Interview Gesundheitssystem

„Zivilcourage ist eine Frage der Rahmenbedingungen“

15.09.2026 Birgit Weidt 8 Min. Lesedauer

Die Sozialpsychologin Anna Baumert über Rassismus im Krankenhaus, Hierarchien im Gesundheitswesen und die Frage, warum Menschen häufig nicht eingreifen, wenn sie Diskriminierung oder anderes Unrecht beobachten.

ahaufnahme eines menschlichen Auges im Profil, das von warmem, goldenem Licht beleuchtet wird; der Hintergrund ist dunkel.
Hinschauen ist der erste Schritt: Nur wer Unrecht erkennt, kann Verantwortung übernehmen und handeln.
Anna Baumert, Sozialpsychologin und Professorin an der Universität Wuppertal

Frau Baumert, eine Pflegefachkraft aus Mexiko berichtete mir, dass sie in einer deutschen Notaufnahme wiederholt rassistisch beleidigt worden sei – von Patienten, aber auch von Vorgesetzten. Unterstützung habe sie kaum erfahren. Ist das ein Fall fehlender Zivilcourage?

Anna Baumert: Ja, das würde ich so sehen. Im Gesundheitswesen wird seit Jahren untersucht, warum Beschäftigte Fehler, Missstände oder respektloses Verhalten oft wahrnehmen, aber dennoch nichts sagen. Deutlich weniger erforscht ist die Frage, was passiert, wenn Pflegekräfte selbst beleidigt, diskriminiert oder rassistisch angegriffen werden, und ob Kolleginnen, Kollegen oder Vorgesetzte ihnen dann den Rücken stärken. 

Warum ist das Thema gerade im Gesundheitswesen so relevant?

Baumert: Weil dort unterschiedliche Hierarchien und Abhängigkeiten aufeinandertreffen. Pflegekräfte stehen zwischen Patienten, Angehörigen, Ärztinnen und Ärzten sowie der Klinikleitung. Gleichzeitig herrschen oft Zeitdruck, Personalmangel und hohe emotionale Belastung. Das sind Bedingungen, die es erschweren, für andere einzustehen.

Sie erwähnen Hierarchien. In der Forschung geht es oft darum, ob Pflegekräfte Ärzten widersprechen. Warum?

Baumert: Nehmen wir an, eine Pflegekraft erhält die Anweisung, ein bestimmtes Medikament zu verabreichen, ist aber überzeugt, dass da ein Fehler vorliegt. Dann muss sie jemandem widersprechen, der in der Hierarchie über ihr steht. Das erfordert Mut und die Bereitschaft, mögliche negative Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Deshalb wird in der Ausbildung vieler Pflegekräfte betont, dass ihre Verantwortung gegenüber dem Patienten wichtiger ist als blinder Gehorsam. Das berufliche Ethos verlangt, im Zweifel einzuschreiten. Das ist für viele jedoch nicht leicht, weil sie befürchten, Autoritäten infrage zu stellen, Konflikte auszulösen oder berufliche Nachteile zu riskieren.

In dem eingangs geschilderten Fall ging die Diskriminierung allerdings nicht von Ärzten, sondern von Patienten und Angehörigen aus.

Baumert: Das ist eine andere Konstellation. Aber auch hier spielen Hierarchien eine Rolle. Pflegekräfte werden gesellschaftlich oft nicht mit derselben Wertschätzung behandelt wie andere Berufsgruppen im Gesundheitswesen. Gleichzeitig haben viele Beschäftigte in der Pflege einen Migrationshintergrund. Wer ohnehin in einer verletzlichen Position ist, wird leichter Ziel von rassistischen oder respektlosen Angriffen.

„Wer konkrete Handlungsstrategien kennt, greift eher ein als jemand, der sich hilflos fühlt.“

Anna Baumert

Sozialpsychologin und Professorin an der Universität Wuppertal

Hat die Herkunft der Pflegekräfte dabei eine besondere Bedeutung?

Baumert: Zumindest kann sie das Risiko erhöhen. Menschen, die noch nicht lange in Deutschland leben, die Sprache vielleicht nicht perfekt beherrschen oder sich beruflich erst behaupten müssen, geraten häufiger ins Visier von Diskriminierung. Das bedeutet nicht, dass ihre Herkunft zwangsläufig zu Ausgrenzung führt. Sie kann jedoch dazu beitragen, dass manche Menschen glauben, sich respektlos oder rassistisch verhalten zu können.

Warum greifen manche Kolleginnen und Kollegen denn nicht ein, obwohl sie sehen, was passiert?

Baumert: Dafür gibt es verschiedene psychologische Gründe. Ein hilfreicher Denkrahmen ist das sogenannte Latané-und-Darley-Modell, das ursprünglich entwickelt wurde, um Hilfeverhalten zu erklären, sich aber gut auf Zivilcourage übertragen lässt. Es beschreibt mehrere Schritte, die Menschen durchlaufen müssen, bevor sie aktiv werden. Zunächst gilt es, überhaupt wahrzunehmen, dass etwas passiert. Danach wird die Situation als Unrecht eingeordnet. Anschließend stellt sich die Frage, ob die betreffende Person sich in der Verantwortung sieht, etwas zu tun. Dann geht es darum, ob sie weiß, wie sie helfen oder eingreifen kann. Schließlich werden mögliche Risiken und Konsequenzen abgewogen. An jeder dieser Stellen kann der Prozess ins Stocken geraten.

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Baumert: Im Klinikalltag herrscht oft enormer Zeitdruck. Manche bekommen eine diskriminierende Bemerkung gar nicht mit, andere sind unsicher, wie sie sie einordnen sollen. War das wirklich rassistisch gemeint oder nur ungeschickt formuliert? Dann stellt sich die Frage der Verantwortung: Muss ich reagieren oder ist jemand anderes zuständig? Und selbst wer eingreifen möchte, weiß oft nicht, was konkret zu tun wäre. Genau diese Unsicherheit führt häufig dazu, dass Menschen passiv bleiben.

Befragungen belegen Benachteiligungen

Aktuelle Studien dokumentieren wiederkehrende Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen international angeworbener Pflegekräfte. 

Ein Policy Brief des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) von 2025 beschreibt auf Grundlage qualitativer Interviews und Tagebücher Benachteiligungen durch Patienten und Kollegen sowie fehlende Unterstützung und diskriminierende Praktiken aufseiten von Vorgesetzten und Institutionen. 

Eine weitere Studie unter 800 Ärzten und Pflegekräften aus 22 deutschen Krankenhäusern ergab, dass 38,1 Prozent der Befragten Diskriminierung auf ihrer Station beobachtet und 13,5 Prozent selbst erlebt hatten.

Ist Wegsehen also oft eher Unsicherheit als Gleichgültigkeit – und welche Rolle spielt die Angst vor Konsequenzen?

Baumert: In vielen Fällen ist Unsicherheit ein entscheidender Faktor. Menschen stellen sich häufig vor, dass diejenigen, die nicht eingreifen, das Geschehen einfach ignorieren. Tatsächlich erleben viele eine Form von Lähmung: Sie wissen nicht genau, was richtig wäre, und greifen deshalb nicht ein. Zugleich spielt die Angst vor Konsequenzen eine große Rolle. Wer eingreift, riskiert Konflikte. Diese Kosten-Nutzen-Abwägung findet oft innerhalb von Sekunden statt. Wenn die möglichen Risiken hoch erscheinen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aktiv wird.

Gibt es Situationen, in denen die Erwartungen an die Beteiligten das Eingreifen erschweren?

Baumert: Gerade im Gesundheitswesen sind die Zuständigkeiten und Erwartungen klar verteilt. Pflegekräfte kümmern sich um Patienten. Freundlichkeit, solche Reaktion völlig berechtigt sein kann, fühlt sie sich für viele ungewohnt an.

Im Klinikalltag geben klare Regeln Beschäftigten Rückhalt bei Übergriffen.

Was wäre hilfreich – und gibt es solche Regeln bereits?

Baumert: Klare Regeln. Wenn eine Klinik deutlich macht, dass Diskriminierung und Beleidigungen nicht toleriert werden, entsteht Handlungssicherheit. Dann muss die einzelne Pflegekraft nicht jedes Mal neu überlegen, ob sie reagieren darf. Sie kann sich auf gemeinsame Standards berufen. Das senkt die psychologischen Hürden erheblich. Aus Sicht der Forschung wäre es sinnvoll, wenn Organisationen klare Verhaltensstandards formulieren und deutlich kommunizieren würden, dass Mitarbeitende bei Übergriffen Unterstützung erhalten.

Kann man Zivilcourage eigentlich lernen?

Baumert: Menschen können darin geschult werden, problematische Situationen schneller zu erkennen und angemessen zu reagieren. Besonders wichtig ist dabei das Gefühl, etwas bewirken zu können. Wer konkrete Handlungsstrategien kennt, greift eher ein als jemand, der sich hilflos fühlt. Man muss nicht sofort in die direkte Konfrontation gehen. Oft hilft es, andere einzubeziehen. Wenn mehrere Personen anwesend sind, kann man beispielsweise eine Kollegin direkt ansprechen: „Haben Sie das gerade auch gehört?“ Dadurch wird die Verantwortung geteilt. Aus einzelnen Beobachtern wird eine Gruppe, die gemeinsam reagieren kann. Das gilt sowohl im Alltag als auch im beruflichen Kontext.

„Man muss nicht sofort in die direkte Konfrontation gehen. Oft hilft es, andere einzubeziehen.“

Anna Baumert

Sozialpsychologin und Professorin an der Universität Wuppertal

Ist es immer richtig, sofort Stellung zu beziehen?

Baumert: Nein. Zivilcourage bedeutet nicht, sich selbst in Gefahr zu bringen. Manchmal ist es sinnvoller, Unterstützung zu holen oder eben andere einzubeziehen. Außerdem ist unmittelbares Handeln nicht immer möglich: Wer unter Zeitdruck steht oder von einer Situation überrascht wird, braucht oft zunächst einen Moment, um zu verstehen, was gerade passiert. Entscheidend ist, dass man die Situation verbessert und nicht zusätzlich eskalieren lässt. Stellen wir uns vor, eine Pflegekraft reagiert entschieden auf eine rassistische Bemerkung. Eine andere Person kommt später in den Raum und bekommt nur mit, wie die Pflegekraft laut wird. Da kann der Eindruck entstehen, die Pflegekraft sei aggressiv. In der Psychologie sprechen wir von einer Täter-Opfer-Umkehr. Die Person, die sich eigentlich gegen Unrecht wehrt, wird plötzlich selbst als Problem wahrgenommen.

Was hätte Ihrer Meinung nach der Vorgesetzte in dem eingangs geschilderten Fall tun müssen?

Baumert: Zunächst hätte er deutlich signalisieren müssen, dass ihre Erfahrungen ernst genommen werden. Darüber hinaus wäre es wichtig gewesen, konkrete Maßnahmen einzuleiten und klarzumachen, dass diskriminierendes Verhalten gegenüber Mitarbeitenden nicht akzeptiert wird. Wer ein respektvolles Arbeitsumfeld schafft, schützt nicht nur die Beschäftigten, sondern auch die Qualität der Versorgung.

Was braucht es, damit Menschen im Alltag häufiger den Mut finden, einzugreifen?

Baumert: Wir denken oft, Zivilcourage sei vor allem eine Frage des Mutes. Tatsächlich ist sie häufig eine Frage der Rahmenbedingungen. Menschen greifen eher ein, wenn sie wissen, was zu tun ist, wenn sie Unterstützung erwarten können und wenn ihre Organisation klar signalisiert: Wir stehen hinter euch. Dann wird aus einer individuellen Herausforderung eine gemeinsame Verantwortung.

Zur Person

Anna Baumert ist Sozialpsychologin und Professorin an der Universität Wuppertal. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit moralischem Verhalten, Zivilcourage, sozialer Verantwortung sowie den psychologischen Bedingungen, unter denen Menschen eingreifen oder wegsehen. Sie untersucht, wie gesellschaftliche Normen, Hierarchien und situative Faktoren beeinflussen, ob Menschen sich für andere einsetzen.

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