Interview Versorgung

„Aufklärung muss viel konkreter werden“

20.10.2026 Stefanie Roloff 5 Min. Lesedauer

Dauer der Einnahme, sicheres Absetzen – das müssen Patienten bei Medikamenten mit Abhängigkeitspotenzial wissen, sagt Hendrik Streeck. Der Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen plädiert zudem für die elektronische Verordnung der Mittel.

Foto von Hendrik Streeck, Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen
Auch ärztlich verordnete Medikamente könnten abhängig machen, warnt Streeck.

Herr Professor Streeck, in Deutschland gelten je nach Schätzung zwischen 1,1 und 1,9 Millionen Menschen als medikamentenabhängig. Warum gibt es keine genauen Zahlen?

Prof. Dr. Hendrik Streeck: Medikamentenabhängigkeit ist schwer zu erfassen. Sie findet häufig im Verborgenen statt und beginnt nicht selten mit einem regulär verordneten Medikament. Die Grenze zwischen bestimmungsgemäßer Einnahme, problematischem Gebrauch und Abhängigkeit ist deshalb in Befragungen nicht immer leicht abzubilden. 

Sie haben gewarnt, dass digitale Vertriebswege die Hemmschwelle für Medikamentenmissbrauch senken. Welche konkreten Schritte planen Sie dagegen?

Streeck: Digitale Vertriebswege senken die Hürden. Was früher Arztkontakt, Apotheke oder persönlichen Handel voraussetzte, ist heute oft nur wenige Klicks entfernt. Gleichzeitig werden Substanzen wie Tilidin oder Benzodiazepine in Teilen der Rap- und Influencer-Szene verharmlost oder als Lifestyle inszeniert. Darauf müssen wir konkret reagieren: Plattformen müssen illegale Angebote aktiv erkennen und sperren. Digitale Verschreibungen brauchen verlässliche Identitätsprüfung, klare ärztliche Verantwortung und medizinische Mindeststandards. Und beim Versand muss die legale Versorgungskette nachvollziehbar bleiben.

Besonders ältere Menschen sind von Abhängigkeit durch Schlaf- und Beruhigungsmittel betroffen. Welche Rolle spielt die Versorgungssituation in der Altenpflege dabei?

Streeck: In bestimmten Situationen ist es durchaus sinnvoll, diese Medikamente für kurze Zeiträume einzusetzen. Leider müssen wir feststellen, dass häufig wiederholt und zu lange verordnet wird und dann eine Abhängigkeit entsteht. Hier müssen die nicht-medikamentösen Behandlungsoptionen mehr in den Fokus. Und es stimmt auch, dass diese Mittel in Pflegeeinrichtungen immer wieder gezielt zur Beruhigung der Bewohnerinnen und Bewohner eingesetzt werden. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass gerade dort zu viele Menschen dauerhaft Beruhigungs- und Schlafmittel erhalten. Die Qualität in der Pflege ist ein wichtiges Thema und dazu gehören unbedingt auch die Suchtfragen.

Sehen Sie beim Versorgungsanstieg mit opioidhaltigen Schmerzmitteln eine Entwicklung, die in Richtung der US-Opioidkrise weisen könnte?

Streeck: Eine Entwicklung wie in den USA sehen wir in Deutschland bislang nicht. Aber wir sehen Warnsignale, die wir sehr ernst nehmen müssen. 2024 wurden synthetische Opioide wie Fentanyl bereits bei rund 16 Prozent der Drogentodesfälle festgestellt. Hinzu kommen hochpotente neue Substanzen wie Nitazene, die inzwischen auch in Deutschland auftauchen. Besonders aufmerksam beobachten wir zudem den Missbrauch opioidhaltiger Schmerzmittel wie Tilidin, Tramadol und Oxycodon bei jungen Menschen. Gefährlich wird es vor allem beim Mischkonsum mit Alkohol, Benzodiazepinen oder anderen Drogen. Deshalb müssen wir handeln, bevor sich eine solche Entwicklung verfestigt. Dazu gehören ein bundesweites Monitoring und Frühwarnsystem, ein konsequentes Vorgehen gegen den illegalen Onlinehandel und eine breite Verfügbarkeit von Naloxon. Die Lehre aus den USA ist, dass man bei hochpotenten Opioiden nicht warten darf, bis aus einzelnen Warnsignalen eine Krise geworden ist.

„Was ärztlich verordnet wird und gegen Beschwerden hilft, wird kaum als mögliche Suchtgefahr wahrgenommen.“

Prof. Dr. Hendrik Streeck

Medikamentenabhängigkeit bleibt oft jahrelang unentdeckt. Was muss sich in der Aufklärung ändern?

Streeck: Das Problem beginnt häufig mit einem falschen Sicherheitsgefühl. Was ärztlich verordnet wird und gegen Beschwerden hilft, wird kaum als mögliche Suchtgefahr wahrgenommen. Gerade deshalb kann sich eine Abhängigkeit über Monate oder Jahre entwickeln, ohne dass Betroffene oder ihr Umfeld sie früh erkennen. Aufklärung muss deshalb viel konkreter werden. Wer ein Medikament mit Abhängigkeitspotenzial erhält, sollte von Anfang an wissen, wie lange es eingenommen werden soll, welche Warnzeichen es gibt und wie ein sicheres Absetzen aussieht. Gleichzeitig sehen wir eine neue Entwicklung bei jungen Menschen, die solche Medikamente ohne medizinische Indikation über digitale Vertriebswege beziehen. Hier müssen wir deutlich machen, dass eine Tablette nicht automatisch sicher ist, nur weil sie wie ein Arzneimittel aussieht.

Schätzungen zufolge nehmen rund 700.000 Erwerbstätige regelmäßig leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Mittel. Sollten Betriebe stärker in die Prävention eingebunden werden?

Streeck: Der Arbeitsplatz ist einer der wichtigsten Orte für Prävention, weil Menschen dort einen großen Teil ihres Alltags verbringen. Wir haben mit der betrieblichen Gesundheitsförderung bereits gute Strukturen, die wir stärker für das Thema Medikamentenmissbrauch nutzen müssen. Dazu gehören Aufklärung, niedrigschwellige Beratung und ein Arbeitsumfeld, in dem Überlastung nicht mit Tabletten kompensiert werden muss. Gerade kleine und mittlere Unternehmen brauchen dabei mehr Unterstützung.

Welche gesetzgeberische Maßnahme würde kurzfristig wirken, um Medikamentenmissbrauch einzudämmen?

Streeck: Die eine Maßnahme wird es nicht geben. Aber einen Schritt halte ich für überfällig: Verschreibungspflichtige Medikamente sollten grundsätzlich nur noch elektronisch verordnet werden, unabhängig davon, ob jemand gesetzlich oder privat versichert ist oder selbst bezahlt. Bei Medikamenten mit Abhängigkeitspotenzial brauchen wir nachvollziehbare und fälschungssichere Verschreibungswege. Nur so lassen sich Mehrfachverordnungen und auffällige Muster erkennen. Dazu gehört auch das E-Rezept für Betäubungsmittel. Hier erwarte ich bald eine Lösung.

Woran wollen Sie sich als Drogenbeauftragter beim Thema Medikamentenabhängigkeit messen lassen?

Streeck: Meine Aufgabe ist es, Probleme sichtbar zu machen, Entwicklungen früh zu erkennen und dort Druck aufzubauen, wo Strukturen nicht ausreichen. Bei der Medikamentenabhängigkeit heißt das für mich vor allem, das Thema aus seinem Schattendasein zu holen. Ich möchte erreichen, dass wir offener über diese Risiken sprechen, Verschreibungswege sicherer gestalten und dass Beratung früher ansetzt.

Illustration: Eine Person im Schlafanzug liegt auf verschieden großen und bunten Pillen und Tabletten.
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Zur Person

Prof. Dr. Hendrik Streeck, MdB, ist seit Mai 2025 Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen. Der Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie leitet das Institut für Virologie am Universitätsklinikum Bonn und ist ordentliches Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestages.

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