Interview Prävention

„Wissenschaft ist differenzierter und kommunikativ im Nachteil“

20.10.2026 Änne Töpfer 5 Min. Lesedauer

Influencer erzeugen mit vermeintlich einfachen Lösungen Aufmerksamkeit, sagt Martin Smollich. Doch gerade bei Ernährungsthemen gebe es selten Schwarz-Weiß-Antworten. Sein Ziel: mit Social Media Gesundheitskompetenz zu stärken.

Foto: Eine Person macht Fotos von einem gesunden Frühstück, das extra schön angerichtet ist
Social Media stellt komplexe Sachverhalte oft vereinfacht dar und verspricht schnelle Lösungen.
Prof. Dr. Martin Smollich, Apothekerund Leiter der Arbeitsgruppe Pharmakonutrition am Institut für Ernährungsmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Lübeck

Herr Professor Smollich, Sie betreiben einen Social-Media-Kanal zu Ernährungsthemen. Worauf kommt es Ihnen in der Kommunikation an?

Prof. Dr. Martin Smollich: Mir ist wichtig, wissenschaftliche Evidenz so zu übersetzen, dass sie verständlich und relevant wird, ohne sie dabei unzulässig zu vereinfachen. Gerade bei Ernährung gibt es selten Schwarz-Weiß-Antworten. Deshalb versuche ich, Unsicherheiten und Grenzen der Datenlage sichtbar zu machen und zugleich konkrete Orientierung zu geben. Social Media sollte nicht nur Reichweite erzeugen, sondern Gesundheitskompetenz stärken: Menschen sollen Aussagen besser einordnen und informiert Entscheidungen treffen können.

Wie unterscheidet sich Ihr Kanal von den Influencer-Videos, die Sie für die AOK-Studie geprüft haben?

Smollich: Der wichtigste Unterschied ist für mich nicht die Berufsbezeichnung „Influencer“, sondern die Arbeitsweise. Ich gehe von der wissenschaftlichen Evidenz aus, nicht von einer möglichst zugespitzten Botschaft oder einem Produkt. Quellen, Interessenkonflikte und Unsicherheiten müssen transparent sein; Fehler müssen korrigierbar bleiben. Zugleich versuche ich bewusst, die Kommunikationsmechanismen sozialer Medien zumindest dort zu nutzen, wo sie die Seriosität und wissenschaftliche Validität nicht beeinträchtigen. Evidenzbasierte Inhalte helfen wenig, wenn sie die Menschen nicht auch tatsächlich erreichen, wo diese sich informieren.

Um welche Ernährungsthemen geht es in den für die AOK-Studie analysierten Videos besonders häufig?

Smollich: Besonders häufig begegnen einem Themen mit hoher Alltagsnähe und starkem Versprechen: Abnehmen, Muskelaufbau und Protein, vermeintlich gesunde oder ungesunde Lebensmittel, spezielle Ernährungsformen sowie Nahrungsergänzungsmittel. Attraktiv sind vor allem Inhalte, die einfache Erklärungen für komplexe Probleme anbieten – etwa einzelne Lebensmittel oder Inhaltsstoffe als Ursache von Beschwerden oder umgekehrt als Lösung für Gesundheit, Leistungsfähigkeit oder Gewichtsprobleme.

„Plattformen müssen stärker in die Verantwortung genommen werden.“

Prof. Dr. Martin Smollich

Welches Muster erkennen Sie in den Fehlinformationen auf Social Media?

Smollich: Ein wiederkehrendes Muster ist die extreme Vereinfachung: Aus einem möglichen Effekt wird eine Gewissheit, aus einer Beobachtung eine Ursache und aus einem Einzelfall eine allgemeine Empfehlung. Dazu kommen starke Emotionalisierung und klare Feindbilder – bestimmte Lebensmittel, Zucker, Kohlenhydrate oder Zusatzstoffe werden pauschal als schädlich dargestellt. Solche Botschaften funktionieren algorithmisch gut, weil Angst, Empörung und vermeintlich einfache Lösungen Aufmerksamkeit erzeugen. Wissenschaft ist dagegen häufig differenzierter und damit kommunikativ im Nachteil.

Welche aktuellen Trends und Fehlinformationen halten Sie für besonders bedenklich?

Smollich: Besonders problematisch finde ich Trends, die unnötige Angst vor normalen Lebensmitteln erzeugen oder zu extrem restriktiven Ernährungsweisen führen. Dazu gehören etwa die pauschale Verteufelung von Kohlenhydraten, Rapsöl oder Milchprodukten sowie sehr einseitige Ernährungsformen wie die Carnivore Diet. Noch kritischer wird es, wenn Ernährung oder Supplemente als Alternative zu einer notwendigen medizinischen Behandlung dargestellt werden. Das ist leider vor allen Dingen rund um Krebserkrankungen der Fall. Dann kann aus Fehlinformation unmittelbar ein Gesundheitsrisiko werden.

Welche Rolle spielt die Werbung für bestimmte Produkte? 

Smollich: Gesundheitsbezogene Inhalte und Produktvermarktung sind auf Social Media häufig eng miteinander verbunden, ohne dass diese Verbindung direkt erkennbar ist. Im Ernährungsbereich stehen Nahrungsergänzungsmittel, Protein- und Fitnessprodukte sowie Produkte rund um Gewichtsmanagement und vermeintliche Stoffwechseloptimierung im Vordergrund. Heikel wird es, wenn ein Gesundheitsproblem oder eine Angst kommunikativ erzeugt und anschließend ein Produkt als Lösung angeboten wird.

Foto: Von hinten und unten fotografiert: Eine Frau in türkisch glänzender Winterjacke mit Fellbesatz an der Kapuze hält einen Selfiestick mit Smartphone in die Höhe.
Influencer geben auf Social Media häufig Gesundheitstipps, die mit Vorsicht zu genießen sind. Eine aktuelle AOK-Studie belegt, dass die Mehrheit der Tiktok- und Instagram-Beiträge zu Ernährung und Bewegung Fehlinformationen enthalten.
20.10.2026Karolin Diefenbach5 Min

Wie ließe sich die Häufigkeit von Fehlinformationen in den Influencer-Videos mit Ernährungsbezug verringern?

Smollich: Wir brauchen mehrere Ebenen gleichzeitig. Erstens sollten öffentliche Gesundheitseinrichtungen, Krankenkassen und Fachgesellschaften Social Media stärker proaktiv nutzen – orientiert am Mediennutzungsverhalten der Zielgruppen: persönlich, verständlich, visuell, interaktiv und schnell. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit fachlich qualifizierten Medfluencern, weil sich Reichweite und Vertrauen nicht kurzfristig institutionell aufbauen lassen. Zweitens brauchen wir ein systematisches und vor allem zeitnahes Debunking, also die Entlarvung falscher Inhalte. Dafür halte ich eine fachlich und finanziell unabhängige zentrale Fact-Checking-Struktur für sinnvoll, in der Expertise aus Wissenschaft, Fachgesellschaften und Aufsicht gebündelt wird und die Social Media kontinuierlich auf relevante Fehl- und Desinformationen screenen kann. Drittens sollten Ärztinnen und Ärzte, Ernährungsfachkräfte und andere Gesundheitsberufe gezielt für professionelle Social-Media-Kommunikation qualifiziert werden. Diese Berufsgruppen bringen fachliche Kompetenz und einen hohen Vertrauensvorschuss mit, werden bislang aber viel zu wenig dabei unterstützt, diese Stärke auch digital einzusetzen. 

Was muss die Politik tun, um die digitale Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung zu erhöhen?

Smollich: Digitale Gesundheitskompetenz muss früh und systematisch vermittelt werden – in Schulen, aber auch darüber hinaus. Entscheidend ist, Quellen bewerten, Werbung erkennen und wissenschaftliche Evidenz einordnen zu können. Politik sollte aber nicht allein auf die Eigenverantwortung der Nutzerinnen und Nutzer setzen. Wir brauchen zugleich bessere Strukturen auf der Angebotsseite: niedrigschwellige evidenzbasierte Informationsangebote, die Förderung professioneller Gesundheitskommunikation auf Social Media und eine personelle und strukturelle Stärkung von Lebensmittelüberwachung und Verbraucherschutz. 

Brauchen wir strengere Regeln für gesundheitsbezogene Social-Media-Beiträge?

Smollich: Nicht jede falsche oder fachlich fragwürdige Aussage sollte staatlich reguliert werden. Mehr Strenge und Konsequenz muss es dort geben, wo kommerzielle Interessen, irreführende Gesundheitsversprechen oder Gesundheitsgefahren ins Spiel kommen. Gerade bei Nahrungsergänzungsmitteln sehe ich ein Vollzugsproblem: Für Health Claims und Werbung existieren bereits Regeln. Sie müssen auf Social Media durchgesetzt werden. Dafür brauchen Lebensmittelüberwachung und Verbraucherschutz ausreichende Ressourcen. Plattformen müssen stärker in die Verantwortung genommen werden. Ergänzend kann ein unabhängig vergebenes Qualitätssiegel für fachlich geprüfte Gesundheitskommunikation Orientierung schaffen. 

Zur Person

Prof. Dr. Martin Smollich ist Apotheker und leitet seit 2018 die Arbeitsgruppe Pharmakonutrition am Institut für Ernährungsmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Lübeck. Er war als Experte an der AOK-Studie „Fehlinformationen im Bereich Bewegung und Ernährung auf Social Media” beteiligt.

Mitwirkende des Beitrags