„Sicherheit entsteht nicht allein durch Kontrolle“
Verbindliche Standards schaffen Sicherheit und bringen gesichertes Wissen in die Versorgung. Doch kein Regelwerk kann jeden Einzelfall vorwegnehmen. Der Soziologe Armin Nassehi erklärt, warum gute Versorgung deshalb auch professionelles Urteil und verantwortliche Handlungsspielräume braucht.
Herr Professor Nassehi, warum brauchen komplexe Systeme wie das Gesundheitswesen verbindliche Regeln, obwohl sie nie alle denkbaren Situationen vorwegnehmen können?
Prof. Dr. Armin Nassehi: Komplexität bedeutet ja, dass nicht alle Situationen vorhersehbar sind. Wenn man jeden Einzelfall antizipieren könnte, bräuchte man lediglich passende Handlungsanweisungen für jede Eventualität. Doch Dinge entwickeln sich anders als geplant, unvorhergesehene Einzelfälle treten auf und Zielkonflikte entstehen. Der allseits bekannte Satz „Alles hängt mit allem zusammen“ stimmt, man sollte nur ergänzen: „Alles hängt mit allem zusammen, aber man weiß nicht genau, wie.“
Wann schaffen Standards Sicherheit und wann erschweren sie eine angemessene Reaktion im Einzelfall?
Nassehi: Standards schaffen zunächst Verlässlichkeit. Sie sorgen dafür, dass Behandlungen nicht allein von persönlichen Routinen oder spontanen Entscheidungen abhängen. Sie machen Abläufe nachvollziehbar und schützen Patientinnen und Patienten. Gleichzeitig schränken sie Handlungsspielräume ein. Darin liegt das Spannungsverhältnis: Wir brauchen Regeln, um mit Unsicherheit umgehen zu können, aber genau dieselben Regeln können auch verhindern, dass auf eine besondere Situation angemessen reagiert wird.
Hätten Sie dafür ein Beispiel?
Nassehi: Im Gesundheitswesen zeigt sich das bei den Dokumentationspflichten. Ärzte und Pflegekräfte müssen jeden Schritt so dokumentieren, dass er fachlich und rechtlich nachvollziehbar bleibt. Gleichzeitig bindet es Zeit und kann als Einschränkung erlebt werden, wenn die konkrete Versorgungssituation mehr Flexibilität verlangt.
Warum führen zusätzliche Regeln nicht zwangsläufig zu größerer Sicherheit?
Nassehi: Weil Regeln immer nur bekannte Risiken erfassen. Je mehr Regeln man hinzufügt, desto größer wird zudem der Aufwand, sie einzuhalten, zu kontrollieren und zu dokumentieren. Das kann Aufmerksamkeit binden, die dann an anderer Stelle fehlt. Außerdem erzeugen Regeln neue Probleme. Wenn jede Abweichung vermieden werden soll, entsteht ein System, in dem Beschäftigte womöglich nur noch darauf achten, formal korrekt zu handeln. Das muss nicht identisch sein mit einer sachlich guten Entscheidung.
Sicherheit entsteht nicht allein durch Vorschriften?
Nassehi: Nein, sie entsteht auch durch Erfahrung, Kommunikation und die Fähigkeit, Unsicherheit zu erkennen. Ein System ist nicht dann sicher, wenn niemand mehr entscheiden muss, sondern wenn Entscheidungen verantwortungsvoll getroffen und überprüft werden können. Leitlinien dienen als Orientierung, sie sind keine starren Befehle. Medizinische Standards geben vieles vor, aber sie können nicht jeden Einzelfall erfassen. Deshalb braucht es Fachleute, die beurteilen, wann eine Abweichung notwendig ist.
Welche Rolle spielt Erfahrung?
Nassehi: Eine sehr große. Junge Fachkräfte halten sich meist enger an Regeln, weil ihre Unsicherheit größer ist. Erfahrene Ärzte und Pflegekräfte wissen eher, wo Spielräume bestehen und welche Abweichungen sie verantworten können.
Was sollte eine Ärztin oder Pflegekraft tun, wenn die Regel nicht weiterhilft?
Nassehi: Sie muss abweichen können und diese Abweichung nachvollziehbar begründen. Entscheidend ist nicht, ob von einer Regel abgewichen wird, sondern warum und wie die Entscheidung abgesichert ist. Ohne informelle Wege würden Organisationen oft gar nicht funktionieren: Beschäftigte holen Rat bei erfahrenen Kollegen ein oder finden pragmatische Lösungen, die der offizielle Ablauf nicht vorsieht.
Ebenfalls wichtig: Wer bei jedem Fehler Sanktionen fürchten muss, wird Probleme eher verbergen. Es braucht deshalb Räume wie Fallbesprechungen, Qualitätszirkel oder multiprofessionelle Teams, in denen Entscheidungen gemeinsam reflektiert werden. Verantwortung wird dadurch nicht geringer, sondern nachvollziehbarer.
Welche organisatorischen Voraussetzungen brauchen Beschäftigte, um in unerwarteten Situationen verantwortlich entscheiden zu können?
Nassehi: Sie brauchen zunächst Zeit. Gerade in der Pflege sinken durch Personalmangel und Kostendruck oft die Kontaktzeiten mit Patienten. Pflegekräfte sind jedoch ein wichtiges Frühwarnsystem. Sie bemerken Veränderungen häufig früh, weil sie kontinuierlich am Patienten sind.
„Pflegekräfte sind ein wichtiges Frühwarnsystem, weil sie kontinuierlich am Patienten sind.“
Professor für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie und stellvertretender Präsident an der Ludwig-Maximilians-Universität München
Fehlt diese Kontaktzeit, dann verschlechtert sich auch der Informationsfluss.
Nassehi: Eben. Dann kann ein System zwar viele Regeln haben, aber entscheidende Beobachtungen erreichen die zuständigen Personen nicht rechtzeitig. Außerdem braucht es Kommunikationswege, die nicht nur hierarchisch funktionieren. Beschäftigte müssen widersprechen und auf Probleme hinweisen können, ohne ihre Stellung zu gefährden. Und es braucht Teams, in denen unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen.
Können Sie das an einem Beispiel veranschaulichen?
Nassehi: Die Palliativmedizin ist wahrscheinlich eine der kommunikativsten Formen in der Medizin. Dort arbeiten Ärzte, Pflegekräfte, Psychologen, Sozialarbeiter, Seelsorger und weitere Berufsgruppen zusammen. Der Grund ist, dass sich die Aufgabe nicht auf eine einzelne medizinische Entscheidung reduzieren lässt. Es geht um Schmerzen, Atmung, Ernährung, psychische Belastungen, Angehörige, soziale Fragen und Wünsche für die letzte Lebensphase. Viele dieser Aspekte sind nicht vollständig standardisierbar. In der Palliativmedizin können Pflegekräfte Probleme wahrnehmen, die ärztlich noch nicht erkannt wurden. Seelsorger finden andere Zugänge zu Patienten und Angehörigen.
Besteht die Gefahr, dass mehr Kommunikation Entscheidungen verlangsamt?
Nassehi: Ja. Je mehr Menschen beteiligt sind, desto mehr Abstimmung braucht es, und das kostet Zeit. Schneller geht es, wenn einer entscheidet, etwa der Chefarzt. Aber eine schnelle Entscheidung ist nicht automatisch die beste. Gerade in komplexen Situationen können unterschiedliche Perspektiven helfen, Fehler zu vermeiden. Deshalb muss die Kommunikation gut organisiert sein: Es muss feststehen, wer einbezogen wird, wann Entscheidungen fallen und wer am Ende die Verantwortung trägt.
Welche Folgen hat der Kostendruck für das Verhältnis von Regeln und Handlungsspielräumen?
Nassehi: Kostendruck verengt die Handlungsspielräume. Wenn Personal knapp ist, bleibt weniger Zeit für Austausch, Abwägungen und individuelle Lösungen. Zugleich entstehen ökonomische Anreize, die mit medizinischen Zielen in Konflikt geraten können. Die Herausforderung besteht darin, Effizienz nicht zum alleinigen Maßstab werden zu lassen, denn gute Versorgung braucht Zeit, Aufmerksamkeit und professionelles Ermessen.
Vergrößert der medizinische Fortschritt diese Konflikte?
Nassehi: Nur begrenzt. Medizinischer Fortschritt schafft immer neue Behandlungsmöglichkeiten, zugleich kann nicht alles unbegrenzt finanziert werden. Regulierung kann solche Zielkonflikte ordnen und Entscheidungen nachvollziehbarer machen, aber sie kann sie nicht auflösen. Je mehr die Medizin kann, desto häufiger muss entschieden werden, was im konkreten Fall sinnvoll und vertretbar ist – und genau das lässt sich nicht vollständig vorab regeln.
Muss ein System diese Paradoxie aushalten?
Nassehi: Es wäre naiv zu sagen, dass wir einfach mehr Regeln brauchen. Ebenso naiv wäre es, alle Regeln abzuschaffen und nur auf individuelle Freiheit zu setzen. Fast jede Regel hatte ursprünglich einen nachvollziehbaren Sinn. Sie sollte Sicherheit, Gleichbehandlung oder Transparenz schaffen. Manchmal bleibt eine Regel jedoch bestehen, obwohl ihr Zweck kaum noch erkennbar ist. Deshalb muss Regulierung regelmäßig überprüft werden.
Wie findet man das richtige Verhältnis von Sicherheit und Freiheit?
Nassehi: Beides sind keine einfachen Gegensätze. Für manche Freiheiten braucht man Sicherheit. Und manche Formen von Sicherheit setzen Handlungsspielräume voraus. Das lässt sich an der Kindererziehung zeigen: Ein Kind darf erst dann allein über die Straße gehen, wenn es gelernt hat, auf den Verkehr zu achten. Freiheit setzt hier Sicherheit und Selbstkontrolle voraus. Im Gesundheitswesen ist es ähnlich. Professionelle Freiheit kann nur funktionieren, wenn Fachwissen, Erfahrung, Verantwortungsbewusstsein und überprüfbare Verfahren vorhanden sind. Umgekehrt entsteht Sicherheit nicht allein durch Kontrolle. Sie braucht Menschen, die Situationen beurteilen, miteinander sprechen und Verantwortung übernehmen.
Was ist die wichtigste Schlussfolgerung für ein verlässliches Gesundheitssystem?
Nassehi: Ein verlässliches Gesundheitssystem braucht beides: verbindliche Standards und begründbare Handlungsspielräume. Beschäftigte müssen Unsicherheiten ansprechen, Rat einholen und im Einzelfall von Regeln abweichen können – zugleich müssen ihre Entscheidungen nachvollziehbar bleiben. Entscheidend ist nicht, Unsicherheit durch immer mehr Kontrolle beseitigen zu wollen. Verlässlichkeit zeigt sich vielmehr darin, mit Unsicherheit so umzugehen, dass Verantwortung, Lernfähigkeit und Sicherheit gewahrt bleiben.
Zur Person
Prof. Dr. Armin Nassehi ist Professor für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der Ludwig-Maximilians- Universität München. Seit Oktober 2025 ist er dort Vizepräsident für Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Stellvertreter des LMU-Präsidenten.
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