beiden Händen an der Hüfte, Zerbin hält sich am Geländer fest. Nun wird es schwieriger. „Versuchen Sie jetzt loszulassen und einfach zu stehen.“ Langsam löst er die Finger von der Metallstange. Der Griff an seiner Hüfte wird lockerer. Hubert Zerbin steht auf seinen eigenen Beinen.

Kurz nach elf Uhr verlässt Schnabel sein Büro, eilt über eine Brücke, die das Atrium überspannt, Richtung Tagesklinik. Er passiert den Gemeinschaftsraum, zeigt die Therapieküche, in der Patienten gemeinsam backen können, den Ergotherapieraum und schließlich das Bad mit der breiten Wanne, in dem Waschtraining stattfindet. Auch das gehört zur Rückkehr in den Alltag: nicht nur gehen, sondern wieder duschen, greifen, schneiden, essen, sich anziehen.

„Therapie beginnt nicht am Gerät, sondern dort, wo ein Mensch wieder etwas tut, das zu seinem Leben gehört.“

Roberto Schnabel

Chefarzt

Testgelände im Klinikgarten

Hubert Zerbin liegt bereits auf der Untersuchungsliege, als Schnabel den Behandlungsraum betritt. „Herr Zerbin hatte Wasser in der Lunge“, sagt der Chefarzt. „Jetzt kontrollieren wir, wie sich der Zustand entwickelt, und untersuchen per Ultraschall Lunge und Bauchorgane.“ Langsam fährt Schnabel mit dem Schallkopf über Zerbins Bauch und schaut konzentriert auf den Monitor. Dann sagt Schnabel: „Kein Wasser.“

Zerbin denkt schon an die nächste Prüfung. „Ich muss noch auf die Teststrecke“, sagt er. Mit der Teststrecke meint er ein Areal im Klinikgarten, gepflastert mit Asphalt, Schotter, Steigungen und Hindernissen. Dort üben ältere Menschen, wie sie mit und ohne Rollator auf unterschiedlichen Untergründen zurechtkommen. Klinikflure sind eben, trocken, überschaubar. Die Welt draußen ist es nicht.

Auch Hochbeete stehen im Garten. Man muss sich nicht tief bücken, die Gießkannen sind kleiner als üblich. Beim Gießen lassen sich Feinmotorik, Gleichgewicht und Kraftdosierung üben. Gleichzeitig kommen Erinnerungen hoch: an den eigenen Garten, an Tomaten, Bohnen, Blumen, an Routinen, die ein Leben lang selbstverständlich waren.  Schnabel sagt: „Therapie beginnt hier nicht erst am Gerät. Sie beginnt dort, wo ein Mensch wieder etwas tut, das zu seinem Leben gehört.“

Schnabel schaut kurz im Büro des Sozialdienstes vorbei. Jana Hofmann sitzt dort mit einer älteren Dame im Gespräch. Als die Patientin gegangen ist, erzählt Hofmann von ihrer Arbeit. Sie telefoniere viel mit Erkrankten und Angehörigen, sagt sie, häufig mit Kindern, die weit entfernt von ihren betagten Eltern leben. Sie versteht sich als Schnittstelle zwischen stationärem und ambulantem Bereich, zwischen Patienten, Ärzten, Psychotherapeutinnen, Ergotherapeuten, Pflegefachkräften und Familien. Hofmann fragt: Wie sieht es zu Hause aus? Gibt es Treppen? Wer kauft ein? Wer hilft beim Waschen? Gibt es einen Pflegegrad? Reicht der Rollator? Ist ein ambulanter Dienst eingebunden? Während sie erzählt, kommt Heidi Diebner um die Ecke.

Die 80-Jährige lebt normalerweise im betreuten Wohnen. Nach zwei Rückenoperationen soll sie in der Tagesklinik Kraft und Beweglichkeit wiedererlangen. Das bedeutet volles Programm. „Morgens hatte ich Yoga, habe Arme und Beine bewegt und zum Schluss mit dem Ball gespielt“, erzählt sie. Später saß sie auf dem Ergometer. „Zehn Minuten ohne Pause“, sagt sie stolz.

Im Speisesaal treffen sich alle wieder. Jana Hofmann geht von Tisch zu Tisch, fragt, wie es geht, was fehlt, ob etwas organisiert werden muss. Zwischen Tabletts und kurzen Gesprächen wird sichtbar, was Schnabel meint, wenn er von sozialer Teilhabe spricht. Wer krank ist, verliert oft nicht nur Kraft, sondern auch Alltag. Hier wird beides geübt.

In einem Behandlungszimmer im Krankenhaus sitzt eine ältere Dame wahrscheinlich auf einem Krankenhausbett oder einem Stuhl. Ein Arzt beugt sich über ihre Hand und fühlt ihren Arm.
Im Ambulant-Geriatrischen Zentrum des Goitzsche Klinikums in Bitterfeld-Wolfen werden ältere Patienten tagsüber behandelt und kehren nachmittags nach Hause zurück. Chefarzt Roberto Schnabel erklärt, warum das Modell Versorgungslücken schließen kann, wie die Behandlung abläuft und weshalb Medikamente, Hilfsmittel und soziale Kontakte in der…
19.05.2026Frank Brunner9 Min

Gemeinsam statt einsam

Marianne Stein sitzt ebenfalls im Speisesaal. Sie ist 79 Jahre alt und erzählt von einem Unfall im Februar. Sie wollte die Treppe hoch, dann sei ihr schwarz vor Augen geworden. „Klatsche nach vorne“, sagt sie. Ein komplizierter Bruch. Im Krankenhaus wurde sie an einem Dienstagabend operiert, am Sonnabend entlassen. „Und dann sieh zu, wie du fertig wirst“, sagt sie. Keine Pflegestufe. Waschen, anziehen, Frühstück machen – alles wurde zum Problem. Ihre Kinder arbeiteten tagsüber. Abends kamen sie, brachten Essen, halfen, was sie konnten. Dann erinnerte sich Stein an Jana Hofmann. Die Sozialdienstmitarbeiterin hatte sie in der Unfallchirurgie besucht und gefragt, ob sie das Angebot der Tagesklinik nutzen wolle. Stein wollte. „Endlich ist man mal unter Leute“, sagt sie. Nun gehe es vor allem darum, dass ihr Arm wieder beweglicher werde.

Zukunft des Modells unklar

Am Nachmittag ist es ruhiger geworden. Noch einmal durchquert Hubert Zerbin den langen Flur. Noch nicht vollständig wiederhergestellt, aber aufrechter, ruhiger, fitter. Er sagt: „Wenn ich weiter daran arbeite, kann ich bald wieder richtig laufen.“ Heidi Diebner betont, wie wichtig nicht nur die Therapien sind, sondern auch die anderen Menschen. Marianne Stein will endlich wieder aufs Rad. „Nicht E-Bike, sondern ein richtiges Rad.“ Roberto Schnabel sieht in solchen Sätzen mehr als persönliche Erfolgsgeschichten. Für ihn zeigen sie, warum geriatrische Versorgung früher ansetzen muss: bevor aus Unsicherheit ein Sturz wird, aus Schmerzen Immobilität, aus Einsamkeit Rückzug und aus einer Versorgungslücke Pflegebedürftigkeit.

Ob das Modell dauerhaft weitergeführt werden kann, hängt auch von den Ergebnissen der wissenschaftlichen Evaluation ab. Die übernimmt die Universitätsmedizin Jena, finanziert vom Land Sachsen-Anhalt. Erfasst werden unter anderem Fallzahlen, Zugangswege, Wartelisten, Verweildauer, Abbrüche, medizinische Entwicklung und Akzeptanz bei Patienten, Zuweisern und Leistungserbringern. Die AOK Sachsen-Anhalt ist bislang die einzige Krankenkasse, die das Modell trägt. AOK-Mitarbeiterin Anja Gebühr hofft, dass es nach Ende der Förderung weitergeht: Wünschenswert sei eine zukunftsfähige Vergütungsform und eine Überführung in die Regelversorgung. „Das Interesse anderer Kliniken“, sagt sie, „ist groß.“

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