Artikel Gesundheitssystem

Sucht im Verborgenen

20.10.2026 Stefanie Roloff 9 Min. Lesedauer

Ein Opioid gegen Schmerzen, ein Benzodiazepin bei Schlaflosigkeit: Was mit einer medizinisch begründeten Therapie begann, hat bei ein bis zwei Millionen Menschen in Deutschland zu einer Medikamentenabhängigkeit geführt. Für eine wirksame Prävention fordern Fachleute eine bessere Datenlage und mehr Transparenz bei den Verordnungen.

Illustration: Eine Person im Schlafanzug liegt auf verschieden großen und bunten Pillen und Tabletten.
Eine Medikamentenabhängigkeit entwickelt sich oft schleichend und bleibt lange unbemerkt, weil Warnzeichen nicht früh erkannt werden.

Im Jahr 2025 wurden in Deutschland 118 Todesfälle im Zusammenhang mit Fentanyl registriert – über 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Das hochpotente Opioid wirkt gegen starke Schmerzen, kann abhängig machen und bei Überdosierung die Atmung gefährlich verlangsamen. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Professor Dr. Tom Bschor, Autor des Medikamentenkapitels im „DHS Jahrbuch Sucht 2026“, warnt dennoch davor, die Entwicklung mit der Lage in den USA gleichzusetzen. Dort begann die „Opioidkrise“ Ende der 1990er-Jahre mit einer stark ausgeweiteten Verschreibung opioidhaltiger Schmerzmittel. Später verlagerte sich der Konsum auf Heroin und schließlich auf illegal hergestelltes Fentanyl, das in den USA heute einen Großteil der tödlichen Überdosierungen verursacht. Die Entwicklung in Deutschland müsse dennoch aufmerksam beobachtet werden, um nicht erst zu reagieren, „wenn sich eine vergleichbare Krise bereits abzeichnet“, so Bschor. Auch das Trendspotter-Update des Nationalen Early Warning Systems (NEWS) des Instituts für Therapieforschung (IFT) in München sieht „keine akute Opioidkrise“. Dennoch hält das IFT, ebenso wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, eine kontinuierliche Überwachung der Verordnungen für wichtig, um Risiken früh zu erkennen.

Lücken in der Statistik

Unruhe, Angstzustände, Schlafstörungen: Der Griff zur Tablette erscheint oft als schnelle Lösung solcher Probleme.

Medikamentenabhängigkeit verläuft meist leise: innerhalb des Gesundheitssystems, auf ärztliche Verordnung und mitunter über Jahre. Oft wird sie weder von den Betroffenen noch von den Verordnenden als solche wahrgenommen. Schätzungen gehen von 1,1 bis 1,9 Millionen medikamentenabhängigen Menschen in Deutschland aus. Die Spanne hat mehrere Gründe: Privatrezepte werden nicht systematisch erfasst, illegal beschaffte Arzneimittel entziehen sich der Statistik. Eine ICD-Hauptdiagnose „Medikamentenabhängigkeit“ gibt es nicht. Entsprechende Fälle werden etwa unter Abhängigkeiten von Beruhigungs- und Schlafmitteln oder Opioiden erfasst. Wie viele Menschen deshalb beraten oder behandelt werden, lässt sich nicht verlässlich beziffern.

Besonders groß ist die Datenlücke bei Jugendlichen: Bundesweit werden Medikamentengebrauch und -missbrauch in dieser Altersgruppe nicht systematisch erhoben. Der Epidemiologische Suchtsurvey (ESA), eine vom Bundesgesundheitsministerium geförderte bevölkerungsrepräsentative Erhebung zum Suchtmittelkonsum in Deutschland, erfasst regulär Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren. 2024 wurden zusätzlich 65- bis 85-Jährige sowie in einzelnen Bundesländern auch 15- bis 17-Jährige einbezogen. „Medikamentenabhängigkeit entsteht häufig dort, wo Menschen eigentlich Hilfe suchen – und entwickelt sich dann schleichend außer Kontrolle“, sagt Bundestagsabgeordneter und Mediziner Professor Dr. Hendrik Streeck. Als Drogenbeauftragter der Bundesregierung warnt er: „Drogen, gefälschte Medikamente und hochriskante Mischungen sind heute oft nur wenige Klicks entfernt.“ Er fordert sichere Verschreibungswege, frühzeitige Beratung und gezielte Aufklärung.

Medikamente mit Suchtpotenzial

Rund vier bis fünf Prozent der häufig verordneten Arzneimittel haben nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) ein Missbrauchs- oder Abhängigkeitspotenzial – besonders solche, die auf das zentrale Nervensystem wirken. Zu den wichtigsten Medikamentengruppen mit Abhängigkeitspotenzial zählen Benzodiazepine und die pharmakologisch ähnlichen Z-Substanzen. Benzodiazepine wie Lorazepam oder Diazepam werden vor allem bei Angstzuständen, Unruhe und schweren Schlafstörungen eingesetzt, Z-Substanzen wie Zopiclon oder Zolpidem als Schlafmittel. Beide Gruppen sind grundsätzlich für den kurzfristigen Einsatz gedacht. Bei längerer Einnahme drohen Toleranz und Abhängigkeit. Zudem können Reaktions- und Gedächtnisleistung nachlassen und insbesondere bei älteren Menschen Stürze begünstigt werden. Abruptes Absetzen kann schwere Entzugssymptome bis hin zu Krampfanfällen auslösen. Die üblichen Benzodiazepin- und Z-Präparate benötigen meist kein Betäubungsmittelrezept (BtM-Rezept). Je nach Wirkstoff und Zubereitung gelten Ausnahmen.

Gerade ältere Menschen erhalten diese Mittel jedoch oft länger. Laut der im „DHS Jahrbuch Sucht 2026“ zitierten ProMeKa-Studie wurden Benzodiazepine und Z-Substanzen bei über 74-Jährigen 13-mal so häufig verordnet wie bei unter 30-Jährigen. Schlafstörungen, Unruhe und Ängste sind im Alter weit verbreitet, im Praxisalltag ist die Tablette oft die schnellste Lösung. „Für Gespräche, Psychoedukation oder verhaltenstherapeutische Maßnahmen bleibt häufig zu wenig Zeit“, sagt Bschor. An eine Psychotherapie werde bei älteren Menschen zu selten gedacht. Frauen erhalten der ProMeKa-Studie zufolge Benzodiazepine und Z-Substanzen 1,67-mal so häufig wie Männer. Unter den Konsumierenden erfüllten im ESA 2024 jedoch Männer häufiger die Kriterien einer Abhängigkeit: bei Schlafmitteln (Hypnotika) 22,7 gegenüber 7,2 Prozent, bei Beruhigungsmitteln (Sedativa) 22,9 gegenüber 15,9 Prozent.

Die Verordnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wiederum zeigen Rückgänge: Bei Benzodiazepinen sank die Menge von 93,06 Millionen Tagesdosen (Defined Daily Dose, DDD) 2016 auf 68,57 Millionen 2025, bei Z-Substanzen von 70,17 auf 47,26 Millionen DDD. Längerfristige Verschreibungen erfolgen jedoch häufig auf Privatrezept. „Damit fehlt uns ein wichtiger Teil des Gesamtbildes“, kritisiert Bschor. Hinzu komme die mangelnde Vernetzung: Betroffene könnten sich bei mehreren Praxen kleine Mengen verschreiben lassen und verschiedene Apotheken nutzen, ohne dass die Verordnenden voneinander wüssten. „Das ist formal legal, entspricht aber nicht einer leitliniengerechten Versorgung.“

Missbrauch opioidhaltiger Schmerzmittel

Auch Opioide bergen ein hohes Abhängigkeitspotenzial. Warnzeichen sind etwa Kontrollverlust, starkes Verlangen nach dem Medikament oder das gezielte Einfordern bestimmter Präparate. Starke Opioide wie Fentanyl, Oxycodon, Hydromorphon oder Morphin werden auf BtM-Rezept verordnet, Tramadol dagegen nicht. Ausgenommen sind auch bestimmte Tilidin-Retardpräparate, die den Wirkstoff verzögert freisetzen und mit Naloxon einen Opioid-Gegenspieler enthalten, der den Missbrauch erschwert. Die GKV-Verordnungsmenge blieb in den vergangenen zehn Jahren nahezu stabil: 406,72 Millionen DDD 2016 gegenüber 398,29 Millionen 2025. Zugleich häufen sich laut NEWS die Hinweise auf einen problematischen beziehungsweise missbräuchlichen Gebrauch opioidhaltiger Schmerzmittel bei jüngeren Konsumierenden, teils in Kombination mit illegalen Substanzen. Bschor sieht zudem den Einsatz bei chronischen Schmerzen kritisch. Mit dazu beigetragen habe das ursprünglich für Tumorschmerzen entwickelte WHO-Schmerzschema, das eine stufenweise Therapie bis hin zu starken Opioiden vorsehe. „Problematisch wird es, wenn dieses Schema auf andere chronische Schmerzformen übertragen wird“, sagt er. Dadurch seien Opioide breiter eingesetzt worden als vorgesehen. Besonders betreffe das Fentanyl. Obwohl die Verordnungsmenge gesunken sei, werde der Wirkstoff weiterhin häufig eingesetzt. Gerade Fentanylpflaster können laut Bschor „harmloser wirken und nicht wie ein ,richtiges‘ Medikament“. Am Abhängigkeitspotenzial ändere die Darreichungsform jedoch nichts.

Bei einer Abhängigkeit von verschriebenen Opioiden steht meist das kontrollierte Ausschleichen oder ein Entzug im Vordergrund. Eine Substitution mit Methadon oder Levomethadon richtet sich dagegen vor allem an Menschen mit einer Abhängigkeit von illegal konsumierten Opioiden.

„Medikamentenabhängigkeit entsteht häufig dort, wo Menschen eigentlich Hilfe suchen.“

Professor Dr. Hendrik Streeck

Mediziner, Bundestagsabgeordneter und Drogenbeauftragter der Bundesregierung

ADHS-Mittel nur nach gesicherter Diagnose

Neben Benzodiazepinen und Opioiden gibt es weitere Arzneimittel mit Missbrauchs- oder Abhängigkeitspotenzial. Dazu gehört Pregabalin, das bei neuropathischen Schmerzen eingesetzt wird. Sein Abhängigkeitspotenzial ist zwar geringer, besteht laut Bschor aber insbesondere bei früherer oder bestehender Suchterkrankung sowie sehr hohen Dosierungen.

Auch die BtM-rezeptpflichtigen Stimulanzien Methylphenidat und Lisdexamfetamin zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) besitzen Missbrauchspotenzial. Bei sorgfältig diagnostiziertem ADHS und fachgerechter Behandlung entstehe nur selten eine Abhängigkeit, sagt Bschor. Kritisch werde es bei einem Einsatz ohne gesicherte Diagnose: „Denn sie können auch bei Menschen ohne ADHS leistungssteigernd wirken.“

Nicht jede problematische Langzeiteinnahme ist dagegen eine Sucht im klassischen Sinne. Abschwellende Nasensprays etwa können bei längerem Gebrauch einen Kreislauf aus Schleimhautschwellung, häufigerer Anwendung und Dosissteigerung auslösen. Antidepressiva wiederum machen nicht abhängig, können beim Absetzen nach längerer Einnahme aber Beschwerden wie Schwindel oder innere Unruhe verursachen.

Foto von Hendrik Streeck, Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen
Dauer der Einnahme, sicheres Absetzen – das müssen Patienten bei Medikamenten mit Abhängigkeitspotenzial wissen, sagt Hendrik Streeck. Der Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen plädiert zudem für die elektronische Verordnung der Mittel.
20.10.2026Stefanie Roloff5 Min

Prävention vor der ersten Verordnung

Abrutschen in die Abhängigkeit: Das geschieht oft schleichend und leise.

Eine Medikamentenabhängigkeit entwickelt sich meist schleichend. „Die Übergänge zwischen therapeutischer Anwendung, Fehlgebrauch und Abhängigkeit sind manchmal schwer erkennbar“, betont das IFT. „Allein die tägliche Einnahme eines Medikaments bedeutet noch nicht, dass eine Abhängigkeit vorliegt“, sagt auch Bschor. Entscheidend sei, dass mehrere Abhängigkeitsmerkmale zusammenkommen. Dazu zählen Kontrollverlust, Entzugssymptome, Dosissteigerungen oder starkes Verlangen nach dem Medikament, das sogenannte „Craving“.

Die Prävention von Medikamentenabhängigkeit beginnt vor der ersten Verordnung. „Vor allem braucht es eine sorgfältige Suchtanamnese“, sagt Bschor. Von Anfang an müsse klar sein, warum und wie lange ein Medikament eingesetzt und wann seine Notwendigkeit überprüft werde. Die elektronische Patientenakte könne helfen, Mehrfachverordnungen aufzudecken – vorausgesetzt, relevante Informationen seien für die Behandelnden einsehbar. Bschor plädiert zudem für strengere gesetzliche Vorgaben. „Ich sehe keinen überzeugenden Grund, warum etwa Tramadol, Tilidin oder auch Benzodiazepine nicht ebenfalls stärker über das Betäubungsmittelrecht reguliert werden.“ Das könne zugleich die Dokumentation und Erfassung der Verordnungen verbessern. Auch auf fachlicher Ebene soll Prävention künftig mehr Gewicht bekommen: Die bisherige S3-Leitlinie „Medikamentenbezogene Störungen“ wird derzeit überarbeitet. Die Neufassung soll laut der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften stärker auf die Verordnungspraxis einwirken und sowohl die Früherkennung als auch die Behandlung bei problematischem Medikamentengebrauch klarer strukturieren.

Hilfen passend zum Bedarf

Welche Hilfe im Fall einer Abhängigkeit notwendig ist, hängt auch davon ab, wie diese entstanden ist. Bei einer älteren Patientin, die nach längerer Benzodiazepin-Verordnung abhängig geworden ist, kann ein ärztlich begleitetes Ausschleichen im Vordergrund stehen. Anders ist die Situation bei jüngeren Menschen mit Mischkonsum, die etwa Benzodiazepine zusätzlich zu Kokain oder Amphetaminen nehmen, um nach deren stimulierender Wirkung wieder zur Ruhe zu kommen. Die Medikamente stammen in solchen Fällen häufiger vom Schwarzmarkt. Gefragt sind dann meist zusätzlich suchtmedizinische und psychosoziale Hilfen.

Suchtberatungsstellen übernehmen dabei eine wichtige Lotsenfunktion: Sie beraten und vermitteln in medizinische, psychotherapeutische, ambulante oder stationäre Angebote. „Das Beendigen einer Medikamentenabhängigkeit beginnt immer mit dem Erkennen des Problems“, betont die Initiative „Stille Sucht“ des Universitätsklinikums Tübingen – und verweist auf die rund 1.300 Suchtberatungsstellen. Auch Angehörige könnten sich dort beraten lassen. Ergänzend kann Selbsthilfe vor, während und nach einer Behandlung unterstützen und Rückfällen vorbeugen. Viele Sucht-Selbsthilfegruppen stehen Menschen mit Medikamentenproblemen offen. Ausschließlich darauf spezialisierte Gruppen gibt es jedoch nicht überall. Je nach Schwere und Verlauf kommt zudem eine medizinische Rehabilitation infrage.

Suchtberatungsstellen übernehmen beim Weg aus der Abhängigkeit eine wichtige Lotsenfunktion.

Apotheken sind ebenfalls eine wichtige Schnittstelle. In einem vom Bundesgesundheitsministerium geförderten Modellprojekt der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände – wurden 102 überwiegend ältere Menschen mit Benzodiazepin-Abhängigkeit gemeinsam von Apotheken und Arztpraxen betreut. 46 Prozent konnten das Medikament absetzen, weitere 28 Prozent die Dosis reduzieren. Ein aktuelles ABDA-Faktenblatt zum Arzneimittelmissbrauch betont die Bedeutung pharmazeutischer Beratung und der Zusammenarbeit der Heilberufe.

Vorbeugen soll auch die von der DHS mitentwickelte „4-K-Regel“. Ihre vier Grundsätze lauten: klare Indikation, kleinste notwendige Dosierung, kurze Anwendung und kein schlagartiges Absetzen. Oder wie es die Tübinger Initiative auf den Punkt bringt: „So lange wie nötig, so kurz wie möglich!“

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