„Wir wollen verhindern, dass Menschen pflegebedürftig werden“
Im Ambulant-Geriatrischen Zentrum des Goitzsche Klinikums in Bitterfeld-Wolfen werden ältere Patienten tagsüber behandelt und kehren nachmittags nach Hause zurück. Chefarzt Roberto Schnabel erklärt, warum das Modell Versorgungslücken schließen kann, wie die Behandlung abläuft und weshalb Medikamente, Hilfsmittel und soziale Kontakte in der Geriatrie oft genauso wichtig sind wie die klassische Therapie.
Herr Schnabel, warum braucht es ein Ambulant-Geriatrisches Zentrum?
Roberto Schnabel: Mit dem Ambulant-Geriatrischen Zentrum möchten wir gemeinsam mit der AOK die vorhandenen Strukturen zur Versorgung geriatrischer Patientinnen und Patienten weiterentwickeln und verbessern. Dafür wollen wir die Tageskliniken nutzen, die bereits an verschiedenen Einrichtungen vorhanden sind und teils Probleme mit der Belegung haben.
Dieses Projekt ist besonders für ländliche Regionen interessant, da es hier oft zu Versorgungsengpässen kommt. Hier finden ältere Menschen mit verschiedenen Vorerkrankungen aufgrund des zunehmenden Hausarztmangels immer schwieriger die medizinische Unterstützung, die sie benötigen. Unser Projekt kann die hausärztliche Betreuung ergänzen und damit Entlastung schaffen.
Welche Lücke schließt das Angebot?
Schnabel: Viele ältere Patientinnen und Patienten sind unmittelbar nach einem Krankenhausaufenthalt noch nicht wieder so mobil oder selbstständig wie vorher. Sie können sich im Ambulant-Geriatrischen Zentrum nachbehandeln lassen und so wieder mehr Eigenständigkeit erlangen, auch durch eine adäquate Hilfsmittelversorgung. Dadurch können sie länger im eigenen Zuhause bleiben, eine Pflegebedürftigkeit und Abhängigkeit von anderen wird vermieden. So kann die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten erhalten werden, Angehörige und die Sozialsysteme werden entlastet.
Um welche Patienten geht es typischerweise?
Schnabel: Wir sprechen von älteren Personen mit ihren typischen Beeinträchtigungen und Erkrankungen. Beispielhaft ist ein älterer Herr, der daheim stürzt und sich den Schenkelhals bricht. Er wird in einer unfallchirurgischen Klinik behandelt. Die medizinische Versorgung ist abgeschlossen, aber die Mobilität ist noch nicht wieder so, wie sie vorher war. Dann stellt sich die Frage: Wie kommt dieser Mensch wieder sicher in seinen Alltag?
Wie lautet die Antwort?
Schnabel: Wir schauen nicht nur auf die konkrete Krankheit, sondern auch auf die Ursachen. Bei Stürzen fragen wir: Warum kam es dazu? Stecken Schwindel, Herzrhythmusstörungen, Blutdruckprobleme oder eine Diabeteserkrankung dahinter? Das müssen wir abklären. Geriatrische Behandlung bedeutet deshalb immer beides: rehabilitative Behandlung und medizinische Diagnostik.
Was passiert, wenn Patient zu Ihnen kommt?
Schnabel: Zuerst erhebt eine Ärztin oder ein Arzt die Anamnese und untersucht die Person. Dann schauen wir systematisch: Welche Probleme bestehen? Hat die Person Schmerzen? Ist sie ausreichend mit Hilfsmitteln versorgt? Kann sie Treppen steigen? Hat sie Probleme mit dem Sehen oder Hören? Gibt es Angehörige oder jemanden, auf den sie sich verlassen kann? Für diese komplexe Abklärung nutzen wir standardisierte Fragebögen, beispielsweise den sogenannten Lachs-Test. Danach ergänzen die Therapeuten ihre Einschätzung: Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie. Aus allem zusammen entsteht ein individueller Behandlungsplan.
„Wir schauen nicht nur auf die konkrete Krankheit, sondern auch auf die Ursachen.“
Chefarzt
Welche Ziele stehen im Mittelpunkt der Behandlung?
Schnabel: Wir konzentrieren uns vor allem auf Mobilität, Selbsthilfefähigkeit, Kognition und Emotion. Wie sicher kann jemand gehen? Wie gut kann er sich selbst versorgen? Kann sich die Person selbstständig waschen? Kann sie sich anziehen? Kann sie mit dem Rollator sicher umgehen? Kommt sie mit Treppen zurecht? Kann sie Mahlzeiten vorbereiten?
Wie lange dauert die Behandlung?
Schnabel: Im Rahmen des Projekts können Patientinnen und Patienten bis zu 21 Tage behandelt werden. Das muss nicht am Stück sein. Manche kommen zunächst 15 Tage und gehen dann wieder in die Häuslichkeit. Zu einem späteren Zeitpunkt setzen sie die Behandlung fort und wir schauen dann, was sich stabilisiert oder verbessert hat, und passen die Behandlung daraufhin an.
Wie kommen Patienten ins Ambulant-Geriatrische Zentrum?
Schnabel: Die Patientinnen und Patienten, die stationär in unserem Klinikum behandelt werden und bei denen ein weiterer Therapiebedarf festgestellt wird, werden im Zentrum aufgenommen. Alternativ gibt es den ambulanten Zugang über die Hausärztinnen und -ärzte.
Welche Rolle spielen die Hausärzte?
Schnabel: Sie sind enorm wichtig. Sie sind die ersten, die mit geriatrischen Patientinnen und Patienten im Alltag konfrontiert sind und die Behandlung koordinieren. Wir verstehen uns als ergänzendes Angebot und als Unterstützung für die hausärztliche Versorgung und stehen im engen Austausch mit den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, beispielsweise über die persönliche Kommunikation, über Newsletter und speziell angebotene Fortbildungen. Gerade im ländlichen Raum ist diese Vernetzung entscheidend.
Welche Diagnostik können Sie im AGZ leisten?
Schnabel: Wir können begleitend eine Reihe von Untersuchungen durchführen, so etwa Blutdiagnostik, EKG, Langzeit-EKG, Ultraschall, Herzecho und Doppleruntersuchungen. Wenn jemand Magenbeschwerden hat, können wir eine Magenspiegelung vorbereiten und durchführen. Das ist ein Vorteil gegenüber der rein ambulanten Versorgung. Wir können Beschwerden, die während der Behandlung auffallen, zeitnah abklären. Beim Langzeit-EKG zum Beispiel geht die Patientin oder der Patient mit dem Gerät nach Hause und bewegt sich dort unter Alltagsbedingungen. Das ist aussagekräftiger, als wenn man auf der Station nur ein paar Schritte geht.
Welche Patienten sind für das Angebot geeignet – und wo sind Grenzen?
Schnabel: Die Patientinnen und Patienten müssen über 70 Jahre alt sein, die Behandlung akzeptieren und kognitiv in der Lage sein, am Programm teilzunehmen. Da es sich um ein teilstationäres Angebot handelt, müssen die Patientinnen und Patienten transportfähig sein.
Wir behandeln vor allem Menschen mit Pflegegrad 1 bis 3. Hochdemente Patientinnen und Patienten mit ausgeprägter Weglauftendenz können wir leider nicht behandeln. Wir sind ein offenes Haus.
Wie ist der Tagesablauf organisiert?
Schnabel: Grundsätzlich besteht im Modell die Möglichkeit für eine vier- oder achtstündige Behandlung. Es wäre allerdings schwer vermittelbar, einzelne Patientinnen und Patienten nach vier Stunden nach Hause zu schicken, während andere bleiben. In der Praxis haben wir also einen achtstündigen Behandlungstag mit Mittagessen und Ruhezeit.
Zum Tagesablauf gehören die ärztliche Visite, die Pflege sowie Einzel- und Gruppenangebote aus den Bereichen Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie. Alle Behandlungseinheiten sind individuell auf den jeweiligen Bedarf abgestimmt. Manche Patientinnen und Patienten trainieren am Ergometer, andere üben ihr Gleichgewicht oder das Treppensteigen, andere wiederum trainieren das Waschen oder andere alltagspraktische Tätigkeiten.
Warum sind alltagsnahe Übungen so wichtig?
Schnabel: Die Patientinnen und Patienten sollen ihren Alltag bewältigen können. Sie wollen auch unebene Wege mit dem Rollator meistern, sie wollen Besteck greifen und benutzen können, um zu frühstücken.
Deshalb trainieren wir das Gehen in einem speziellen Außenbereich, in dem es auch unvorteilhafte Wege gibt – wie im realen Stadtumfeld. Wir haben Hochbeete, an denen die Patientinnen und Patienten ihre Feinmotorik beim Gärtnern üben können. Das ist auch emotional wichtig: Erinnerungen an frühere Erlebnisse im eigenen Garten kommen auf. Und etwas anzubauen, das unsere Patientinnen und Patienten in unserer Küche eigenständig verwerten können, stärkt das Selbstbewusstsein und das Gefühl, etwas beitragen zu können.
„Wir brauchen Versorgungsformen zwischen Krankenhaus und dem Zuhause.“
Chefarzt
In der Geriatrie geht es also nicht nur um körperliche Funktionen?
Schnabel: Nein. Viele Patientinnen und Patienten sind auch einsam oder depressiv, manche sozial isoliert. Wenn ältere Menschen kaum noch rausgehen, fehlt Bewegung, fehlen Kontakte, manchmal auch Sonnenlicht. Wir sehen häufig Vitamin-D-Mangel. Das alles kann sich gegenseitig verstärken. In der Tagesklinik kommen die Menschen wieder unter Leute. Sie sprechen miteinander, singen, machen gemeinsam Übungen. Da entsteht wieder Lebenslust. Auch das gehört zur Behandlung.
Wie wird geprüft, ob das Projekt erfolgreich ist?
Schnabel: Wir erfassen zu Beginn und am Ende der Behandlung verschiedene Parameter. Dazu gehören zum Beispiel der Barthel-Index, Handkraftmessungen, die Überwindung von Gehstrecken, die Mobilität mit Hilfsmitteln sowie kognitive und emotionale Aspekte. Wir schauen: Hat sich die Stimmung verbessert? Ist die Person sicherer geworden? Kann sie sich im Alltag besser bewegen? Die Daten werden anonymisiert ausgewertet. Entscheidend ist nicht ein abstrakter Wert, sondern die Frage: Was bringt es der einzelnen Patientin, dem einzelnen Patienten?
Das Projekt ist zunächst auf ein Jahr befristet. Wie sollte es weitergehen?
Schnabel: Aus meiner Sicht ist es äußerst sinnvoll, solche Strukturen weiterzuentwickeln. Durch sie kann man langfristig Kosten sparen, Krankenhauseinweisungen reduzieren und vor allem den Nutzen für die Patientinnen und Patienten erhöhen. Wir hoffen, dass man sich die Ergebnisse anschaut und vielleicht ein weiteres Jahr anschließt. Schön wäre, wenn nicht nur die AOK diesen Weg geht, sondern wenn auch andere Kassen sagen: Das können wir uns für unsere Patientinnen und Patienten vorstellen.
Warum ist das Thema aus Ihrer Sicht so dringlich?
Schnabel: Die Menschen werden älter, Familien wohnen nicht mehr selbstverständlich am selben Ort, Hausärztinnen und -ärzte fehlen und stationäre Betten werden auf Dauer eher abgebaut. Gleichzeitig wollen die meisten Menschen so lange wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld bleiben. Dafür brauchen wir Versorgungsformen zwischen Krankenhaus und dem Zuhause. Das Ambulant-Geriatrische Zentrum ist ein Weg, genau diese Lücke zu schließen.
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