„Medizin erfordert Liebe zum Menschen“
Prof. Dr. Jalid Sehouli denkt über Grenzen hinaus und lässt sich nicht entmutigen. So hat es der Sohn marokkanischer Einwanderer bis zum Leiter der Klinik für Gynäkologie an der Charité gebracht, in der er 1968 geboren wurde. Sein Engagement gilt insbesondere der „patientenzentrierten Behandlung“.
Herr Professor Sehouli, Sie wurden gerade für Ihr „außergewöhnliches Engagement bei der Behandlung und Begleitung von Patientinnen mit gynäkologischen Tumoren“ und Ihren vielfältigen Aktivitäten in der Kunst, Kultur und Gesellschaft mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Sprechen Sie lieber von patientenorientierter oder patientenzentrierter Behandlung?
Prof. Sehouli: Das ist ein wichtiger Unterschied. Patientenorientiert wäre im Kern noch zu paternalistisch gedacht. Also nach dem Motto: Ich weiß, was gut für Sie ist ohne echte Patientinnenbeteiligung. Patientenzentriert hingegen bedeutet einen echten Wandel: Zum einen hin zu einer personalisierten und individualisierten Medizin, die Diagnostik und Therapie stärker auf den einzelnen Menschen abstimmt. Und dies auch mit Blick auf Lebensziele und Lebensumstände der Patienten. Zum anderen geht es um Partizipation, also die Teilhabe der Patientinnen und Patienten an Entscheidungen. Patientenzentrierung heißt deshalb: Wir treten in einen Dialog, auf Augen- und auf Herzenshöhe.
Auf „Herzenshöhe“? Was meinen Sie damit?
Sehouli: Augenhöhe ist wichtig und setzt voraus, dass ich dem Patienten gut verständlich die Lage erkläre. Herzenshöhe geht weiter. Sie bedeutet, dem Menschen mit echtem Respekt zu begegnen - emotional wie menschlich. Eine Arzt-Patient-Beziehung beginnt immer mit Vertrauen. Dieses Vertrauen entsteht nur, wenn man sich gegenseitig ernst nimmt. Herzenshöhe heißt auch: keine vorschnellen Bewertungen, keine Kategorisierung nach Bildung, Herkunft oder sozialem Status. Erst einmal dem Menschen begegnen, nicht dem Fall.
Welche Rolle spielt dabei das Gespräch?
Sehouli: Das Gespräch ist die wichtigste medizinische Maßnahme überhaupt. Es geht um mehr als Worte. Es geht um Haltung, Körpersprache, Achtsamkeit. Kommunikation braucht Selbstreflexion: Wie wirke ich? Wie höre ich zu? Wie gehe ich mit Emotionen um? Welche Botschaft möchte ich senden? Was kommt bei den Patienten tatsächlich an? Ich bin überzeugt: Das Arzt-Patienten-Gespräch muss gelernt, reflektiert und immer weiter trainiert werden. Es gibt regelmäßige Hygieneschulungen. Gesprächstrainings fehlen im Medizinsystem bislang aber fast vollständig.
Als Krebsspezialist müssen Sie recht oft schlechte Nachrichten überbringen. Wie besprechen Sie eine solche Diagnose?
Sehouli: Eine Krebsdiagnose löst eine Reihe von Gefühlen und Gedanken aus, das ist gerade bei existentiellen Diagnosen mehr als nur menschlich. Man spürt, wie der Raum erfüllt ist von Angst. Man sollte dies erst einmal zulassen, der Angst Raum geben. Es hat keinen Sinn, jetzt mit medizinischen Fachbegriffen die verschiedenen Tumorarten oder Stadien zu erklären. Angst blockiert Verstehen.
„Das Gespräch ist die wichtigste medizinische Maßnahme überhaupt.“
Direktor der Klinik für Gynäkologie mit Zentrum für onkologische Chirurgie an der Charité
Was hilft gegen die Angst?
Sehouli: Gegen Angst hilft grundsätzlich Kreativität, Zeichnen, Schreiben, Tanzen – was auch immer. In solchen Gesprächen frage ich nach einigen Sekunden, ob ich anhand einer Zeichnung einmal die Situation erläutern soll. Ich stehe auf, gehe zum Whiteboard. Das schafft einen Moment der Ruhe und der Besinnung auf ein gemeinsames Einordnen. Ich kann nicht wirklich gut zeichnen, aber mit jedem Strich einer einfachen Skizze spürt man, wie die Ohnmacht weicht, das Unfassbare wird fassbarer. Hier beginnt unser gemeinsamer Weg gegen den Krebs und gegen die Angst - ausgehend von der ganz individuellen Lebenslage des Patienten, von seinen Gedanken an Partner und Kinder etwa.
Wie schützen Sie sich emotional?
Sehouli: Tatsächlich muss ich abends erst herunterkommen, ohne dass ich aber wirklich das, was ich erlebe, als Last empfinde. Dazu gehe ich oft einkaufen, bevor ich nach Hause gehe - und wenn es nur ein Joghurt oder frisches Obst ist.
Die patientenzentrierte Behandlung erfordert Achtsamkeit und Empathie - nicht gerade die Eigenschaften, die der Numerus clausus ausweist?
Sehouli: Achtsamkeit und Selbstreflexion sind menschliche Fähigkeiten, die man hat oder nicht, die aber grundsätzlich erwerbbar oder besser gesagt wieder erweckbar sind. Ich selbst habe beides erlebt: Ich habe Angst vor dem Zahnarzt, aber mein Zahnarzt geht darauf ein. Anders in einer Klinik in Spanien: Ich war dort mit Nierensteinen. Obwohl ich Arzt bin, fühlte ich mich nicht ernst genommen. Diese Erfahrungen zeigen: Patientenzentrierung ist keine alleinige Technik, sondern eine Grundhaltung. Medizin erfordert Liebe zum Menschen.
Also sollte man den Abiturnoten weniger Gewicht geben?
Sehouli: Ja. Weltweit wird der Zugang zum Medizinstudium überwiegend nach der naturwissenschaftlichen Leistung geregelt. Medizin ist aber nicht nur Natur-, sondern auch Erfahrungs- und Sozialwissenschaft. Ich selbst bin nach einer Krankenpfleger-Ausbildung über ein Auswahlgespräch ins Studium gekommen. Solche Verfahren sollten gestärkt werden. Kommunikation kostet Zeit.
Wie passt das ins Abrechnungssystem?
Sehouli: Gespräche werden schlecht oder gar nicht honoriert – ein 20-minütiges Gespräch mit wenigen Euros. In Technik wird viel mehr investiert. Ich sage bewusst: Kommunikation in der Medizin wird strukturell diskriminiert. Wenn wir sie ernst nehmen wollen, müssen wir die Rahmenbedingungen verändern.
Wenn Sie Gesundheitsminister wären, was wäre Ihr Leitmotiv?
Sehouli:Mehr Ehrlichkeit! Ehrlichkeit darüber, was sinnvoll ist. Vieles wird geduldet, um Lobbygruppen nicht zu verärgern. Wir wenden Therapien an, deren Nutzen längst widerlegt ist, ja, die sogar schädlich sein können. Und wir müssen wegkommen von den fragmentierten und getrennten Strukturen, hin zu besser vernetzten und definierten Patientenwegen. Ich halte viel von der Krankenhausreform, die zu Kompetenzkonzentration sowie zu Versorgungsnetzen führen wird, doch das setzt intersektorale Möglichkeiten voraus. Deutschland hat eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, aber es kann menschlicher, gerechter und klüger werden. So brauchen wir Kommunikation als Grundpfeiler medizinischen Handelns.
Menschlicher über eine patientenzentrierte Behandlung, klüger über Effektivitätsgewinne – und was meinen Sie mit gerechter?
Sehouli: Das deutsche Sozialsystem beruht auf der Überzeugung, dass soziale Leistungen von allen getragen werden sollen – anders als oftmals im Ausland, wo vieles nur für diejenigen, die es sich leisten können, über private Zusatzleistungen zu bekommen ist. Aber Gesundheit ist ein Gemeingut, zu dem alle nach ihrem Können beitragen sollten. Leider gibt es hier gerade Tendenzen, die das in Frage stellen. Und wir sollten dort nachjustieren, wo menschliche Arbeit durch KI ersetzt wird.
Sie meinen, dass auch von KI erbrachte Leistungen sozialabgabepflichtig werden sollen?
Sehouli: Wir sollten diejenigen, die menschliche Arbeit durch KI ersetzen und auf diese Weise Werte schöpfen, ebenfalls zur Finanzierung unserer Sozialsysteme heranziehen. Wenn Wertschöpfung sich verändert, müssen auch Finanzierungsmodelle angepasst werden.
Wird KI auch Ärzte ersetzen?
Sehouli: KI ist schon sehr gut etwa bei der Diagnose, zumal in Studien sogar als empathischer bewertet. Aber Ärzte braucht es für ein Gespräch, das Vertrauen schafft, und für die Verantwortung, die zu übernehmen ist. KI wird und darf Ärzte nicht ersetzen, Medizin muss menschlich bleiben, was nicht ausschließt, dass gewisse Prozesse mit Hilfe von KI bewerkstelligt werden.
Zurück zur patientenzentrierten Behandlung: Es gehört auch die Umgebung dazu. Sie arbeiten mit Farben, Licht und Düften. Aktuell planen Sie einen Kräutergarten. Gab es Widerstand?
Sehouli: Neue Ideen werden oft belächelt. Wer Pionier ist, wird manchmal nicht verstanden. Entscheidend ist, Schritt für Schritt vorzugehen. Ich sehe im Vorhandenen, was geht, und was fehlt. Dann verändere ich aus den vorhandenen Strukturen heraus, ich sprenge das vorhandene System. Veränderung braucht Geduld, ein Konzept, Allianzen und Struktur.
Was treibt Sie dabei an?
Sehouli: Meine Haltung ist besonders geprägt von meiner Herkunft: Meine Mutter kam gemeinsam mit meinem Vater als Analphabetin nach Berlin. Sie arbeitete im Wedding, ganz nah an der Charité als Stationshilfe. Sie sagte nie „das geht nicht“, sondern immer „versuche es“. Auch, als ich sagte, dass ich Arzt werden möchte.
Sie haben einen Roman geschrieben. Worum geht es?
Sehouli: Es ist ein fiktiver Roman über Identität und Moral im Kontext des Zweiten Weltkriegs. Ein junger, blonder Marokkaner, Karim, nimmt die Identität eines deutschen Soldaten, Hans, an, der gefallen ist. Erst spät habe ich gemerkt, wie viel Persönliches darin steckt. Identität ist nie eindimensional - wir alle tragen mehrere in uns.
Zur Person
Jalid Sehouli, geboren 1968 in Berlin, begann seine Ausbildung als Krankenpflegeschüler an der Charité. Dort absolvierte er Medizinstudium, fachärztliche Ausbildung, Promotion und Habilitation. Seit 2014 ist er Ordinarius für Gynäkologie an der Charité. Aktuell ist er Präsident der European Society of Gynaecological Oncology. Sehouli ist einer der weltweit führenden Krebsspezialisten und setzt sich für die Verbesserung der Frauengesundheit, die Stärkung von Selbsthilfe und das Empowerment von Patientinnen ein. Klinischer und wissenschaftlicher Schwerpunkt: gynäkologische Onkologie, insbesondere Ovarialkarzinom.
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